Ich habe als Bundesminister 80 Prozent meiner Kraft dazu verwendet, gegen Unfug anzukämpfen. Ludwig Erhard

„Wir zensieren keine Meinungen“

Friedensnobelpreisträger Rajendra Pachauri spricht im Interview mit The European über eine peinliche Datenpanne, den Kampf gegen den Klimawandel und erklärt, wieso er US-Präsident Barack Obama für einen würdigen Nobelpreisträger hält. Das Gespräch führte Alexander Görlach.

The European: Was muss nach der Klimakonferenz von Kopenhagen ganz oben auf der Agenda der Politik stehen?
Pachauri: Nach den bisherigen Anzeichen werden wir kein flächendeckendes und rechtlich stabiles Abkommen zustande bekommen. Immerhin haben nunmehr alle Verantwortlichen erkannt, dass solch ein Abkommen notwendig ist.

The European: Wenn man für diese Erkenntnis einige Jahre gebraucht hat, dann wird in Kopenhagen sicher nichts Wegweisendes geschehen.
Pachauri: Wir dürfen nicht nach Hause gehen und denken, dass die Klimakonferenz das Problem gelöst hat. Sie wird nur der Beginn einer langen Reise sein und nicht das Ende. Ich glaube, dass die Staatschefs der führenden Industrienationen zunächst in Kopenhagen definieren müssen, wie sie überhaupt zusammenarbeiten können. Ist dies geschehen, könnte man im nächsten Jahr konkret ein Abkommen verhandeln.

“Wir reden hier nicht über die Wettervorhersage”

The European: Letzte Woche haben wir gehört, dass sich die globale Erwärmung verlangsamt hat, nun wurde dies wieder dementiert. Wem können wir Glauben schenken?
Pachauri: Wir reden hier nicht über die Wettervorhersage, sondern über etwas viel Mächtigeres, das Klima. Zukünftig werden wir stellenweise auch kalte Winter und milde Sommer haben, das bedeutet nicht, dass der Klimawandel gestoppt oder sogar beendet ist. Vielmehr ist es so, dass der Mensch in lokale, natürliche Entwicklungen eingegriffen hat. Man darf nicht jedes Jahr von Neuem fragen, was sich im Vergleich zum Vorjahr geändert hat. So etwas kann nur zu falschen Schlussfolgerungen führen.

The European: Zeitungsberichte haben aufgedeckt, dass etliche prominente Forscher ihre Berichte manipuliert hätten, um ihre These vom Klimawandel zu verstärken. Wird der Kampf gegen die globale Erwärmung jetzt zu einer Ideologie?
Pachauri: Die Inhalte der Veröffentlichungen sind bedeutungslos. Es wurde verbotenerweise der private E-Mail-Verkehr von bestimmten Personen publik gemacht, der nicht für die breite Öffentlichkeit bestimmt war. Man muss jetzt sorgfältig ermitteln, wie dies geschehen konnte. Wir im IPCC dagegen haben ganz klar festgelegt, dass das Verfassen von Texten in Autorenteams geschieht und nicht von einzelnen Individuen vorgenommen wird. So kontrollieren wir uns gegenseitig.

The European: Wie kann man Manipulationen verhindern?
Pachauri: Das IPCC beschäftigt sich umfassend mit den Texten, auch wenn sie sich noch im Entwicklungsstadium befinden. Wenn Meinungen vom bisherigen Kenntnisstand abweichen, so werden diese nicht zensiert, sondern ebenfalls veröffentlicht. Das bedeutet für den vorliegenden Fall, den sie ansprechen, dass die Erkenntnisse, die in dem privaten Mailverkehr hin- und hergeschickt wurden, ohnehin früher oder später veröffentlicht worden wären.

“Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass die USA oder andere entwickelte Länder keine Führungspositionen einnehmen wollen”

The European: Sollten Entwicklungsländer wirklich auf die USA oder China warten, bis diese ihnen zur Seite springen, oder sollten sie versuchen, Veränderungen mit ihren eigenen Mitteln umzusetzen?
Pachauri: Man darf bei der Entwicklung von Maßnahmen die Rolle der Entwicklungsländer nicht herunterspielen, sie sollten nicht darauf vertröstet werden, erst auf Hilfe zu warten. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass die USA oder andere entwickelte Länder keine Führungspositionen einnehmen wollen. Deshalb haben wir auch keinen Hebel, die Entwicklungsländer auf bestimmte Festlegungen zu verpflichten. Dennoch sollten diese Staaten prüfen, welche Maßnahmen sie ergreifen können. Da diese vielfach ihrer eigenen Entwicklung zugutekommen, sollten sie es schon im eigenen Interesse machen.

Verständnis für Obamas Ehrung

The European: Was empfinden Sie als Friedensnobelpreisträger über den diesjährigen Empfänger, US-Präsident Barack Obama?
Pachauri: Das norwegische Nobelpreiskomitee hat eine sehr weise Entscheidung getroffen – wie man es auch von ihm gewohnt ist. Meiner Meinung nach hat Präsident Obama einen bedeutenden Richtungswechsel unternommen. Wichtiger als die Tatsache, dass er noch keine konkreten Ergebnisse vorlegen kann, ist die Tatsache, dass er seiner Ankündigung, es werde Veränderung im politischen Umgang und Stil geben, Taten folgen lässt. Und das ist auch das Anliegen des Preises: Obama lässt sich als US-Präsident auf die Themen Nachhaltigkeit und Weltfrieden ein. Ich verstehe seine Auszeichnung daher gut, auch wenn er im Moment nur Verhandlungen führt und noch nichts Konkretes vorweisen kann.

The European: Glauben Sie denn, dass er wirklich etwas ändern wird?
Pachauri: Das hoffe ich. Obama wiederholt seine Forderungen immer und immer wieder. Ich hoffe, dass das der erste Schritt von vielen sein wird.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Stephen Wayne: „Obamas Stern ist gesunken“

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