Unter Aufbaudiät verstehen die Ärzte ein totes Huhn, das man in heißem Wasser ausgewrungen hat. John Wayne

Kein Abschied vom deutschen Geschäftsmodell

Die politischen und wirtschaftspolitischen Risiken sind für 2017 enorm. Die Euro-Schuldenkrise könnte neu entflammen, der Brexit und Wahlerfolge der Populisten könnten zur Zerreißprobe für die Europäischen Union werden, die Hydra des Protektionismus könnte den freien Welthandel ersticken.

Die Wirtschaftsforscher bleiben für 2017 optimistisch. Sie rechnen damit, dass sich der robuste Aufschwung der deutschen Wirtschaft fortsetzt. Nach einem Zuwachs des Bruttoinlandsproduktes von 1,8 bis 1,9 Prozent im Jahr 2016 werde der Anstieg in diesem Jahr zwar auf 1,5 Prozent zurückgehen, aber dies sei nur auf eine im Vergleich zum Vorjahr geringere Zahl von Arbeitstagen zurückzuführen. Der Bauboom, angefeuert durch Niedrigstzinsen für Sparer und Häuslebauer, und der Konsumboom scheinen kein Ende zu nehmen. Der private Konsum ist, angefeuert durch Beschäftigungsrekorde, höhere Löhne, Gehälter, Renten, Flüchtlingsausgaben und niedrige Energiepreise zum wichtigsten Wachstumstreiber geworden- und dies trotz des durch Terroranschläge und Kriminalität gestiegenen Bedrohungs- und Unsicherheitsgefühls. Gemessen am Konsum fällt der Wachstumsbeitrag der für die Innovationskraft der Wirtschaft entscheidenden Ausrüstungsinvestitionen kaum ins Gewicht.

Fragiler Aufschwung?

Aber der Aufschwung könnte fragiler sein, als die Forscher prognostizieren. Denn die politischen und wirtschaftspolitischen Risiken sind für 2017 enorm. Die Euro-Schuldenkrise könnte neu entflammen, der Brexit und Wahlerfolge der Populisten könnten zur Zerreißprobe für die Europäischen Union werden, die Hydra des Protektionismus könnte den freien Welthandel ersticken. Wenn alle wichtigen Welthandelspartner nach der Devise „My country first“ handelten, könnte die Globalisierung als Wachstums- und Wohlstandsmaschine Schaden nehmen.

Die reine Freude kommt über den Lokomotivwechsel von der Export- zur Konsumkonjunktur ohnehin nicht auf. Denn die Konsumkonjunktur ist zu etwa einem Drittel kreditfinanziert. Nach einer Studie des Bankenfachverbandes, in dem die Kreditbanken organisiert sind, kauft jeder dritte Verbraucherhaushalt Konsumgüter wie Autos, Möbel oder Computer mit einem Ratenkredit. Zwar werden gegenwärtig rund 98 Prozent aller Konsumkredite ordnungsgemäß bedient, aber das könnte sich in einer Krise ändern. Schon leicht anziehende Zinsen in diesem Jahr könnten für Verbraucher mit irrationalem Konsumverhalten zur Schuldenfalle werden.

Der neue Protektionismus

Angesichts gewachsener weltwirtschaftlicher Risiken, der Krisengefahr in China, der ungewissen Folgen des Brexits und Trumps widersprüchlichen wirtschaftspolitischen Aussagen scheint der konjunkturelle Lokomotivwechsel in Deutschland zur rechten Zeit zu kommen. Bedroht der wieder aufkommende Protektionismus doch keine Volkswirtschaft so sehr wie die eng mit der Weltwirtschaft verbundene deutsche Wirtschaft. Im Jahr 2015 wurden von Deutschland Waren im Wert von 1 193,6 Milliarden Euro exportiert und Waren im Wert von 949,2 Milliarden Euro importiert. Die Außenhandelsbilanz schloss im Jahr 2015 mit dem bisher höchsten Überschuss von 244,3 Milliarden Euro ab. Aber die wichtigen expansiven Impulse für die deutsche Wirtschaft, die früher aus dem Ausland kamen und sich dann über eine Ausweitung der Unternehmensinvestitionen und Einkommenssteigerungen auf die Binnenwirtschaft übertrugen, sind in diesem Aufschwung weitgehend ausgeblieben.

Megatrend der Globalisierung ist unumkehrbar

Ein Abschied vom exportgetriebenen „deutschen Geschäftsmodell“ wäre ein gefährlicher Irrweg. Der Megatrend der Globalisierung mit kostengünstigen Vorleistungen und Vorprodukten anderer Länder lässt sich so wenig umkehren wie der Megatrend zur Digitalisierung. Die Ausfuhren der Metall- und Elektro-Industrie machten im Jahr 2014 gut 62 Prozent ihres Umsatzes aus. Das war die höchste Exportquote unter den fünft führenden M-und E-Nationen.

Es genügt nicht für die deutsche Automobilindustrie, ihre Autos in Deutschland zu verkaufen. Über vier Millionen in Deutschland produzierte Autos werden jährlich im Ausland absetzt. Die Exportquote der Automobilindustrie beträgt wie die des Maschinen- und Anlagenbaus etwa 77 Prozent. Auch die chemische Industrie hat eine hohe Exportquote. Insgesamt hängt jeder vierte bis dritte deutsche Arbeitsplatz vom Export ab.

Nur wenn die Unternehmen in Forschung, Entwicklung und in neue Ausrüstungen investieren, bleiben sie innovations- und wettbewerbsstark. Im Export wird das Geld verdient, das letztlich auch den Konsum treibt. Das Kräftemessen auf wichtigen Auslandsmärkten und das Kompensieren der mit Aufwertungen verbundenen Belastungen wirken wie eine Produktivitätspeitsche. Die Vorteile, die deutsche Unternehmen im Wettbewerb gegenwärtig aus der Euroschwäche gegenüber dem Doller ziehen – trotz sich verteuernder Importe aus dem Dollarraum, sollte sie nicht schläfrig machen. Diese Vorteile könnten durch Zollbarrieren oder nichttarifäre Hemmnisse schnell verloren gehen.

Die Unternehmen sollten ihre Forschungs-, Entwicklungs- und Ausrüstungsinvestitionen angesichts der derzeitigen Unsicherheiten nicht strecken, sondern verstetigen und sich für das neue digitale Industrie- und Dienstleistungszeitalter rüsten. Deutschland ist langfristig auf die Lokomotivfunktion seines Exports angewiesen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Florian Josef Hoffmann, Oskar H. Metzger, Volker Wissing.

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