Man muss Enttäuschungen vergessen lernen. Sabine Christiansen

Grüne fordern Sex auf Rezept

Die pflegepolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Grünen, Elisabeth Scharfenberg, hat in der WELT AM SONNTAG gefordert, dass Pflegebedürftige und Schwerkranke in Zukunft Sex mit Prostituierten bezahlt bekommen. Das ist keine Satire, sondern eine wichtige neue Forderung der Grünen.

Wegen des weltweit grassierenden Rechtspopulismus hatte ich mich entschlossen, ab dem 1.Januar 2017 nur noch politisch korrekt zu denken, zu sprechen und zu fühlen. Jetzt stellt mich die Forderung der Grünen nach Sex auf Rezept auf eine schwierige Probe.

Das bedeutet soziale Gerechtigkeit!

Die SprecherIn der Grünen bezieht sich auf die Niederlande, wo es bereits seit einigen Jahren die Möglichkeit gibt, sich als Pflegebedürftiger die Dienste sogenannter Sexualassistentinnen (das sind zertifizierte Prostituierte) bezahlen zu lassen. Dafür müssen sie nachweisen, dass sie sich weder auf andere Weise befriedigen noch diese Dienstleistung selbst bezahlen können.
Mein erster Gedanke war, dass das ein wichtiger sozialpolitischer Fortschritt für Deutschland wäre. Es kann ja nicht sein, dass Reiche und Besserverdiener sich auch im hohen Alter Sex leisten können, aber die zunehmenden Scharen von armen Menschen in Deutschland sexuell frustriert bleiben, nur weil ihnen das nötige Kleingeld fehlt. In diesem Sinne finde ich, dass die Forderung der Grünen ein enormer Fortschritt für die soziale Gerechtigkeit ist.

Schwule und Lesben nicht ausgrenzen

Mein zweiter Gedanke als neuerdings politisch korrekt denkender Mensch war, dass selbstverständlich auch Schwule und Lesben dieses Recht haben sollten. Ich will Elisabeth Scharfenberg nicht unterstellen, dass sie das nicht auch so sieht und in einem entsprechenden Gesetzentwurf berücksichtigen würde. Denn es wäre ja eine unverzeihliche Diskriminierung – und politisch ganz bestimmt unkorrekt –, wenn Männer zwar die Dienste von weiblichen Prostituierten bezahlt bekämen, aber nicht auch die von männlichen „Sexassistenten“. Und natürlich müssten pflegebedürftige Frauen die Wahl haben, ob sie lieber von einem männlichen oder einer weiblichen SexassistentIn befriedigt werden.

Sex auf Rezept für die ganze LGBT!

Und dann sind da noch andere Angehörige der LGBT (=Lesbian, Gay, Bisexuell, Transgender). Ich hoffe doch stark, dass die Sprecherin der Grünen auch an deren Rechte gedacht hat. Was ist etwa mit Bisexuellen? Die müssten abwechselnd männliche und weibliche „Sexassistenten“ bezahlt bekommen. Und auch Transgender sollten auf keinen Fall ausgegrenzt werden, was jedoch schon durch den Begriff „Sexassistentinnen“ geschieht. Politisch korrekt wäre es, das habe ich so gelernt, von „Sexassistent*innen“ zu sprechen, die sich dann auch auf die sexuellen Vorlieben von Transsexuellen und Transgendern einstellen müssten. Der Antrag für „Sex auf Rezept“ müsste also künftig drei Nachweise enthalten:
Nachweis, dass man sich nicht anders befriedigen kann.
Nachweis der sozialen Bedürftigkeit, dass man also den Sex weder kostenlos bekommt noch in der Lage ist, eine Prostituierte selbst zu bezahlen.
Nachweis der sexuellen Orientierung und der sexuellen Vorliebe, damit das Rezept korrekt ausgestellt werden kann.
Ich gebe zu, damit wäre ein gewisser bürokratischer Aufwand verbunden, aber wenn es zugleich um soziale Gerechtigkeit und Gender-Gerechtigkeit geht, dann sollte es das allen gesetzlich Krankenversicherten Wert sein. Und selbstverständlich müsste man bzw. frau dann auch perspektivisch über eine Anhebung der Beiträge für die Pflegeversicherung nachdenken, denn billig wird das alles nicht.

Nur ein erster Schritt

Zudem kann das alles nur ein erster Schritt sein. Was für Pflegebedürftige gilt, sollte generell für alle sozial Ausgegrenzten gelten, also auch für Hartz IV-Empfänger, für die es nachgewiesener Weise oft schwerer ist, attraktive Sexpartner zu finden als für Reiche. Auch da liegt es mit der sozialen Gerechtigkeit im Argen, und man sollte also durchaus einmal darüber nachdenken, ob die Bezahlung von SexassistentInnen nicht auch im Rahmen der Hartz IV-Regelung richtig wäre. Schließlich ist Sex ein menschliches Grundbedürfnis so wie Wohnen, Essen und Trinken. Die Ungleichverteilung sexueller Zugangschancen ist ein Problem, das wir bislang alle verdrängt haben.

„Sexkauf muss verboten werden“

Obwohl ich also zunächst einmal begeistert von dem neuen Vorstoß der Grünen war, kamen mir dann doch einige Zweifel. Ist es wirklich politisch korrekt, dass Männer, die ihr ganzes Leben lang Frauen als Sexobjekt missbraucht haben, dies nun noch im hohen Alter und Zustand der Pflegebedürftigkeit von der Krankenkasse bezahlt bekommen? Ist das nicht zumindest frauenfeindlich oder gar menschenverachtend? Vielleicht sollte man also sogar heterosexuelle Männer von der Regelung, wonach man als Pflegebedürftiger Sex auf Rezept bekommt, ausschließen, so schießt es mir durch den Kopf. Das könnte eine politisch korrekte Lösung des Problems sein.
Zudem bin ich verwirrt, dass die Grünen jetzt Sex auf Rezept wollen, obwohl erst kürzlich FrauenrechtlerInnen gefordert haben, „Sexkauf muss verboten werden“. Sie haben die Initiative „Stopp Sexkauf“ gegründet, da Prostitution immer „Gewalt gegen Frauen“ sei. Nach den Vorstellungen dieser Initiative sollen allerdings nicht die Prostituierten bestraft werden, sondern die Freier. Also, wenn das alles richtig ist, dann kann es doch politisch nicht korrekt sein, diese beschönigend als „Sexassistenz“ beschriebene Gewalt nun auch noch durch die Krankenkasse bezahlen zu lassen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Rainer Zitelmann: Grüne 4,57%, CDU: 18,46%

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