Eine Regierung, die alle Bürger verdächtigt, sollte abtreten und sich ein anderes Volk suchen. Volker Beck

Vom Müll in den Mund

Kennt man erst die Folgen der Massenproduktion, ist ein Umdenken unausweichlich. Unser Essen hat ein zweites Leben verdient.

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Der Bezug der Menschen zur lebensspendenen Nahrung ist in den vergangenen Jahrzehnten von einem kostbaren Gut zu einem Ramsch- oder Überflussprodukt geworden. So hat das Gros der Konsumenten die Wertschätzung für Lebensmittel verloren – und mit ihr eine ausgeglichene, gesunde und nachhaltige Ernährung. Weltweit produzieren wir so viel Nahrung, dass wir ohne Probleme mehr als zwölf Milliarden Menschen mit ausreichend Lebensmitteln versorgen könnten.

Gleichzeitig lassen wir laut UN über ein Drittel aller Lebensmittel verkommen bzw. sogar mehr als die Hälfte in kapitalistisch geprägten Überflussgesellschaften. Der Hunger spiegelt dabei die dekadente Situation von Mangel und Opulenz unseres Zeitalters: Jeder siebte Mensch auf Erden leidet an Hunger und Millionen sterben sogar an den Folgen. Gleichzeitig gibt es mehr Menschen, die an Übergewicht als an Unterernährung leiden. Die Menschen haben zudem die Kenntnis über die Folgen ihres Konsums verloren: Geleistete Arbeit, Umweltschaden und Tierleid der Lebensmittel bleiben meist im Verborgenen. Viele haben sogar Ängste, der Realität ins Auge zu schauen: Jedes Kilo Fleisch verbraucht zwischen 6.000 und 17.000 Liter virtuelles Wasser, also das Wasser, welches zur Erzeugung eines Produkts aufgewandt wurde, sowie zwischen 6 und 17 Kilo Tierfutter, was dazu führt, das heute mehr als die Hälfte der gesamten Getreideernte und sogar 90 Prozent der gesamten Sojaernte weltweit für Tiere bestimmt ist.

Es geht auch um unsere eigene Gesundheit

Die Grundwasserpegel sinken besonders in den wasserarmen Regionen der Welt dramatisch, aufgrund unseres Konsums von Baumwolle, Lebensmitteln, Kaffee, Kakao, Rosen, Mineralien, Rohstoffen und allen weiteren Importen aus den Ländern mit Wassermangel verschärfen wir Hunger, verschmutzen und verbrauchen Grundwasser, Seen und Flüsse. Landwirtschaftliche Produkte und Nahrungsmittel haben mit 86 Prozent den höchsten Anteil am weltweiten Wasserfußabdruck.

Im Angesicht dieser Tatsachen ist es aber nicht zeitgemäß, nur über den eigenen Verlust von über 300 Euro nachzudenken, der durch im Schnitt 80 kg weggeworfene Lebensmittel pro Person im Jahr entsteht. Nein, es ist unausweichlich, sich der ökologischen und sozialen Folgen dieser perversen Überflussgesellschaft für alle Lebewesen und die Natur bewusst zu werden. Jean Ziegler, Ex-Sonderberichterstatter der UN für das Recht auf angemessene Ernährung, bringt es auf dem Punkt: „Ein Kind, das heute am Hunger stirbt, wird ermordet.“

Mehr als je zuvor sind wir alle verantwortlich für das Ungleichgewicht von unserem fragilen Ökosystem, welches in den vergangenen Jahrzehnten mehr unter der Menschheit gelitten hat als unter allen anderen Generationen vor uns zusammen. Wir sind verantwortlich für das explosionsartig angestiegene Artensterben, Umweltverschmutzung und die gerodeten Urwälder, auf denen genmanipulierte Samen mit Pestiziden, Herbiziden und Dünger angebaut werden. Das Tierfutter in Europa wird zu 80 Prozent importiert und besteht meistens aus Soja, welches aus Übersee importiert wird und den Klimawandel bzw. den Hunger in der Welt weiter verschärft. Laut dem renommierten Worldwatch-Institut ist die Tierindustrie für über die Hälfte aller Treibhausgase verantwortlich und somit der entscheidendste Motor des Klimawandels, welcher gerade bei den Menschen, die am wenigsten Treibhausgase in die Atmosphäre ausgestoßen haben, viel Hunger verursacht. Abgesehen von dem grausamen Leid der über 60 Milliarden Tiere, die wir pro Jahr auf dem Planeten umbringen, geht es bei der Nahrung auch um unsere eigene Gesundheit. Die hängt stark von dem ab, was wir essen: Über eine Million Kilo Antibiotika wird den Tieren in Deutschland jedes Jahr verabreicht, damit diese ihr kurzes Dasein überleben können.

Der Trend zur Nachhaltigkeit ist im vollen Gange

Durch den Fischkonsum werden die Menschen zu Müllhalden ihres eigenen Abfalls, Schwermetalle und kleinste Plastikpartikel gelangen so in den menschlichen Körper. Tierische Produkte sind weit mehr verantwortlich für Krebs, Osteoporose, Herzerkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes, Alzheimer, Übergewicht und andere schwerste, ernährungsbedingte Erkrankungen, als wir annehmen. Unter den Fachärzten gilt schon länger, dass eine ausgeglichene, vegane Ernährung am gesündesten ist. Dazu kommt, dass diese auch für das Bewusstsein wohltuende Ernährung ein Vielfaches weniger an Agrarfläche benötigt. Es liegt also in unseren Händen, verantwortungsbewusst mit unseren Mitmenschen, Tieren, der Natur und uns selbst umzugehen. Anstatt Konzerne, Staaten und Politiker für die Misere in der Welt anzuprangern, sollten wir uns bewusst werden, dass wir durch unser Konsumverhalten Gerechtigkeit wählen.

Es bleibt keine Zeit mehr, auf Gesetze, Normen oder Institutionen zu warten, jeder muss – ganz nach M. Gandhi – selbst den Wandel leben, den er auf der Welt sehen will. Der Trend zu einer nachhaltigen und ethischen Ernährung ist im vollen Gange, überall auf der Welt beginnen die Menschen zu erwachen. Allein in Deutschland hat sich in den letzten Jahrzehnten die Anzahl von Vegetariern auf über sechs Millionen vervielfacht. Bioläden, lokale Kooperationen mit Bauern und urbane Gärten sprießen nur so aus der Erde. Unter www.foodsharing.de wird es bald möglich sein, alles noch Verzehrbare von Privatpersonen, Supermarkt aber auch vom Bauern zu teilen und so unkompliziert und sozial Lebensmitteln wieder ihren wahrhaftigen Wert zu schenken. Dann ist es auch nicht mehr weit, bis die kritische Masse erreicht ist und es cool sein wird, pflanzliches, biologisches, lokales und saisonales Essen zu sich zu nehmen und Reste via Foodsharing zu verschenken.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Matthias Horst, Sebastian Zösch, Ilse Aigner.

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