Es gibt in Europa keine Bereitschaft sich des Krieges von 1914 gemeinsam zu erinnern. Christopher Clark

… wenn der Sohn schwul ist

Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat erste Ergebnisse einer „Studie zu Bevölkerungseinstellungen gegenüber nicht-heterosexuellen Menschen“ vorgestellt. Ein Ergebnis: 40 Prozent der Deutschen sagen, es sei ihnen unangenehm, wenn sie erfahren, dass ihr Sohn schwul bzw. ihre Tochter lesbisch sei.

Zu Erinnerung: Ich habe mir vorgenommen, seit dem 1. Januar politisch korrekt zu denken, zu sprechen und zu handeln. Wie bewerte ich nun als – neuerdings strikt politisch korrekt denkender Mensch – die aktuelle Studie?

Deutsche so tolerant wie nie

Die Studie zeigt, dass die Deutschen so tolerant gegenüber Homosexuellen sind wie noch nie:
- 95% finden es gut, dass homosexuelle Menschen gesetzlich vor Diskriminierung geschützt sind.

- 83% finden, Ehen zwischen zwei Frauen bzw. zwei Männern sollten erlaubt sein (2002 waren es erst 60 Prozent).

- Nur 11,8% bzw. 12,6% sagen, es wäre ihnen unangenehm, wenn ein Arbeitskollege bzw. eine Arbeitskollegin schwul oder lesbisch seien.

- Fast 90% finden sogar, in den Schulen solle „Akzeptanz gegenüber homo- und bisexuellen Personen vermittelt werden“.

Nun ja, bei der letzten Zahl war ich etwas skeptisch, denn das entsprach so gar nicht meinen bisherigen Erfahrungen. War die Frage vielleicht so gestellt, dass das Ergebnis in diese Richtung verschoben wurde? Man weiß es nicht, da die ganze Studie erst im Frühjahr vorgestellt werden soll.

Die schlechten Nachrichten

Nun könnte man fast glauben, die Arbeit der Antidiskriminierungsstelle des Bundes und all der anderen Antidiskriminierungsbeauftragt*en im Lande sei angesichts all dieser erfreulichen Entwicklungen bald zu einem erfolgreichen Ende gekommen. Ist das vielleicht die erste staatliche Behörde, die es sich zum Ziel gesetzt hat, sich selbst überflüssig zu machen? Das wäre zwar eine schlechte Nachricht für die dort beschäftigten Menschen, aber vielleicht eine gute für unser Land. Aber so ist es natürlich nicht. 81 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass Homo- und Bisexuelle in Deutschland immer noch diskriminiert und benachteiligt werden. Christine Lüders, die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, und ihrer Mitstreiter*innen können aufatmen: Es gibt noch viel zu tun!

Zum Beleg dafür, dass das so ist, hat Lüders auch eine andere Zahl parat: 39,8% der Befragten sagen, es wäre ihnen unangenehm zu erfahren, dass die eigene Tochter lesbisch ist, 40,8%, wenn der eigene Sohn schwul ist. Im Interview im Frühstücksfernsehen meinte sie, dies zeige, dass doch noch viel zu tun sei und Vorurteile noch weit verbreitet seien. Auf der anderen Seite zeigte sie durchaus Verständnis. Ja, wie kommt es nur, dass es vielen Eltern unangenehm ist, wenn sie erfahren, dass ihr Sohn schwul oder ihre Tochter lesbisch ist, auch wenn sie – wie die anderen Fragen zeigen – ansonsten durchaus nicht homophob sind? Lüders hat dafür eine Erklärung: der Grund sei wohl, so vermutete sie im Interview, dass die Eltern Angst vor der Benachteiligung und Diskriminierung hätten, denen Schwule und Lesben noch überall ausgesetzt seien. Daher sei es ihnen wohl lieber, wenn ihre Kinder heterosexuell seien.

Tradierte Familien-Stereotypen

Vielleicht liegt es einfach daran, dass ich erst jüngst zur politischen Korrektheit konvertiert bin und daher noch viel zu lernen habe, wenn mir spontan ein anderer Gedanke durch den Kopf schoss: Könnte es nicht sein, dass manche Eltern sich Enkelkinder wünschen und dass auch dies ein Grund ist, warum sie nicht sofort jubeln, wenn sie erfahren, dass ihr Sohn homosexuell oder die Tochter lesbisch ist?

Ich diskutierte diesen Gedanken mit meinem politisch korrekten PC (=Political Correctness)-Lehrer, den ich extra engagiert hatte, um meinen Lernprozess zu beschleunigen. „Dass dir solche Gedanken kommen, zeigt nur, wie stark du in klassischen Familien-Stereotypen verhaftet bist. Vielleicht gibt es wirklich altmodische Eltern, die sich eigene Enkelkinder wünschen und die gerade deshalb nicht begeistert sind, wenn ihr Sohn schwul oder ihre Tochter lesbisch ist. Aber solche Einstellungen sind doch ein ganz klarer Beweis von zumindest latenter, wahrscheinlich aber sogar offener Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit. Schließlich kann der homosexuelle Sohn doch auch einen Mann heiraten und dann ein Kind adoptieren.“

„Ich freue mich, dass mein Sohn schwul ist!“

Und dann kamen mir noch weitere unkorrekte Gedanken: Gehört es nicht auch zu einer toleranten Gesellschaft, dass man die Gefühle jener Menschen akzeptiert, die anders denken und fühlen und die sich lieber Kinder wünschen, die heterosexuell sind? Kann man erst dann zufrieden sein, wenn 100% aller Eltern sagen: „Ich freue mich, dass mein Sohn schwul ist“? Was ist so schlimm daran, wenn 40% anders fühlen – sei es, weil sie sich eigene Enkelkinder wünschen oder aus anderen Gründen? Sind wir erst dann tolerant, wenn wir alle einheitlich fühlen und denken? Ist es nicht möglich, dass es Menschen gibt, die ganz und gar tolerant gegenüber Homosexuellen sind und denen es dennoch lieber ist, wenn ihr eigenes Kind heterosexuell ist? Ist es nicht etwas vorschnell, das als Zeichen latenter Schwulenfeindlichkeit zu kritisieren?

Ich weiß, dass diese Gedanken politisch nicht korrekt sind. Ich erlaubte mir diese Gedanken trotzdem, weil ich als jemand, der seit über zwei Jahrzehnten der FDP angehört, wohl nicht in dem Verdacht stehe, selbst homophob zu sein. Als Liberaler mag ich die Vielfalt, auch die sexuelle Vielfalt – aber dazu gehört für mich auch die Vielfalt der Meinungen und der Gefühle. So war das zumindest, bevor ich politisch korrekt wurde.

Aber ich stehe ja erst am Anfang eines langen Lernprozesses, und da kommt es wohl einfach noch vor, dass einem manchmal solche abwegigen Fragen und Gedanken durch den Kopf schießen. Immerhin ist es ein Glück, dass wir bei der Regierung eine offizielle Beauftragte haben, die uns sagt, wie wir alle über diese Themen denken sollten und welche Gefühle richtig und welche falsch sind. Das macht alles viel einfacher.

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