Debatte wird im Parlament nur simuliert. Roger Willemsen

Demokratisiert die Kulturhauptstadt!

Die Idee der europäischen Kulturhauptstadt ist ein vielversprechender Ansatz. Leider wird das Konzept häufig von der Politik vereinnahmt. Es ist Zeit, wieder mehr auf die lokale Kulturszene zu hören. Nur dort zeigt sich, was eine Stadt einzigartig macht.

Die Idee der Europäischen Kulturhauptstadt ist eines der erfolgreichsten und attraktivsten EU-Programme. Seit der ersten Kulturhauptstadt 1985 haben mehr als 40 Städte von der mit der Auszeichnung verbundenen Aufmerksamkeit profitiert. Jedes Jahr bewerben sich viele Städte um den begehrten Titel.

Die Realität zeigt jedoch, dass bei der Durchführung des Programms oftmals ungewollte Nebeneffekte auftreten. Lokale oder staatliche Regierungen reißen die Organisation an sich, während die kulturelle Kernaufgabe leidet. Im Laufe der Jahre gab es wiederholt Situationen, in denen der Einfluss der Politik dazu geführt hat, dass renommierte Kulturdirektoren an die Seitenlinie verbannt wurden und die lokale Kunstszene ignoriert, zerstritten oder geschwächt worden ist. Ein Beispiel dafür ist der Fall den slowenischen Theaterregisseurs Tomaž Pandur. Erst vor kurzem trat er als Programmdirektor von Maribor zurück. Die Stadt soll eigentlich in 2012 europäische Kulturhauptstadt werden.

Die Auszeichnung wird mitunter vor allem als Wachstumsspritze verstanden, da EU-Gelder in die jeweilige Stadt fließen. Man sollte allerdings nicht vergessen, dass die meisten notwendigen Investitionen von lokalen oder staatlichen Stellen getätigt werden müssen. Die EU trägt mit dem Melina Mercouri Preis gerade einmal 1,5 Millionen Euro bei. Es liegt also im Interesse der Stadt, dass die Investitionen auch langfristige Renditen versprechen und ein nachhaltiges und lebendiges Gemeindeleben ermöglichen.

Eine offensichtliche Gefahr hängt mit großen Infrastrukturprojekten zusammen. Diese Projekte verbrauchen enorm viele Ressourcen und bleiben oftmals auch während des Jahres als Kulturhauptstadt unvollendet. Strategische Investitionen sollten also vor allem den Menschen vor Ort nutzen – durch bessere Lebensbedingungen, durch mehr Bürgerbeteiligung, durch einen besseren Zugang zu Kulturangeboten. Bisher ist es leider so, dass der Fokus darauf sich auf das eine Jahr beschränkt, während die Stadt im internationalen Rampenlicht steht. An die Zeit danach wird nicht gedacht, Entscheidungen werden ohne Beachtung der Nachhaltigkeit von Investitionen getroffen.

Die Idee der Kulturhaupstadt hat viele Vorteile. Aber wie können Städte es schaffen, das meiste aus den Möglichkeiten zu machen, die ihnen geboten werden? Ein Ansatz ist, das Kulturprogramm wirklich auf die Aspekte zuzuschneiden, die eine Stadt besonders machen. Je stärker lokale Schwerpunkte und Projekte herausgestellt werden, desto interessanter ist die Stadt auch für ein internationales Publikum. Die Bedeutung der Kulturhauptstadt ergibt sich auch aus den Unterschieden einer lokalen Kulturszene zu regionalen oder nationalen Gegebenheiten. Es ist schließlich das lebendige und gesunde lokale Kulturleben, dass eine Stadt als Bezugspunkt europäischer Diskurse interessant macht.

Es gibt zu viele Beispiel dafür, dass große Budgets für die Produktion großer, einmaliger und international beworbener Events ausgegeben wurden. Kulturschaffende sollten jetzt darauf bestehen, dass das Programm der Kulturhauptstadt auf langfristige Formen der künstlerischen Zusammenarbeit und auf die Kooperation von internationalen und lokalen Künstlern setzt.

Die zahlreichen Probleme sind ein Hinweis darauf, dass eine Europäische Kulturhauptstadt einen effektiven Eigenmanagement und Monitoring-Prozess braucht, um die komplexen Vorbereitungen und auch die Veranstaltungen während des Jahres als Kulturhauptstadt zu überwachen. Das bedeutet nicht, dass die EU Kommission aus der Verantwortung entlassen werden sollte. Doch es besteht der Bedarf an einer unabhängigen Kontrollinstanz, die sich von der aktuell vorhandenen Organisation unterscheidet. Diese Instanz sollte Vertreter der lokalen Zivilgesellschaft, der lokalen Wirtschaft, Vertreter anderer Städte und Regionen und unabhängige Experten beinhalten. Die Dezentralisierung ist essenziell, wenn wir eine Umsetzung der oben diskutierten Schwerpunkte garantieren wollen. Eine laufende Kontrolle auf lokaler Ebene ist dabei effektiver als eine punktuelle Kontrolle “von oben herab”.

Jede Europäische Kulturhauptstadt ist gleichzeitig ein Beitrag der Stadt und der umliegenden Region zur Entwicklung Europas und ein Zeichen für die Vielfalt und den Reichtum unserer europäischen Kulturgeschichte. Jede Stadt kann auf ihre eigene Weise darstellen, was sie auszeichnet und welchen Beitrag sie zur Europa leisten kann. Die Idee der Kulturhauptstadt sollte nicht zu einem jährlich stattfindenden willkürlichen Event verkommen, dass lediglich den Ort wechselt. Das Programm der Kulturhauptstadt sollte sich stattdessen an den lokalen Gegebenheiten und dem kulturellen Potential der jeweiligen Stadt orientieren.

Das können wir nur erreichen, wenn wir die Menschen vor Ort in die Gestaltung des Programms und in seine Umsetzung mit einbeziehen. Am Ende geht es um die kulturellen Besonderheiten der einzelnen Stadt – und nicht um politische Konstellationen.

Eine englische Version dieses Beitrags finden Sie hier

„A Soul for Europe“ ist eine Initiative, die auf die Zusammenarbeit zwischen der Zivilgesellschaft und politischen Entscheidungsträgern setzt. Sie möchte das Europa der Vorschriften und Institutionen durch ein Europa ersetzen, das die Verantwortung für politische Mechanismen stärker auf seine Bürger überträgt. Ausgehend von ihren Standorten in Amsterdam, Belgrad, Berlin, Brüssel, Porto und Tiflis bildet die Initiative ein internationales Netzwerk aus europäischen Städten und Regionen, dem Kultur- und Wirtschaftssektor sowie politischen Entscheidungsträgern. Kernstück dieses Netzwerks ist die Strategiegruppe, in der 55 Personen aus 21 Länden mitwirken.

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