Wenn wir durch Zauberhand nicht mehr unter US-Recht fallen würden, wäre das großartig. Sergey Brin

Zweite TV-Debatte: Trumps rhetorisches Desaster

Als absolut unparteiischer Beobachter – ich mag weder Trump noch Clinton – ist mein Urteil über das zweite Fernsehduell eindeutig: Trumps Auftritt war ein Desaster und wird den Abwärtstrend bei den Umfragen beschleunigen.

Nach der Veröffentlichung des Trump-Videos aus dem Jahre 2005 stand für ihn sehr viel auf dem Spiel. Er steht momentan mit dem Rücken zur Wand, seine Umfragewerte sinken seit Wochen. Ich denke: Sie werden nach diesem zweiten TV-Duell weiter sinken.

Trump im Abstiegskampf

Allgemein hieß es, Clinton habe das erste TV-Duell klar gewonnen. Ich fand das nicht so eindeutig. Beide waren im ersten Duell nicht besonders gut, aber keiner von beiden war katastrophal schlecht. Meine Bewertung nach dem ersten Duell hätte gelautet: 6:4 für Clinton. Meine Bewertung nach dem zweiten Duell lautet: 9:1 – gegen Trump.

Trump hatte genug Zeit, sich auf die zu erwartenden Fragen zu dem Video und zu seinen Steuerzahlungen vorzubereiten. Offenbar haben ihm seine Berater gesagt, er solle möglichst rasch ablenken, bei diesen Fragen ausweichen und zum Thema „Terrormiliz IS“ wechseln.

Als Trump zu Beginn der Debatte auf das Video mit sexuellen Äußerungen angesprochen wurde, wiederholte er stereotyp immer wieder: „It was locker room talk.“ Er war sichtlich aufgeregt, hochgradig unsicher und wechselte sofort zum Thema „Kampf gegen den IS“, um das es in diesem Moment jedoch gar nicht ging. Als er später gefragt wurde, über wie viel Jahre er keine Einkommensteuer gezahlt habe (unlängst war bekannt geworden, dass er einen Verlustvortrag von fast einer Mrd. USD nutzen konnte), wiederholte sich das gleiche Muster und er sprach wieder vom Kampf gegen die Terrormiliz IS, statt die Frage zu beantworten. Vermutlich hatte ihm jemand gesagt, er könne mit diesem Thema punkten.

Es hieß, Nigel Farage von der britischen UKIP habe Trump diesmal auf das TV-Duell vorbereitet. Farage ist ein glänzender Rhetoriker, aber ich bin sicher, als er das TV-Duell gesehen hat, schämte er sich für Trumps katastrophalen Auftritt. Vielleicht hatte Farage ihm sogar geraten, auf das Thema IS auszuweichen. Falls Farage, der selbst ungeheuer schlagfertig ist, diesen Tipp jedoch gegeben haben sollte, dann hätte er berücksichtigen sollen, dass Trump viel zu ungeschickt und zu plump für ein solches rhetorisches Manöver ist.

Clinton sprach ruhig, klar, sicher. Während sie sprach „tigerte“ Trump nervös auf und ab und meldete sich wie ein aufgeregter Schuljunge, der dem Lehrer (hier: dem Moderator) dringend signalisieren wollte, dass man ihn jetzt drannehmen solle, weil er auch noch etwas Wichtiges zu sagen habe. Zudem schniefte er die ganze Zeit – was er das letzte Mal auf ein defektes Mikrofon zurückführte. Ich denke, diesmal war das Mikro in Ordnung, aber Trump schnieft, weil er unsicher ist und seine rhetorische Unterlegenheit im direkten Duell spürt.

Wenn nicht etwas völlig Unerwartetes passiert, hat Trump die Wahl verloren, und das ist gut so. Aber ich würde Clinton dennoch niemals wählen. Meine Stimme hätte – bei allen Punkten, in denen ich anders denke – Gary E. Johnson von der Libertären Partei.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sebastian Sons, Katja Kipping, Vera Lengsfeld.

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