Eher werden Sie sich halbieren als die Arbeitslosigkeit. Joschka Fischer

„Wir werden alles ein bisschen sozialer machen“

Die Facebook-Managerin Randi Zuckerberg im Gespräch mit Chefredakteur Alexander Görlach. Die Aufnahme entstand auf dem Digital-Life-Design-Event des Burda-Verlags in München.

The European: Sie haben eine große Aktion für Haiti gemacht. Was genau haben Sie getan?
Zuckerberg: Es war interessant, 150.000 Status-Akutalisierungen zu sehen. Bei 350.000.000 Usern weiß man, wenn irgendetwas irgendwo passiert. Was wir auch gesehen haben, ist, dass Hunderte Non-Profit-Organisationen und Regierungen auf Facebook ihre Seiten aktualisiert haben. Wir haben uns verantwortlich gefühlt, diese Informationen an einer Stelle anzuhäufen. Die Leute haben gesucht, wo kann ich spenden und wie kann ich helfen? So haben wir mit den einschlägigen Hilfsorganisationen zusammengearbeitet, um einen “Global Disaster Relief Hub” auf Facebook zu schaffen, wo man aktuelle und genaue Informationen bekommt, was jetzt genau und in diesem Moment passiert.

The European: Letztes Jahr haben wir über Wahlen und das Social Web gesprochen. Ist es Zeit, über Charity zu sprechen?
Zuckerberg: Ich denke, es geht mehr um Bewegungen als um Spendenaktionen. Das letzte Mal, als wir gesprochen haben, war Obamas Amtseintritt. Millionen sind dabei zusammengekommen, um dieses Event zu verfolgen. Aber dann gab es auch die Wahlen in Iran. Ein sehr gutes Beispiel, wo die Leute Social Media benutzen und sich vernetzen im In- und im Ausland, um anderen zu helfen. Ich denke, wir haben viele erdrückende Nachrichten gesehen. Erinnern wir uns an den Tod von Michael Jackson letzten Sommer. Das war ein unglaublicher Moment für Social Media. Als die Nachricht publik wurde, reagierten Millionen von Nutzern und fühlten sich somit verbunden. Was auch immer die Aufmerksamkeit der Welt ergriffen hat – Politik, Kultur oder Eilmeldungen aus der Presse –, Facebook ist ein sehr starkes Instrument, um die Leute zusammenzubringen.

The European: Lassen Sie uns über Kampagnen und den Iran sprechen. Gibt es eine Möglichkeit zu vermeiden, dass Sie politisch missbraucht werden können? Ich spreche davon, dass die iranische Regierung Facebook ausnutzen könnte, um dort ihr Programm zu verkünden.
Zuckerberg: Wir vertreten auf Facebook keine politischen Standpunkte. Wir gehen sehr strikt gegen Hassreden und Brutalität vor. Wir hoffen, dass jeder Standpunkt auf Facebook vertreten wird. Ich glaube, das fördert Bildung und Toleranz.

The European: Ist Social Media nicht auch ein sehr demokratisches Instrument?
Zuckerberg: Wir fahren später zum World Economic Forum nach Davos und setzen fort, was wir letztes Jahr begonnen haben. Vorbei an den Führern dieser Welt führten wir sofortige Umfragen auf Facebook durch. Letzes Jahr haben wir während einer Sitzung eine Umfrage gestartet, ob das “Economic Stimulus Package” geschätzt wird. Jeder in der Sitzung meinte: Ja, das ist gut, und Hunderttausende Facebook-User sagten: Nein, es ist nicht gut. Das war ein sehr kraftvoller Moment. Es hat die Diskussion um das Paket sehr demokratisiert. Es ist nicht damit getan, dass sechs Weltführer ein Thema besprechen. Man muss den Rest der Welt in diese Diskussion miteinbeziehen.

The European: Also gibt es eine bestimmte Perspektive, was Politik, Demokratie und Werte betrifft.
Zuckerberg: Das ist richtig. Je zugänglicher wir die Information machen und die Leute darüber zusammen diskutieren, desto besser werden die Entscheidungen ausfallen.

The European: In Bezug auf China, Sie sind dort verboten, nicht wahr?
Zuckerberg: Ja, wir werden dort komplett blockiert.

The European: Weil China keine demokratische Gesellschaft ist. Ist das der Grund?
Zuckerberg: In Iran haben wir während der Wahlen Nutzungseinbrüche von über 50 Prozent erlebt. Wir haben keine definitiven Informationen dazu, ob wir im Land blockiert werden. Die Quellen deuten jedoch darauf hin, dass dies der Fall ist.

The European: Würden Sie sagen, Google hat es mit dem Rückzug richtig gemacht?
Zuckerberg: Ich habe keine persönliche Meinung dazu, aber wenn ich die Meinung unser Nutzer vertreten soll, sind sie für die Entscheidung von Google.

The European: Wir haben uns letztes Jahr über Politik und Social Media unterhalten. Nach einem Jahr Obama, glauben Sie, dass sich Ihre Nutzer weniger für Politik interessieren oder gar enttäuscht sind?
Zuckerberg: Nein, ganz und gar nicht. Ich sehe mehr Beschäftigung mit dem Thema als jemals zuvor. Es war sehr aufregend zu sehen, dass andere Länder geführt haben. Es war interessant zu sehen, was Facebook für eine Rolle bei den Wahlen gespielt hat. Ich glaube aber auch, dass die Wirtschaftskrise ein sehr großes Thema war letztes Jahr und insbesondere das Gesundheitswesen in den Vereinigten Staaten. Ich glaube, dass die Leute politischer sind und politische Themen mehr als sonst ansprechen und diskutieren wollen.

The European: Gibt es Konflikte mit Ihrem neutralen Standpunkt, dass es mehr oder weniger erlaubt ist, sich auf Ihrer Seite zu streiten, zu provozieren?
Zuckerberg: Ich glaube, das ist auch gut so. Ich hoffe, dass man sich vermehrt mit Usern, die andere Standpunkte haben, verbindet. Wir haben zusammen mit der Stanford University an einem Lehrprogramm gearbeitet. Es heißt peace.facebook.com. Die Absicht ist, dass sich Leute, die gegensätzliche Standpunkte vertreten, verbinden können. Vielleicht ist damit ja dann der erste Schritt für den Weltfrieden getan. Wir beobachten es, wenn Leute aus Palästina und Israel Freunde auf Facebook werden. Leute mit verschiedenen Religionen, Muslime und Christen. Leute mit verschiedenen Standpunkten. Wir verfolgen diese ungewöhnlichen Freundschaften im 24-Stunden-Takt. Ich glaube, dass das zu einer lebendigen Debatte führt.

The European: Die Teilnehmer haben hier sehr viel über Micropayments auf Facebook gesprochen. Ist das der nächste Schritt?
Zuckerberg: Wir haben das gerade vor ein paar Monaten eingeführt. Das hat eine große Rolle gespielt bei der Hilfe in Haiti. Also, “Causes” hat eine ganze Reihe von Organisationen wie UNICEF und das Rote Kreuz eingebunden und man hatte die Möglichkeit, fünf Dollar spenden. Um die Initiative zu unterstützen, haben die Entwickler von FarmVille 100 Prozent ihrer Erlöse an das “United Nations World Food Programme” gespendet. Ich denke, das ist noch die Spitze des Eisbergs, aber der erste Schritt ist gemacht.

The European: Glauben Sie, dass Micropayments für Medieninhalte genutzt werden könnten? Glauben Sie, dass sie der Medienindustrie helfen könnten?
Zuckerberg: Das ist eine interessante Idee. Es wird schon viel mit Micropayments gemacht. Also denke ich mal, warum nicht?

The European: Was ist der nächste Schritt von Social Media? Was meinen Sie?
Zuckerberg: Identität ist sehr interessant. Eine Meinung wird stärker gewichtet, wenn Sie Ihre eigene Identität anheften. Vor ein paar Jahren waren die Leute noch anonymer, wenn es darum ging, über gewisse Themen zu sprechen. Auf Facebook trägt man seinen eigenen Namen, man hat eine echte Identität im Netz.

The European: Wenn wir in ein paar Jahren von Google durch unsere Fotos aufgespürt werden können und das dann direkt an unser Facebook-Konto angebunden werden kann. Ist das etwas, was Sie beängstigt?
Zuckerberg: Jeder Person trifft eine Entscheidung, was sie teilen will, und ich glaube, Facebook Connect macht unzählige Sachen möglich. Facebook wird in Zukunft alles ein bisschen sozialer machen.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Kevin Kelly: „Platz da, hier kommt die Dampfwalze“

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