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Der „nationale Sozialismus“ – mehr als nur eine Propagandaformel

Kann es überhaupt einen Zweifel daran geben, dass Hitler ein Rechter war? War er nicht geradezu der Prototyp des ultrarechten Politikers und aus Sicht der politischen Linken zugleich ein Kapitalistenknecht und Arbeiterfeind? Zweifel sind begründet.

„Hitler ist keineswegs so leicht als extrem rechts im politischen Spektrum einzuordnen, wie es viele Leute zu tun gewohnt sind“ – darauf wies schon der Publizist Sebastian Haffner 1978 in seinen viel beachteten „Anmerkungen zu Hitler“ hin. Untersucht man Hitlers Selbstverständnis und seine Selbstverortung im politischen Spektrum, so wird deutlich, dass er sich weder der linken noch der rechten Seite zuordnen wollte. Hitler wollte beide Extreme überwinden, allerdings nicht in der „Mitte“, sondern durch ein neues Extrem, in dem beide Extreme aufgehoben sind.

„Die Definitionen der beiden Begriffe“, so Hitler am 26. Mai1944, „standen damals in einem diametralen Gegensatz. Der eine war damals rechts der Barrikade und der andere links und ich bin mitten zwischen diese beiden Kämpfer hinein, also auf die Barrikade selbst gestiegen und daher von beiden selbstverständlich abgeschossen worden; ich habe versucht, einen neuen Begriff zu definieren unter dem Motto, dass letzten Endes Nationalismus und Sozialismus unter einer Voraussetzung dasselbe sind, nämlich dass man das Volk in den Mittelpunkt alles Erstrebenswerten rückt… Ich habe damals sowohl von links als auch von rechts schwere Kämpfe gehabt.“

Nationaler Sozialismus

Zwei wirkungsmächtige Ideenströmungen hat das 19. Jahrhundert hervorgebracht: den Nationalismus und den Sozialismus. Durch die marxistische Sozialismus-Tradition war von dieser Seite aus eine Vermählung beider Ideen zunächst ausgeschlossen, denn, wie Marx im „Kommunistischen Manifest“ schreibt: „Die Arbeiter haben kein Vaterland.“ Gleichwohl gab es schon um die Jahrhundertwende Bestrebungen, beide Ideen in einer Synthese zusammenzuführen. So entwickelte der Liberale Friedrich Naumann den Gedanken einer „national-sozialen“ Bewegung, die den Arbeiter für den nationalen Machtstaat gewinnen sollte. Beim Nationalsozialismus ist dieser Anspruch, eine Synthese von Nationalismus und Sozialismus zu sein, oft nicht ernst genommen und bestritten worden.

Für Hitler waren die Begriffe „Nationalismus“ und „Sozialismus“ keine Gegensätze. Der nationale Gedanke, so Hitler, „ist für uns Deutsche identisch mit dem sozialistischen. Je fanatischer national wir sind, umso mehr muss uns die Wohlfahrt der Volksgemeinschaft am Herzen liegen, d.h. umso fanatischer sozialistisch werden wir sein.“ Die rücksichtslose Vertretung der Interessen des Volkes nach innen, gemäß dem Grundsatz „Gemeinnutz vor Eigennutz“, war für Hitler Sozialismus, die rücksichtslose Vertretung der Interessen des Volkes nach außen, bedeute Nationalismus. „Nationaler Sozialismus“ hieß bei Hitler auch: „Sozialismus kann nur sein im Rahmen meines Volkes“, denn es „gibt nur annähernd Gleiche in einem Volkskörper in größeren Rassegemeinschaften, aber nicht darüber hinaus.“

„Chancengleichheit“ innerhalb der „Volksgemeinschaft“

Hitler selbst gebraucht den Begriff der „Chancengleichheit“ nicht, aber der Begriff trifft das, worum es ihm ging – mit einer sehr wichtigen Einschränkung: Wenn heute von Chancengleichheit gesprochen wird, so bezieht sich diese Forderung auf alle Menschen, unabhängig von Nationalität, Hautfarbe, Geschlecht, Religion, sexueller Orientierung usw. Bei Hitler hingegen bezieht sich die Forderung, allen Aufstiegschancen zu geben, ausschließlich auf Angehörige der „deutschen Volksgemeinschaft“. Der nationale Sozialismus hatte erstens einen rein nationalen Geltungsanspruch. Und zweitens waren viele Gruppen von vornherein aus der rassisch verstanden Volksgemeinschaft ausgeschlossen, also etwa Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Erbkranke. Frauen blieb zumindest die Besetzung politischer Funktionen verwehrt. Innerhalb dieses eingeschränkten Geltungsbereiches trat Hitler jedoch vehement dafür ein, insbesondere den Arbeitern Aufstiegschancen zu geben und traditionelle Klassen- und Standesschranken aufzuheben.

Otto Dietrich, einer der engsten Vertrauten Hitlers, bezeichnete in seinen Erinnerungen Hitler als Anhänger des „sozialistischen Leistungsprinzips“ – „deshalb forderte er die gleiche Chance für alle, die Beseitigung aller Vorrechte der Geburt, des Standes und des Bildungsmonopols der Besitzenden… Zu diesem Zweck sollten den aus der breiten Masse in die Führung Emporstrebenden alle Schranken der Vorrechte der Geburt und des Besitzes aus dem Wege geräumt werden.“

Der Historiker Götz Aly hebt in seinem Buch „Hitlers Volksstaat“ die vielen Anleihen des nationalen Sozialismus aus dem linkssozialistischen Ideenvorrat hervor. Für Millionen Deutsche habe das Attraktive am Nationalsozialismus in dem völkischen Gleichheitsversprechen gelegen. „Für diejenigen, die zu der als rassisch einheitlich definierten Großgruppe zählten – das waren 95 Prozent der Deutschen –, verringerten sich die Unterschiede im Binnenverhältnis. Für viele wurde das staatspolitisch gewollte Einebnen der Standesdifferenzen in der Staatsjugend fühlbar, im Reichsarbeitsdienst, in den Großorganisationen der Partei und langsam selbst in der Wehrmacht.“

Hitlers Eintreten für die Schleifung traditioneller Privilegien und seine in unzähligen öffentlichen, aber auch internen Äußerungen vertretene Forderung, Arbeitern bessere Aufstiegsmöglichkeiten zu geben, entstammt seiner sozialdarwinistischen Philosophie. Hitler sah das Bürgertum als kraftlos, dekadent, verfault und schwach an. Zahllose Äußerungen belegen dies. Umgekehrt sah er in den Arbeitern eine „Kraft- und Energiequelle“. In seinen „Tischgesprächen“, also den von Hitler-Vertrauen angefertigten Aufzeichnungen über seine nächtlichen Monologe im vertrauten Kreis, spielte das Thema eine zentrale Rolle. „Das ist die nationalsozialistische Lehre: dass man die Kräfte nimmt, gleich aus welchem sozialen Stand sie kommen.“

Hitlers Forderung nach Aufstiegschancen für Arbeiter begründete sich daraus, dass ein Staat nur dann nach außen kraftvoll auftreten könnte, wenn die Besten eine Chance hätten, nach oben zu gelangen. Daher betonte er immer wieder in seinen Tischgesprächen, „dass man im Inneren der Völker die Bahn frei machen muss dem Tüchtigen, dass man sie nicht verriegeln darf durch Gesellschaftsordnungen, dass man im Inneren der Völker nicht zu einer Sterilisierung der Vermögensverhältnisse kommen darf, sondern dass man auch im Inneren dafür sorgen muss, dass ein fortgesetzter Strom frischen Blutes von unten nach oben kommt und dass alles, was faul ist, weil es träge ist, absterben soll.“

Die moderne historische Wahlforschung zeigt, dass Arbeiter unter den Mitgliedern und Wählern der NSDAP sehr viel stärker vertreten waren, als man früher annahm. Und in der Geschichtswissenschaft hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Einsicht durchgesetzt, dass die „Volksgemeinschaft“ das zentrale Konzept war, das die Attraktivität und Massenwirksamkeit des Nationalsozialismus ausmachte.

Hitlers Antikapitalismus

In wirtschaftlichen Fragen waren Hitlers Ansichten von einem ausgeprägten Antikapitalismus geprägt. Hitler war zwar gegen eine „Vollsozialisierung“, weil er als Sozialdarwinist das Ausleseprinzip auch im Wettbewerb der Wirtschaft schätzte. Doch wandte er sich scharf gegen den Wirtschaftsliberalismus und wurde im Laufe der Jahre zu einem vehementen Anhänger planwirtschaftlicher Vorstellungen. In seinen Tischgesprächen äußerte er 1941: „Freilich lässt sich ein sinnvoller Einsatz der Kräfte eines Volkes nur mit einer Planwirtschaft von oben erreichen.“ Und: „Was die Planmäßigkeit der Wirtschaft angeht, stehen wir noch ganz in den Anfängen.“

Zunehmend wurde Hitler zu einem Bewunderer des sowjetischen Wirtschaftssystems, das nach seiner Meinung dem kapitalistischen System weit überlegen war. Aus den Aufzeichnungen von Wilhelm Scheidt, dem Adjuanten von Hitlers Beauftragtem für die Militärgeschichtsschreibung Scherff, wissen wir, dass Hitler immer stärker „die innere Verwandtschaft seines Systems mit dem so heiß bekämpften Bolschewismus“ erkannt und ausgesprochen habe. „Auch vor Stalin müsse man unbedingten Respekt haben“, erklärte Hitler im inneren Kreis, „seine Wirtschaftsplanung sei so umfassend, dass sie wohl nur von unseren Vierjahresplänen übertroffen werde“. Es stehe für ihn außer Zweifel, dass es in der UdSSR, im Gegensatz zu den kapitalistischen Staaten wie etwa den USA, Arbeitslose nicht gegeben habe. Hitler war, wie er in einem Gespräch mit Mussolini 1944 bekannte, zu der Überzeugung gelangt: „Auch der Kapitalismus hätte seine Rolle ausgespielt, die Völker würden ihn nicht mehr ertragen. Als Sieger würden die Ideen des Faschismus und des Nationalsozialismus übrig bleiben – vielleicht des Bolschewismus im Osten.“

Hitler war, wie er in seiner letzten Rundfunkansprache am 30. Januar 1945 sagte, davon überzeugt, „dass sich die Epoche des zügellosen wirtschaftlichen Liberalismus überlebt hat“. In seinen letzten Diktaten an Martin Bormann äußerte er: „Die Krise der Dreißigerjahre war lediglich eine Wachstumskrise, allerdings globalen Ausmaßes. Der wirtschaftliche Liberalismus entpuppte sich als eine überlebte Formel.“

Linke Systemkritik

Hitlers Kritik demokratischer Gesellschaften liest sich wie eine linke Systemkritik: In den Demokratien herrsche in Wahrheit das Kapital; die Medien seien abhängig von Kapitalisten und die Politiker in den Demokratien durch Aufsichtsratsposten, Aktienbesitz usw. bestochen, so dass in Wahrheit dort nicht das Volk herrsche, sondern das Kapital. Im inneren Kreis bekundete er große Sympathien für Stalin, kritisierte andererseits das Franco-Regime in Spanien als reaktionär und rechnete es den Sozialdemokraten hoch an, dass sie die Monarchie in Deutschland beseitigt hätten.

Die Männer des 20. Juli, also des deutschen Widerstandes gegen Hitler, sahen in ihm einen Sozialisten: Ulrich von Hassell, einer von ihnen, befürchtete, dass der „Sozialismus in Hitler’scher Form“ unvermeidlich auf dem Wege „innerer Bolschewisierung“ das Zerbrechen der Oberschichten zum Ziel habe. So dachten auch viele andere Männer des Widerstandes, die oft ultrakonservativ, deutschnational oder monarchistisch orientiert waren. Sebastian Haffner, der bereits eingangs zitiert wurde, wies darauf hin, dass die einzige Opposition, die Hitler wirklich gefährlich werden konnte, von rechts kam: „Von ihr aus gesehen stand Hitler links. Das gibt zu denken.“ Und der liberale Ökonom und Philosoph Friedrich August von Hayek erkannte schon in seinem 1944 erschienenen Buch „Der Weg zur Knechtschaft“, „dass der Aufstieg von Faschismus und Nationalsozialismus nicht als Reaktion auf die sozialistischen Tendenzen der voraufgegangenen Periode, sondern als die zwangsläufige Folge jener Bestrebungen begriffen werden muss.“

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Weltwoche Nr. 32/17.

Der Historiker Rainer Zitelmann ist Verfasser des soeben in einer 5., erweiterten Auflage erschienenen Buches: „Hitler. Selbstverständnis eines Revolutionärs“.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Rainer Zitelmann: Merkel und von der Leyen zerstören die Bundeswehr

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