Keine Macht der Welt kann Menschenwürde und Freiheit auf Dauer stoppen. Hans-Dietrich Genscher

„Das ist geisteskrank“

Für seinen Roman über einen mittelständischen Gras-Produzenten hat der Journalist Rainer Schmidt tief in der Szene recherchiert. Sebastian Pfeffer spricht mit ihm über Gras-Anbau, Kiffen sowie Sinn und Unsinn der Drogenpolitik.

The European: Herr Schmidt, haben Sie in letzter Zeit viel Gras gekauft?
Schmidt: Schon seit Jahren nicht mehr. Das letzte Mal, dass ich Gras probiert habe, war wohl in den 90ern. Ich konnte mich damit persönlich nie anfreunden: Schmidt zieht einmal, Schmidt schläft ein.

The European: Aber Sie haben über ein Jahr in der Szene recherchiert. Wie darf man sich das vorstellen?
Schmidt: Durch Zufall habe ich den Menschen kennengelernt, der mich zu der Hauptfigur meines Romans inspiriert hat: den Dude. Ein mittelständischer Grasproduzent aus Hamburg. Durch seine Hinweise und Kontakte, die ich dann weiterverfolgt habe, bin ich immer tiefer gedrungen. Das heißt: andere Anbauer, Head-Shop-Besitzer, Anwälte, User.

The European: Wie sieht das Milieu aus?
Schmidt: Es ist auf eine erstaunliche und skurrile Art sehr deutsch. Die Produzenten waren eigentlich alles Leute, die immer sehr sauber zwischen sich und jeder Form von organisierter Kriminalität getrennt haben. Selbstständige Unternehmer, die mich in ihrer Ernsthaftigkeit und Akkuratesse an ostwestfälische Möbelhersteller erinnert haben. Die haben immer gesagt: Koks, Heroin und dieses ganze Zeug, damit haben wir nichts zu tun.

The European: Warum?
Schmidt: Koks kann man nicht anbauen. Man kauft es von irgendwem und ist damit sofort in diesem kriminellen Ding drin. Die meisten waren sehr stolz darauf, als autonome Produzenten unterwegs zu sein.

The European: Das heißt, die andere Seite, die Koks und Heroin vertickt, interessiert sich kaum für das Gras-Geschäft und lässt die Leute in Ruhe?
Schmidt: Genau, das ist für die nicht attraktiv genug. Die Margen sind zu gering. Ein realistischer Preis für das Kilo gutes Gras sind 3400 Euro – dafür steht ein Kokshändler morgens nicht auf.

The European: Was motiviert dann die Gras-Produzenten und -Händler?
Schmidt: Der treibende Faktor war für die meisten, die ich getroffen habe, die Leidenschaft am Rauchen. Nach dem Motto: Ich will kiffen und das ist irgendwie zu teuer, dann bau ich es halt selber an. Das ist eine andere Motivation als die der organisierten Kriminalität. Ins Koks-Business gehen die Leute nur, weil dort viel Geld zu verdienen ist.

„Die Realität ist aber, dass die Leute kiffen“

The European: Sie kiffen selbst nicht, sind aber trotzdem für die Legalisierung von Cannabis.
Schmidt: Absolut. Ich war mein Leben lang in Szenen, in denen Drogen mehr oder weniger normal waren. Ich fand immer, dass die öffentliche Wahrnehmung der Droge und das, was ich erlebt habe, in keiner Weise in Übereinstimmung zu bringen waren. Es gibt bei uns eine Konsumverteufelung, man denkt zu schnell an die Kinder vom Bahnhof Zoo. Dabei nehmen die meisten Leute Drogen natürlich recht vernünftig. Die wollen ihre Rauscherlebnisse, sind aber total gut funktionierende Mitglieder der Gesellschaft.

The European: Die Politik wird dieser Realität nicht gerecht?
Schmidt: Sie ist Heuchelei. Irrational und ideologisch verbohrt.

The European: Bei Cannabis ist es so, dass einerseits der Konsum quasi legalisiert wurde, der Anbau aber weiter bekämpft wird. Der Staat akzeptiert also, dass seine Bürger kiffen, verschließt aber die Augen vor der Tatsache, dass das Zeug irgendwo herkommen muss.
Schmidt: Der Konsum gilt als nicht strafbewehrte Selbstschädigung. Anders ausgedrückt: Man darf Cannabis rauchen, aber erwerben darf man es nicht. Das ist geisteskrank. Das versteht auch kein junger Mensch – und um die geht es ja angeblich immer.

The European: Seit dem Bundesverfassungsgerichtsurteil von 1994 gelten je nach Bundesland einige Gramm Besitz als Eigenbedarf und die Ermittlungsverfahren dazu werden eingestellt. Sie müssen aber trotzdem eingeleitet werden.
Schmidt: Ein riesiger bürokratischer Aufwand. Sogar die Gewerkschaft der Polizei hält das im Prinzip für eine überflüssige Beschäftigungstherapie. Selbst bei den Verfolgungsorganen ist also das Bewusstsein für die gesellschaftliche Realität weiter als die Gesetzgebung.

The European: Dadurch, dass Konsumenten sich ihr Gras aus illegalen Quellen besorgen müssen, ist verunreinigter Stoff immer eine Gefahr. Auch davor verschließt der Staat die Augen.
Schmidt: Zwei Dinge sollen angeblich durch die aktuelle Gesetzgebung erreicht werden: Jugend- und Gesundheitsschutz. Die Realität ist aber, dass die Leute kiffen, und zwar ohne Jugend- und Gesundheitsschutz. Es gibt Fälle, da haben Kiffer eine Vergiftung bekommen, weil der Händler das Gras mit Bleistaub beschwert hat. Von Haarspray über Flüssigplastik bis künstlichem THC ist alles drin. Irre. Das schützt weder die Jugend noch die Gesundheit der Konsumenten.

The European: Weil der Schwarzmarkt keine Ausweispflicht und Qualitätskontrollen kennt.
Schmidt: Stellvertretend für viele andere Orte ist der Görlitzer Park in Berlin. Wir sehen dort einen offenen, unkontrollierten und unkontrollierbaren Schwarzmarkt, auf dem jeder jederzeit alles kaufen kann. Das ist der Super-GAU und die direkte Folge der Verbotspolitik.

The European: Der Gesundheitsschutz hat noch eine weitere Ebene: die der Bevormundung. Mit Alkohol oder anderen gefährlichen Dingen darf sich jeder Bürger selbst schädigen. Mit Drogen aber nicht.
Schmidt: Eigentlich müssten alle Liberalen in dieser Republik die Wände hochgehen. Wie kommt der Staat dazu, mir den Konsum eines bestimmten Genussmittels zu verwehren, solange ich niemandem anderen schade? Es gibt aber auch auf der Seite der Befürworter Spinner, die meinen, mit Gras die Menschheit retten zu können. Natürlich will niemand, dass Kinder und Jugendliche kiffen. Trotzdem ist all das beim Alkohol offensichtlich auch kein Argument. Erwachsene dürfen sich durchaus tottrinken. Wir könnten sofort nebenan eine Flasche Whiskey kaufen, die exen und tot umfallen.

„Die Einstiegsdroge Cannabis ist ein Mythos“

The European: Ein Gegenargument ist die Verherrlichung. Über die Legalisierung führe man eine Verharmlosung herbei, die auch Kinder und Jugendliche verführen könnte. Denn was legal sei, könne ja nicht schädlich sein.
Schmidt: Man muss solche Argumente ernst nehmen, ja. Aber dieses Problem hat man genauso bei Alkohol. Es bräuchte auch für Gras einen Jugendschutz, lizenzierte Abgaben, Werbeverbote, Testkäufe und Ähnliches. Die wichtigsten Lehren kommen gerade aus den USA: Dort wurde in Bundesstaaten wie Colorado, die Gras legalisiert haben, das Angebot auf dem Schwarzmarkt extrem reduziert. Für Jugendliche wird es dadurch deutlich schwieriger, an Gras zu kommen. Natürlich gibt es heute auch schon ältere Brüder, die dem jüngeren eine Flasche Jägermeister kaufen. Das wird es auch bei Gras geben. Aber wenigstens selbst kaufen kann es der jüngere dann nicht mehr so leicht.

The European: Würde präventive Aufklärung ohne Prohibition schwieriger oder leichter?
Schmidt: Um einen verantwortungsvollen Umgang mit der Droge zu lernen, muss man offen über sie reden können, dazu muss sie legal sein, weil sonst niemand offen spricht.

The European: Glauben Sie, am Konsum würde sich etwas ändern, wenn Cannabis legal wäre?
Schmidt: Es wird immer befürchtet und behauptet, bei einer Legalisierung würden plötzlich alle kiffen. Das ist aber reine Polemik, es gibt dafür keine empirischen Beweise. Langzeituntersuchungen der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht haben keinen relevanten Zusammenhang zwischen Restriktionsgrad und Konsumniveau feststellen können. Das muss man einfach mal zur Kenntnis nehmen – auch unsere Drogenbeauftragte, Frau Mortler. Außerdem: Wer heute kiffen will, kriegt doch sowieso alles, heute schon.

The European: Ein Argument, das immer wieder in der Diskussion aufkommt, ist, dass Cannabis eine Einstiegsdroge sei.
Schmidt: Wahrscheinlich ist die größte Einstiegsdroge Alkohol. Denn die meisten, die zum ersten Mal kiffen, haben vorher schon getrunken. Aber nehmen wir die These kurz ernst. Dann müsste empirisch nachzuprüfen sein, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen Kiffen und dem Konsum härterer Drogen besteht. Millionen Leute kiffen – es gibt aber seit Jahren konstant nur rund 75.000 Heroinabhängige.

The European: Es gibt also keinen Zusammenhang.
Schmidt: Nein. Außer, dass wahrscheinlich jeder Heroinabhängige schon mal gekifft hat. Der wird aber auch Bier getrunken oder andere Drogen probiert haben. Es gibt keine einzige seriöse Studie, die die These von der Einstiegsdroge unterstützt. Das ist ein Mythos.

The European: Aber einer, der sich hartnäckig hält. Deutet das nicht darauf hin, dass wir die Debatte, auch medial, falsch führen?
Schmidt: Auch Medien kämpfen mit den Vorurteilen. Aber das wandelt sich. Je mehr Leute aus der bürgerlichen Mitte aus ganz vernünftigen, nachvollziehbaren Gründen dafür argumentieren, desto mehr werden auch die Medien in diese Richtung stoßen. Natürlich bringt es nichts, wenn in der Debatte nur die Teilnehmer der Hanfparade auftauchen. Man braucht die Richter, die Polizei, die Professoren.

„Cannabis nie Ursache für andersgeartete Verbrechen“

The European: Bei Cannabis verändert sich die Haltung, ja, auch weil inzwischen fast jedem klar geworden ist, dass nicht wirklich etwas Schlimmes passiert, wenn man kifft. Eigentlich sind aber die Argumente für eine Freigabe von Cannabis die gleichen, die für die Aufhebung der Prohibition insgesamt sprechen würden.
Schmidt: Auf der theoretischen Ebene bestimmt. Schon in den 80er-Jahren hat der konservative Ökonom Milton Friedman aus rationalen Gründen für die Freigabe aller Drogen plädiert. Das hat moralisch alle so vor den Kopf gestoßen, dass es gar nicht diskutiert worden ist. Wenn die Debatte schon bei leichten Drogen, deren geringe Schädlichkeit wissenschaftlich bewiesen ist, so schwierig ist, hat es wenig Sinn, sie auf harte Drogen auszuweiten. Aber natürlich, in Mexiko hätten wir z.B. keinen War of Drugs mit 70.000 Toten, wenn Drogen legal wären.

The European: Also erst mal auf Cannabis fokussieren.
Schmidt: Das ist die weitverbreitetste Droge in Deutschland, unter dem Verbot leiden die meisten, deshalb ist es sinnvoll, sich erst mal darum zu kümmern.

The European: Wäre Deutschland ein schlechteres Land, wenn wir statt Alkohol zu trinken, andere Drogen konsumieren würden?
Schmidt: Ich habe mal mit dem Jugendrichter Andreas Müller ein Interview geführt. Der hat 12.000 Jugendstrafverfahren geleitet. In keinem dieser Verfahren war Cannabis die Ursache für ein andersgeartetes Verbrechen. Aber in sehr vielen Fällen war Alkohol involviert. Das ist eine Erfahrung, die sehr viele Leute im Land machen.

The European: Alkohol endet ziemlich oft im Desaster, das hat wohl fast jeder schon erlebt.
Schmidt: Wenn man mit einem Zug fahren muss und die Wahl hat, entweder in einen Wagon mit besoffenen oder mit bekifften Fußballfans zu steigen, welchen würde man sich aussuchen? Ich glaube jeder, der einigermaßen alle Sinne beieinander hat, wüsste, in welchen Wagon er lieber geht.

The European: In Ihrem Buch findet man unter anderem den „Dude-Workshop“, eine sehr detaillierte Anleitung zum Grasanbau.
Schmidt: Das war mir sehr wichtig. Ich wollte, dass jeder damit Spaß hat, aber auch, dass der Nerd, der sich mit Anbau auskennt, mir nicht hinterher nachweist, dass der PH-Wert falsch ist. Da ich aber überhaupt keine Ahnung hatte und auch keinen grünen Daumen habe, habe ich mich gut beraten lassen.

The European: Man kann danach also getrost anbauen?
Schmidt: Also wenn es einer versucht und es gibt Beschwerden, bitte bei mir melden. (lacht)

The European: Vielleicht wird der Anbau ja beizeiten legal.
Schmidt: Ehrlich gesagt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern – da ist so viel Platz. Die Bauern würden sich doch einen Ast ab freuen!

Die Cannabis GmbH ist bei Rogner & Bernhard erschienen. Es erzählt die Geschichte eines Gras-Produzenten und beklagt die Schizophrenie der Prohibition – frei nach wahren Begebenheiten.

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