Wir dürfen uns nicht auf Einzelne verlassen. Jeffrey Sachs

„Das ist doch schrill!“

Katholiken und Protestanten stehen vor der gewaltigen Aufgabe, ihre Kirchen ins 21. Jahrhundert zu führen. Alexander Görlach und Julia Korbik sprechen mit dem evangelischen Landesbischof Ralf Meister über Globalisierung, bunte Gewänder und ein Drittes Vatikanisches Konzil.

The European: Bischof Meister, Papst Benedikt fordert die „Entweltlichung“ der katholischen 
Kirche. Fühlen Sie sich angesprochen?
Meister: Ja. Ich kann mit diesem – auf den ersten Blick missverständlichen – Begriff viel anfangen, auch im Hinblick auf meine evangelische Kirche. Ich verstehe den Papst so, dass er nicht „Raus aus der Welt“ meint, sondern alle Kirchen auffordert, zu prüfen, ob sie ihrem Auftrag gemäß dem Evangelium noch gerecht werden. Das kann manchmal auch in einer kritischen Distanz zur Welterfahrung stehen.

The European: Wird die christliche Kirche angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen nicht geradezu zum Rückzug aus der Welt gezwungen?
Meister: Warum? Das Gegenteil ist richtig. Denn sonst würde es Marginalisierung oder Selbstisolation bedeuten. Wie Johann Baptist Metz sagt: „Das Christentum ist eine Religion mit dem Gesicht zur Welt.“ Das heißt, die Glaubensbotschaft zwingt zur Begegnung und Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Veränderung. Doch gleichzeitig lebt der Glaube von einer Distanz zur Welt. Das scheint paradox und ist doch grundlegend für den christlichen Glauben.

„Ein Drittes Vatikanisches Konzil wäre kein katholisches mehr“

The European: Welches Gesicht sollte sie der Welt denn zeigen?
Meister: Die Kirche muss anschaulich machen, wie ihre Rolle zwischen evangeliumsgemäßem Wirken und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu beschreiben ist.

The European: An welchem Punkt dieser Anpassung steht die 
Kirche in Deutschland, welche Probleme sehen Sie?
Meister: Wir müssen unsere Haltung zu strittigen Themen klarer zeigen. Wir sind als verfasste Kirche, auch als Organisation ein Teil der Gesellschaft. Zugleich gibt es den prophetischen Auftrag der Kirche – sie bleibt ein kritisches Gegenüber zur Gesellschaft. Wenn wir auf die zurückgehende Zahl der Kirchenmitglieder schauen, scheint der Einfluss der Kirche geringer zu werden. Manche sprechen von Marginalisierung. Aber die Wirkung der Botschaft der Kirche war niemals proportional zur Anzahl ihrer Mitglieder.

The European: Die Kirche hat den Auftrag zur Selbsterneuerung. Vor 50 Jahren ging mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ein großer Umbruch einher. Heute fordern viele Katholiken ein Drittes Vatikanum.
Meister: Ein Drittes Vatikanisches Konzil wäre kein katholisches mehr.

The European: Wie meinen Sie das?
Meister: Die Bedingungen heute sind völlig andere als zu Zeiten des Zweiten Vatikanums. Weder leben wir im Kalten Krieg, noch ist ein Drittel der Menschheit staatlich verordnet atheistisch. Heute gibt es 2,2 Milliarden Christen, 1,6 Milliarden Muslime, eine Milliarde Hindus und viele global erfahrbare Herausforderungen.

The European: Was hat sich dadurch konkret verändert?
Meister: Vor 50 Jahren hatte sich die Kirche an den gesellschaftlichen Rand manövriert. Technologische Dynamik, die neuen sozialen Bewegungen und politischen Verwerfungen und Grundanfragen an das Selbstverständnis der katholischen Kirche – darauf sollte reagiert werden. Diese Funktion erfüllte das Zweite Vatikanische Konzil. ­Heute müsste ein Konzil noch stärker fragen, welche Rolle Gott in den Antworten auf die globalen Herausforderungen spielt. Unser Wahrheitsanspruch bricht sich am Wahrheitsanspruch der anderen Religionen und umgekehrt. Diese Frage stellt sich heute viel schärfer als noch in den 1960er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

The European: Was bedeutet diese neue globale Dynamik für die Kirchen und ihre Gläubigen?
Meister: Wir werden weiterhin eine Vielfalt von Regionalisierung und Territorialisierung erleben, die widersprüchlich scheint zu den Erfahrungen von Globalisierung. Darin wird sich auch die Frage nach der Konzentration von Macht und Strukturen stellen. Was wird zentral sein? Sicherlich nicht eine Institution, die dann die gleichen Maßstäbe unter völlig verschiedenen Rahmenbedingungen für Menschen auf der ganzen Erde formuliert.

„Weihnachten ist die Hütte voll“

The European: Welche Rolle wird dann der Papst spielen? Der ehemalige bayerische Landesbischof Friedrich hat sich eine blutige Nase geholt, weil er forderte, im Papst den Sprecher aller Christen zu sehen.
Meister: In vielen Grundsatzfragen sind sich die evangelische und die katholische Kirche einig. Wenn der Papst über die Ausbeutung der Welt redet, wenn er die Auswüchse in der Finanzpolitik und -wirtschaft anprangert, wenn er soziale Gerechtigkeit thematisiert – dann gilt das auch für die evangelische Kirche. Dann spricht er als getaufter Christ und Bischof von Rom, der weltweit eine besondere Aufmerksamkeit genießt. Da kann ich mich doch nicht hinstellen und sagen: „Nein, nein, das ist nur für die Katholiken bestimmt.“ Das ist doch lächerlich.

The European: Wenn wir auf die Zukunft der Kirchen blicken: Wie wird das Christentum in 100 Jahren aussehen?
Meister: Man wird sicher sagen können: In St. Marien in Lübeck, in der Frauenkirche in Dresden oder im Kölner Dom – zu Weihnachten ist die Hütte voll, und Menschen werden Gott dafür danken, dass er Mensch geworden ist.

The European: Und wenn gerade nicht Weihnachten ist?
Meister: Wir werden auch in 100 Jahren ein Sensorium für die religiösen Sehnsüchte von Menschen haben. Wir werden mit ihnen Gott anschaulich machen in dieser Welt. Die Organisationsformen werden andere sein, wie auch die evangelische Kirche vor 100 Jahren noch eine ganz andere war. Vielleicht wird es Regionen ohne christliche Gemeinden 
geben, aber es wird auch eine neue Kultur von Evangelisation geben; Hauskreise und das Laienpastoral werden Gemeinden gestalten und von der Geschichte Jesu erzählen – genau wie im zweiten Jahrhundert nach seiner Geburt.

„Kirche wird zu einem Moment im Vorübergehen“

The European: Was macht Sie so sicher, dass sich nicht noch mehr Menschen von der Kirche abwenden? Ist ein Leben ohne den christlichen Gott nicht leichter?
Meister: Richtig. Ein okkulter Ritus mit einem Pendel über Ihrem Mittagessen zeigt Ihnen innerhalb weniger Sekunden, ob es genießbar ist oder nicht. Mit Jesus ist das ein bisschen schwieriger, der ergreift das ganze Leben. Viele erfahren das nur noch punktuell und nehmen Kirche vor allem bei Gelegenheiten wahr: Wenn sie zu einer Hochzeit eingeladen ­werden oder der Opa stirbt. Die Kirche wird so zu einem Moment im Vorübergehen. Ich finde das aber nicht nur dramatisch.

The European: Was kann Kirche den Menschen heute noch konkret bieten?
Meister: Die Kirche bleibt zunehmend für Menschen interessant, weil sie andere Antworten auf Angst, Hoffnungslosigkeit und Weltermüdung bietet. Und sie bietet einen anderen Umgang mit der Erfahrung von Leid in dieser Welt. Hier könnte tatsächlich der Begriff der „Entweltlichung“ passen: Wir bleiben 
befremdlich, weil wir die Letzten sind, die einen 2.000 Jahre alten Text jeden Sonntag auslegen, der von Erlösung spricht, und uns dazu in Kostüme werfen und Lieder singen, die seit 500 Jahren gesungen werden. Das ist doch schrill!

The European: Und die Kirche hat trotzdem noch Anziehungskraft?
Meister: Ja, natürlich. Je beschleunigter Menschen existieren, desto größer wird auch die Sehnsucht nach etwas Beständigem. Dafür stand Kirche und dafür wird sie auch immer stehen. Wir sehnen uns nach dem, was wir „Ewigkeit“ nennen. Wir Christen kennen nicht nur das Hier und Jetzt, sondern auch das Endzeitliche, das Eschaton.

The European: Das Eschaton als Anbruch einer neuen Welt ist eine Vorstellung der Zukunft. Das, was wir uns früher als Utopie ausgemalt haben, wird immer schneller Wirklichkeit – beispielsweise durch technologischen Fortschritt.
Meister: Das stimmt. Aber Eschaton meint mehr. Wir können heute ein Raumschiff losschicken und genau sagen, wie lange es braucht, um auf dem Mars zu landen. Unsere technologischen Fantasien und Utopien konnten wir schon immer schön ausformulieren. Aber wir sind komplett überfordert, uns die soziale Wirklichkeit in 100 Jahren vorzustellen. Welche Form von Gemeinschaft wird es geben, und wie werden wir sie organisieren? Wie werden wir Gott darin suchen und finden? Das christliche Eschaton bezieht sich auf die Gegenwart Gottes. Es meint die Gemeinschaft der Gläubigen mit Gott, die im Hier und Jetzt beginnt, den Bogen aber bis in die Ewigkeit spannt. Denn das Reich Gottes, von dem Jesus spricht, ist schon da und hat nichts mit futuristischer Technologie zu tun.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Christine Eichel: „Politiker aus dem Pfarrhaus vermitteln uns keinen Glauben“

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Dieser Beitrag ist in der ersten Printausgabe des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Utopia – Unsere Welt in 100 Jahren, warum die nächste Bundesregierung Schwarz-Orange ist, das rationale Menschenbild nicht trägt und wer 2016 US-Präsident wird.

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