Erfahrung heißt gar nichts. Man kann seine Sache auch 35 Jahre schlecht machen. Kurt Tucholsky

„Mit alternativen Energien wird Friedenspolitik betrieben“

Versiegende Ressourcen sind das größere Problem als der Klimawandel, sagt Ranga Yogeshwar. Im Gespräch mit Sebastian Pfeffer und Thore Barfuss erklärt der Wissenschaftsjournalist, warum die Energiewende ohne einen Bewusstseinswandel scheitern wird.

The European: Herr Yogeshwar, wie alternativlos ist die Energiewende?
Yogeshwar: Ich störe mich an dem Begriff alternativlos. Denn dieselbe Vokabel wurde benutzt, um vor der Energiewende die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke zu rechtfertigen. Alternativlosigkeit ist immer zutiefst undemokratisch, weil uns Bürgern keine Optionen bleiben.

The European: Also wäre der Ausstieg aus der Energiewende auch eine demokratische Option.
Yogeshwar: Mir geht es vor allem darum, dass Politik im Kontext der Energiewende genau das Gegenteil zu den Schlagworten bieten muss: mehr Alternativen als bisher.

The European: Welche könnten das sein?
Yogeshwar: Der Energiehunger nimmt zu – nicht nur hier in Deutschland, sondern weltweit. Die fossilen Brennstoffe werden immer knapper. Schauen Sie auf die Preise: Benzin kostet 1,70 Euro, Heizöl 80 Cent pro Liter. Es ist absehbar, dass sie weiter steigen und wir uns nach Alternativen umschauen müssen. Dabei muss die gesamte Bepreisung berücksichtigt werden – nicht nur das, was wir an der Tankstelle oder mit der Stromrechnung zahlen.

„Kernenergie ist weltweit keine relevante Energiequelle“

The European: Was meinen Sie damit?
Yogeshwar: Wir vergessen gerne die sekundären Kosten. Ressourcen lösen weltweit Konflikte aus. Nehmen Sie nur den Nahen Osten! Wir akzeptieren für die herkömmliche Energie sehr viele Kollateralschäden. Mit alternativen Energien wird auch Friedenspolitik betrieben.

The European: Das wäre doch ein Argument für Atomenergie. Die können wir hier in Deutschland produzieren.
Yogeshwar: Das ist zu kurz gedacht: Schauen Sie sich den Konflikt in Mali genau an. Eine der Ressourcen, um die es da geht, ist Uran. Irgendwann wird auch dieser Rohstoff knapp. Zudem wird die gleiche Technologie, die von den Menschen an dem einen Ort propagiert wird, an einem anderen Ort – Stichwort Iran – plötzlich sehr kritisch gesehen. Kernenergie birgt eine militärische Komponente, die nicht wegzudenken ist.

The European: Die Entscheidung gegen Kernenergie war also richtig?
Yogeshwar: Wir müssen mehrere Faktoren beachten. Kernenergie ist weltweit keine besonders relevante Energiequelle. Ihr Anteil am Energiemix ist gering und sie wird das Energieproblem nicht lösen. Der zweite Punkt ist die offene Entsorgungsfrage: Diese Kosten stellen für die kommenden Generationen eine große Belastung dar. Wenn es zu einem Problem kommt, dann wird es ein ernsthaftes – siehe Fukushima oder Tschernobyl. Zuletzt sind auch die Sicherheitsanforderungen so hoch, dass Atomkraft ökonomisch kritisch wird. Das zeigt zum Beispiel das neue Kraftwerk der „dritten Generation“ in Finnland.

The European: Warum werden dann weltweit neue Kraftwerke gebaut?
Yogeshwar: Um den heutigen Stand an Atomkraftwerken zu halten, bräuchte es eine enorme Bauaktivität. Eine, die weit größer ist als das, was gerade geschieht. In vielen Ländern mag Kernenergie eine von vielen Optionen sein, ihre Renaissance ist aber undenkbar.

The European: Können alternative Energien den Energiehunger denn stillen?
Yogeshwar: Wir befinden uns in einer Übergangsphase. Die nächsten Jahre sind eine Scharnier-Zeit, in der einige Technologien auslaufen und andere entwickelt werden. Auf der technologischen Seite muss noch sehr viel passieren: Das gilt für Solarkraft, für Windtechnik, für die Frage der Stromübertragung und für die Speichertechnologien. Da sind noch eine Menge Fragen offen.

The European: Zum Beispiel?
Yogeshwar: Die regenerativen Energien funktionieren gut, falls wir eine hohe Vernetzung über große Flächen schaffen. Der wichtige Unterschied zu Kohle- oder Kernkraftwerken ist, dass wir nicht in einer Logik der steigenden Energiedichte operieren.

The European: Was genau bedeutet das?
Yogeshwar: Wir erbringen nicht mehr ein Gigawatt elektrische Leistung auf engstem Raum. Stattdessen ist die Fläche wichtig geworden. Das bedeutet, dass es nicht mehr nur wenige Energieerzeuger und viele Abnehmer geben kann. Es findet ein Wechsel statt, hin zu einem dichten Netz an Erzeugern, die wiederum ein dichtes Netz an Abnehmern versorgen.

„Die Regierung macht einen großen Fehler“

The European: Können das die Energieunternehmen leisten?
Yogeshwar: Die Energieunternehmen können wunderbar große Kraftwerke bauen, aber das Handling von vielen kleinen beherrschen sie nicht. Es gibt da eine gewisse Parallele zu den 1980er-Jahren: Damals gab es viele Großcomputer, das Internet und die kleinen Server-Maschinen kamen erst langsam auf. Viele Firmen haben diese Entwicklung nicht verstanden, sind sie nicht mitgegangen und daher vom Markt verschwunden. Dasselbe erleben wir momentan im Energiesektor.

The European: Die großen Energiekonzerne arbeiten also an ihrer eigenen Abschaffung?
Yogeshwar: Nicht unbedingt. Denn so oder so lösen sich die klassischen Strukturen auf. Das bedeutet aber nicht, dass die großen Energiekonzerne morgen nicht mehr da sind. Das hängt von deren Lernfähigkeit ab. Sie müssen sich umorientieren.

The European: Es gibt einen Unterschied zur Computerbranche: Der Energiemarkt ist nicht frei. Die Bundesregierung greift massiv ein.
Yogeshwar: Das war schon immer so. In jeder Epoche der Bundesrepublik wurde Energie subventioniert. Aber wir erleben gerade den fundamentalsten Wandel der Infrastruktur. Jetzt muss der Staat erst recht investieren.

The European: Setzt die aktuelle Bundesregierung die richtigen Impulse?
Yogeshwar: Nein. Die Regierung macht einen großen Fehler.

The European: Welchen?
Yogeshwar: Die gesamte Organisationsstruktur ist absolut unzureichend. Das beginnt damit, dass wir keine klaren Zuständigkeiten haben. Diese pendeln irgendwo zwischen Wirtschaftsministerium, Umweltministerium und Bundeskanzleramt hin und her.

The European: Brauchen wir also einen Energieminister?
Yogeshwar: Wir brauchen zumindest einen Beauftragten, der mit klaren Kompetenzen ausgestattet ist. Ein professionelles Management für die Energiewende muss her. Es muss Schluss sein mit der reinen Befriedigung von Lobby-Interessen. Was schlechte Organisation anrichtet, sieht man am neuen Berliner Flughafen.

The European: Sie haben das Ressourcen-Problem angesprochen. Saubere Energie ist der zweite große Aspekt der Energiewende – Stichwort Klimawandel.
Yogeshwar: Die Ressourcen sind auf lange Sicht das größere Problem.

The European: Der Klimawandel ist für Sie zweitrangig?
Yogeshwar: Das nicht. Aber stellen Sie sich vor, wir hätten kein Klimaproblem und Treibhausgase wären irrelevant. Trotzdem droht eine Katastrophe: Uns gehen die Rohstoffe aus! Es ist viel klüger, nicht die Klima-Karte zu spielen, sondern wirklich auf dieses offensichtlichere Problem hinzuweisen. Am Ende sind wir in beiden Szenarien gezwungen, ähnlich zu handeln.

„Es ist schlichtweg an der Zeit, ehrlich zu sein“

The European: Müssen wir die Energiewende stärker als europäisches Projekt betrachten und Solaranlagen statt in Hessen direkt in Griechenland bauen?
Yogeshwar: Natürlich. Auch das ist ein Merkmal der regenerativen Energien. Es muss über Grenzen hinweg gedacht werden. Das zeigt sich sehr gut am Beispiel der Volatilität: Es gibt Tage, an denen die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht. Das zwingt uns, Ausgleichsmöglichkeiten wie Gaskraftwerke beizubehalten. Wenn man aber großflächig operiert, zum Beispiel gesamteuropäisch…

The European: … scheint immer irgendwo die Sonne.
Yogeshwar: Genau. Ökonomisch ergibt es absolut Sinn, sich europaweit besser zu vernetzen. Was aber nicht zu unterschätzen ist: Dafür braucht es einen immensen Wandel der Infrastruktur. Allein zwischen Portugal, Spanien und Frankreich müssten nach aktuellen Hochrechnungen Leitungen für 48 Gigawatt bereitgestellt werden. Das ist ein Riesen-Projekt. Je früher wir damit angefangen, desto eher werden wir vor den Konsequenzen eines „Weiter so“ bewahrt.

The European: Was wären das für Konsequenzen?
Yogeshwar: Dramatische Einschnitte ins Sozialsystem und internationale Konflikte um Ressourcen.

The European: Sie argumentieren mit den Langzeitkosten. Die sind aber im Hier und Jetzt schwer zu vermitteln.
Yogeshwar: Nein, das denke ich nicht. Es ist schlichtweg an der Zeit, ehrlich zu sein. Wenn der Bürger das Gefühl hat, dass die Energiewende gut und ehrlich gemanagt ist, wird er auch dahinter stehen.

The European: Sind Sie da sicher?
Yogeshwar: Seit vier, fünf Jahren erlebt die Öffentlichkeit ein Verwirrspiel von Lobbyisten, Politikern und anderen partikularen Interessengemeinschaften. Das verunsichert enorm. Als Umweltminister hat sich Norbert Röttgen beispielsweise zunächst für längere Laufzeiten engagiert und wurde dann ad hoc durch einen völligen Newcomer – Peter Altmaier – ersetzt. So stellt man kein Vertrauen her.

„Es gibt Verantwortliche, die lernfähig sind“

The European: In der Debatte zählen Ideologien nun mal mehr als rationale Argumente.
Yogeshwar: Ich würde das nicht ideologisch nennen, sondern interessengeleitet. Davon ist die Vergangenheit geprägt, deshalb hat der Staat Unsummen in Kohle- und Kernenergie investiert. Energiepolitik ist immer echte Politik gewesen. Jetzt sind wir aber in einer Phase, in der wir einen Wechsel brauchen – einen Wechsel der Player. Nicht mehr solche, die das Lied der Industrie-Interessen singen, sondern solche, die tatsächlich die Probleme lösen wollen.

The European: Ist eines davon, dass bei Beschluss der Energiewende kein Konzept vorlag?
Yogeshwar: Zunächst fand die Verlängerung der Laufzeiten nicht im Konsens mit der Bevölkerung statt. Die Mehrheit war dagegen. Die Politik hatte wegen der Energie- und Industrieinteressen eine – wie ich finde – undemokratische Entscheidung getroffen. Der Frust darüber hat sich dann im Kontext von Fukushima entladen. Der Bürger hat gesagt: „Jetzt reicht’s!“ Und die Politik hat eine 180-Grad-Wende gemacht, weil sie ansonsten von der Bevölkerung die rote Karte bekommen hätte.

The European: Steckt dieses alte Denken noch in den Köpfen der Regierungsmitglieder?
Yogeshwar: Das kann ich nicht sagen. Es gibt Verantwortliche, die lernfähig sind. Aber natürlich gibt es den einen oder anderen, der gerne business as usual betreiben würde. Was ich eher für ein Problem halte, ist, dass dieser Schritt – langfristig wäre er ohnehin nötig gewesen – so schwer, so komplex, so groß ist. Meine große Sorge ist, dass das Management dafür unzureichend ist.

The European: Mit dem richtigen Management ist die Energiewende also zu schaffen?
Yogeshwar: Ja, das muss sie. Wenn diese Energiewende nicht funktioniert, dann wird das Land in vielerlei Hinsicht an Ansehen verlieren.

„Die Energiewende hat einen kulturellen Aspekt“

The European: Was ist die wichtigste Aufgabe?
Yogeshwar: Die Energiewende ist mehr als die Frage, ob der Strom aus Quelle A oder Quelle B kommt. Es geht sehr viel tiefer. Ein Beispiel: Die Energiewende tangiert die Frage nach der Mobilität. Ersticken wir in Zukunft weiter im Autoverkehr oder schaffen wir neue Transportmöglichkeiten? Solche, die sogar eine Rückintegrationswirkung ins gesamte Energiekonzept haben? Wir stehen im Bereich der Energieeffizienz und dem Energiesparen vor riesigen Herausforderungen – Stichwort: intelligentes Stromnetz. Und unsere Generation muss unbedingt ihren Ressourcenverbrauch überdenken.

The European: Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?
Yogeshwar: Wir kaufen Dinge und schmeißen sie sofort wieder weg. Es ist absurd, ein komplettes Energieszenario umzubauen, während wir weiter massiv Ressourcen verschwenden. Die Energiewende hat einen kulturellen Aspekt.

The European: Die gleiche Logik beobachten wir beim Atomstrom. Die Kosten für den Abfall liegen in der Zukunft und werden von der Gemeinschaft getragen. Ein Phänomen, das wir beim Konsum ebenso finden: Die langfristigen Kosten für den Verbrauch werden einfach umgelegt.
Yogeshwar: Absolut. Der Fortschritt in den letzten Jahrzehnten zeichnete sich durch eine Steigerung des Konsums aus. Wir haben schonungsloses Wachstum zu einer zentralen Leitlinie unseres Handelns ausgerufen.

The European: Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?
Yogeshwar: Wir müssen lernen, dass Konsum an sich kein Wert ist. Wachstum geht irgendwann in eine Sättigung über. Schon jetzt wachsen wir ja gar nicht mehr, wenn man mal die Schulden dagegen rechnet. Wir verschieben nur noch Richtung Zukunft – ob in der Finanzwelt oder bei den fossilen Brennstoffen. Wir haben eine Haltung von unseren Eltern und Großeltern übernommen, in der Konsum der heilige Gral ist und nicht über den nächsten Schritt nachgedacht wird

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Martin Rees: „Wir haben das Schicksal der Erde in der Hand“

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 2/2013 des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Vollendung, warum uns der Kampf um das Menschenbild alle angeht. Lesen Sie, wie der Mensch von Morgen aussehen könnte und warum es Gründe gibt, sich vor ihm zu fürchten. Außerdem: Wie eine Welt ohne Fußball aussehen könnte, was die Welt über die deutsche Energiewende denkt und ob der Atheismus das Zeug hat, die neue Weltreligion zu werden.

Sie können es hier direkt bestellen.

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