Eine Summe von Nullen kann durchaus eine stattliche Zahl ergeben. Guido Westerwelle

„Für Geschlechtsverkehr verlässt man keine Afterhour“

Die Partyszene in den 1990ern war dominiert von Fröhlichkeit und mitunter auch von bunten Tabletten: Sex war eher eine Randerscheinung. Warum diese Zeit sonst noch außergewöhnlich war, erzählt Rainer Schmidt, Autor von “Liebestänze”, im Gespräch mit Bettina Koller.

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The European: “Liebestänze” ist ein Roman beschwingt von elektronischer Musik der 1990er-Jahre. Liebten die Menschen zu dieser Zeit auch besonders?
Schmidt: Das Buch spielt 1996, als Techno die ganze Gesellschaft zu erfassen schien. Es gab eine ungeheuere Aufbruchsstimmung, das Gefühl, da entsteht eine völlig neue, bessere Welt, in der man die alte Griesgramrepublik hinter sich lassen kann. Immer mehr Clubs, immer mehr DJs, man konnte dauernd feiern, tagelang. Am liebsten von Freitag bis Montag durch. Es gab unter Ravern ein großes Gemeinschaftsgefühl, egal ob man sich kannte oder nicht.

Man traf sich ohnehin andauernd irgendwo in der Republik auf Raves, in Clubs oder bei Afterhours in irgendwelchen Wohnungen. Ecstasy war die Droge der Wahl, das hat natürlich zu diesem innigen Gefühl beigetragen – und zu den Depressionen danach. Einige übertrieben es bereits und wollten nur noch “druff sein”, das Tanzen – der eigentliche Kern der “Bewegung” – wurde ihnen egal, das waren manchmal auch sehr traurige Entwicklungen. Die Szene sah sexy aus, aber Sex spielte keine besondere Rolle. Für einen banalen Geschlechtsverkehr, so hieß es immer, verlässt man auf gar keinen Fall eine gute Afterhour.

The European: Was hat Sie angetrieben, welche Stimmung möchten Sie in Ihrem Buch transportieren?
Schmidt: Das Aufkommen dieser Techno-Bewegung war für viele einschneidender und lebensverändernder als jede politische Bewegung der letzten 30 Jahre. Deutschland wirkte immer wie ein verbiestertes, spaßfreies, völlig verklemmtes Land mit Besserwissern und Langweilern an jeder Ecke, in denen Freude und Lässigkeit als ein Übel angesehen wurde – zuletzt durch die 68er und den Geist, den sie in die veröffentlichte Meinung einbetoniert hatten. Dass plötzlich eine neue Popkultur in Deutschland geboren wurde, aus Leidenschaft und der Initiative zunächst nur einiger weniger, das Gefühl des gemeinsamen Aufbruchs gegen alle Widerstände, das heitere Lebensgefühl, das dort zunächst bestimmend war, das Gefühl der absoluten Friedfertigkeit nach den Jahren der stumpfen Punk-Rock-New-Wave-Aggressivität, das war ein großes Glück und hat meinen Blick auf diese Republik grundlegend geändert.

The European: Sie haben ein Buch geschrieben, nun lesen 300 Leute aus diesem Buch vor und der Leser kann sich durch die Videos den aktuellen Vorleser ins Haus holen. Wie kam es zu diesem Großprojekt?
Schmidt: Mit ein paar Freunden hatte ich überlegt, wie wir diejenigen erreichen könnten, die keine Feuilletons studieren und mehr im Netz unterwegs sind. Daraus entstand erst die simple Idee, “ein paar Raver lesen” lassen. Dann aber dachte ich: Wenn schon, dann richtig. Also: das komplette Buch online! Am Anfang stand eine Liste von ungefähr 150 Freunden und Bekannten aus der Musik- und Feierszene, die ich nach und nach abtelefoniert habe.

Kriterium war: Wer hat mit mir gefeiert oder mir das Feiern ermöglicht, wer war oder ist aktiv in der Szene als DJ, Clubbetreiber, Veranstalter? Ungefähr 50 Freiwillige haben von mir je eine Seite bekommen und sich zu Hause selbst aufgenommen. Die Ursprungsliste wurde permanent erweitert durch Hinweise von Freunden (“Der und der muss unbedingt dabei sein!”) und Zufälle: Nach einer Lesung meines Freundes Feridun Zaimoglu saßen wir abends mit unserem Lektor im Manzini in Wilmersdorf, als wir Alice Schwarzer dort entdeckten. Sofort musste unser Lektor Olaf Petersenn ran und sie fragen, ob sie nicht spontan eine Seite lesen wollte. Sie wollte.

The European: Sie haben die Größen von damals vor die Kamera geholt, wie haben sich die alten Helden verändert?
Schmidt: Viele der “alten Helden” sind ihrer Musik treu geblieben und können es selbst kaum glauben, dass sie immer noch dabei sind. Dr. Motte sagte mir: Nächstes Jahr werde ich 50 und lege immer noch laufend auf, dabei war ich mir immer sicher, dass ich mit spätestens 40 aufhöre. Andere sind mehr unterwegs denn je, wie etwa Paul van Dyk, der seit Jahren einer der bekanntesten und erfolgreichsten DJs der Welt ist und der gerade im Ausland Megaerfolge feiert – und sich nebenbei politisch und karitativ sehr aktiv zeigt. Dimitri Hegemann, der einst den Tresor eröffnete, betreibt diese Club-Legende mittlerweile an anderer Stelle, ist aber seinem Pioniergeist treu geblieben: Er versucht gerade, ein riesiges altes Kraftwerk zu einer Kunsthalle umzubauen.

The European: Jeder spricht von der Euphorie jener Zeit, sehen Sie diese Euphorie heute an anderer Ecke?
Schmidt: Absolut. Die Suche nach dieser Euphorie ist doch der Motor, der jeden Abend und an jedem Wochenende die Leute raus in die Nacht treibt. Westbam hat einmal gesagt, jede Generation erlebe ihre wichtigen Ausgehjahre als die allerwichtigsten, allerwildesten. Jedes Mal neu. Und das ist so schön wie beruhigend. Wer heute ausgeht, hat genauso viel Spaß wie jemand, der vor fünf Jahren oder vor zehn Jahren unterwegs war. Alles andere ist Alte-Leute-Geschwafel und “Früher-war-alles-besser”-Bullshit. Andere Zeiten, andere Euphorie, so einfach ist das.

The European: Was möchten Sie unbedingt noch loswerden und sind Sie leider noch nicht gefragt worden?
Schmidt: Sie beschreiben jede Menge absurder und halbwahnsinniger Szenen, bei denen einem manchmal das Lachen im Halse stecken bleibt – als etwa der Ohlsen sich das Gemächt vor der Hotelrezeption festtackern will – ist das nicht alles sehr übertrieben? Die Antwort lautet: nein.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Karl Hyde: „Wir mögen den alten Sound nicht mehr so“

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