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„Die breite Masse findet keinen Zugang zu Kunst“

Der Kunstmarkt wird immer mehr zum Investitionsmarkt, was Kunst ist, bestimmen einige wenige. Raiko Schwalbe, Mitorganisator der Stroke-Ausstellung, will das ändern. Julia Korbik erklärt er, warum es so viele Berührungsängste mit Kunst gibt.

The European: Herr Schwalbe, was ist für Sie persönlich Kunst?
Schwalbe: Gute Frage! Das kann ich so genau gar nicht definieren. Für mich ist es aber vor allem etwas, was mich anspricht und in mir Emotionen hervorruft, an dem ich mich erfreue.

The European: Stroke Art Fair, Ihr Start-up-Unternehmen, zitiert auf seiner Webseite den Künstler Banksy: „Was wir normalerweise als Kunst zu sehen bekommen, wird nur von wenigen bestimmt.“ Wer bestimmt denn, was Kunst ist?
Schwalbe: Ein bisschen sagt Banksy es bereits: Letztendlich bestimmt der Preis, was Kunst ist, was einen Wert hat – und dieser Preis wird nur von ein paar Hunderten beschlossen: von Millionären, Kuratoren, Museumsdirektoren. Da viele nicht über die Marktprinzipien und Verkaufssysteme am Kunstmarkt Bescheid wissen, wirkt es vermeintlich oft so, dass es sich bei der hochpreisigen Kunst auch um die gute und vor allem sehenswerte Kunst handeln muss.

The European: Tatsächlich erzielen Kunstauktionen Rekordgewinne. 2012 wurde „Der Schrei“ bei Sotheby’s in New York für 119,9 Millionen Dollar versteigert. Wird der Kunstmarkt immer mehr zum Aktienmarkt?
Schwalbe: Zum Aktienmarkt nicht, aber zum Spekulationsmarkt. Die Leute – also die oberen Zehntausend – suchen Alternativen zu Inflation und Werteverlust.

The European: Kunst ist heutzutage also vor allem eine Form der Geldanlage.
Schwalbe: Das Thema Geldanlage ist für 99 Prozent der Bevölkerung gar nicht interessant, immerhin geht es um Millionenbeträge! Was wir von Stroke Art Fair wollen, ist ein ästhetischer, hedonistischer Ansatz: dass man sich Kunst wieder gerne anschaut, ohne Berührungsängste. Es geht darum, Leute für Kunst zu begeistern, Kunst wieder einer breiten Masse zugänglich zu machen, ohne Hürden wie vermeintliche Bildungsdefizite oder – ganz banal – nicht bezahlbare Preise vorzuschieben.

„Menschen sind bereit, vom Ikea-Poster wegzugehen“

The European: Warum gibt es so viele Berührungsängste mit Kunst?
Schwalbe: Das ist relativ einfach: Wenn man im Schaufenster einer Galerie ein auffälliges Bild sieht, dann hat man vielleicht den Drang, es anzuschauen, mehr darüber zu erfahren. Aber man weiß auch: Wenn ich jetzt reingehe, ist da ein Galerist, der mit Fachbegriffen um sich wirft. Der mich komisch anguckt, weil ich nicht aussehe wie jemand, der viel Geld hat. Weil ich nicht weiß, welche Epoche das ist, welcher Maler. Wenn ich im Museum bin, muss ich mich ganz leise verhalten – das sind Dinge die eigentlich wenig mit Spaß und Genuss zu tun haben, es ist quasi wie auf einem Friedhof.

The European: Spekulationssucht, Spekulationsmarkt … Wie schafft man es denn nun, dass Kunst wieder bezahlbar wird?
Schwalbe: Der Preis der Alten Meister wird sich nicht ändern. Man kann trotzdem etwas machen. Der Kunstmarkt wächst nämlich nur an zwei Enden: am oberen, mit Werken wie dem „Schrei“, und am unteren. Dort fangen Bilder schon bei wenigen Euro an und kosten im höchsten Fall ein paar Tausend Euro. Wir merken auf unseren Veranstaltungen, dass die Menschen dazu bereit sind, vom Ikea-Poster wegzugehen und ein paar Euro mehr für ein Original auszugeben.

The European: Auf Ihrer halbjährlichen Ausstellung Stroke zeigen Sie deswegen meist junge Künstler, die erschwinglich sind. Wie kam es zu dieser Idee?
Schwalbe: Seit 2006 haben wir eine Galerie in Berlin und schnell gemerkt, dass es aufgrund der anderen 750 Galerien sehr schwer ist, etwas aufzubauen – gerade im nicht-etablierten Bereich. Berlin ist einfach too much! Selbst die großen Galerien gehen weg, weil es vor Ort keine Käufer gibt. Wir haben dann beschlossen, in München eine Ausstellung zu machen. Dort gab es im jungen Bereich der urbanen Kunst noch keine Veranstaltungen und Galerien.

The European: Was verstehen Sie unter urbaner Kunst?
Schwalbe: Für uns bedeutet das nicht „Kunst aus dem städtischen Umfeld“, sondern Kunst aus dem sich wandelnden, urbanen, gesellschaftlichen System heraus. Neben den zeitgemäßen Aspekten urbaner Kunst beinhaltet unsere Vision zusätzlich digitale Kunst, Design und viele weitere Aspekte urbanen Lifestyles.

The European: Mit dieser Idee im Kopf haben Sie dann Ihre erste Ausstellung in München organisiert.
Schwalbe: Genau, das war im Mai 2009. Wir hatten an einem Abend direkt 1.500 Gäste!

The European: Was unterscheidet München als Kunstmarkt von Berlin?
Schwalbe: In München gibt es viele etablierte Galerien – gerade im oberen Preissegment – aber keinen offenen Kunstmarkt. Vor der Stroke gab es auch keine Kunstgroßveranstaltung – nur eine Antikmesse, wo es um Vasen, Geschirr und Sekretäre geht. Aber im Bereich der Kunst und der jungen Kunst? Nichts. Klar, da sind öffentliche, gut besuchte Institutionen wie die Pinakothek. Aber auch da geht es in Richtung dessen, was Banksy gesagt hat: Die Kuratoren wählen Werke aus, die einen gewissen Ruf haben, einen gewissen Wert widerspiegeln. Das war der Auslöser für uns, die Stroke in München zu machen, denn da findet die breite Masse auch keinen Zugang zur Kunst.

The European: Und in Berlin?
Schwalbe: Da sind wir auch mit der Stroke vertreten: Berlin als Kunsthauptstadt Deutschlands hat einfach einen gewissen Ruf.

The European: Warum eigentlich „Stroke“?
Schwalbe: Stroke ist eine Abwandlung des Begriffes „Strike“ und bedeutet im übertragenen Sinne: „mit einer Handlung mehrere Dinge gleichzeitig zu erreichen“.

The European: Im Sinne von: alles auf einmal?
Schwalbe: Ja, mit einer Aktion viele verschiedene Sachen lostreten und starten, das war die Intention im Gründungsjahr 2009. Durch die Ausstellung wollten wir den Kunstbereich einer breiten Masse zugänglich machen, jungen Künstlern und kleinen Galerien die Chance geben, sich auf einer großen Plattform zu präsentieren.

„Sportveranstaltungen sind als Werbefläche angesehener“

The European: Wieso können sie das auf großen Kunstmessen nicht?
Schwalbe: Weil dort die Gebühren für Messestände im Allgemeinen bei 6.000 Euro losgehen – bis hin zu sechsstelligen Beträgen auf den ganz großen Messen. Das können sich viele junge Künstler gar nicht leisten, von Galerien ganz zu schweigen. Auf der Stroke beträgt die durchschnittliche Standgebühr nur circa 600 Euro für eine Box – Preise, die man als junges Künstlerkollektiv verkraften kann. Dafür hat man die Gelegenheit, sich 15.000 Menschen zu präsentieren und so ein Netzwerk aufzubauen. Denn es sind immer noch viele dabei, die nur nebenberuflich Kreativkünstler sind und das ausbauen wollen, aber eben die Netzwerke und Verbindungen nicht haben.

The European: Reichen die Teilnehmergebühren aus, um die Messe zu finanzieren?
Schwalbe: Nein. Wir haben deswegen ein Zwei-Säulen-System, bestehend aus Eintrittsgeldern und Sponsoren. In Bayern ist die Stroke mittlerweile der größte Kunstevent dieser Art. Relevante Sponsoren interessieren sich allerdings immer noch mehr für Musikfestivals oder Extrem-Sportarten.

The European: Woran liegt das?
Schwalbe: Es gibt Unternehmen wie die Deutsche Bank, die zwar Kunstmessen sponsern – aber nur so etwas wie die „Art Basel“ oder die „Frieze“, weil da vermögende Klientel ist. Für klassische Kunstinvestoren ist unsere Plattform uninteressant, weil unser Publikum eher dem Durchschnittsbürger entspricht. Hinzu kommt, dass Sportveranstaltungen als Werbefläche angesehener sind. Kunst hingegen hat immer noch dieses Berührungsthema: Man muss sich dafür interessieren und kann nicht einfach zu jedem Produkt ein künstlerisches Engagement dazuaddieren. Das würde von den Endkunden schnell als Werbung oder platter Ansatz wahrgenommen werden.

The European: Stroke Art Fair wirft anderen Start-ups im Kunstbereich vor, sich am Trend, Kunst zum Investitionsgut zu machen, zu beteiligen. Was unterscheidet Ihr Unternehmen davon?
Schwalbe: Wir haben den Anspruch, etwas Neues zu schaffen. Die klassischen Internet-Start-ups, die am Markt stehen, schreiben generell immer, sie wollen Kunst für alle zugänglich machen – aber dann bieten sie nur die klassischen Bilder an. Sie nehmen die Berührungsängste nicht, sondern sagen einfach, welche Bilder und Künstler toll sind und welches Bild 5.000 Euro kostet.

The European: Und das machen Sie anders.
Schwalbe: Wir wollen nicht einfach nur Bilder verkaufen, wir wollen einen erlebnisorientierten Umgang mit Kunst bieten. Die Leute sollen zum Event kommen! Im Gegensatz zu klassischen Messen sind wir sowie die Galeristen und Künstler vor Ort. Die Leute reden sehr gerne mit den Künstlern, um zu verstehen, um was es geht. Sie müssen nicht hochakademische Texte von einem Kurator lesen.

The European: Der Kontakt vor Ort macht also den Unterschied?
Schwalbe: Wir versuchen tatsächlich, die Leute von „Online“ wegzubekommen. Dem klassischen Kunst-Start-up hingegen geht es darum, alles zugänglich zu machen. Die Botschaft ist: Kauf bei uns Kunst, das hier empfehlen wir für deine Sammlung. Davon distanzieren wir uns. Wir schreiben uns nicht auf die Fahne, wir seien die besten Kenner. Stattdessen sagen wir: Wenn du uns mal kennenlernen willst, den Umgang mit junger Kunst, die nicht im Museum hängt, dann komm zum Event.

„Für Künstler wird es immer schwieriger, bekannt zu werden“

The European: Apropos „gefallen“: Trends spielen in der Kunst eine wichtige Rolle. Bekommen Sie auf der Stroke die aktuellen Trends mit?
Schwalbe: In den klassischen Kunstmarkt sind wir nicht involviert, deshalb kann ich darüber keine Auskunft geben. Allerdings: Urbane Kunst ist seit Längerem auch in der Werbung präsent. Große Konzerne greifen diesen Trend auf und verwenden ihn für ihre Markenbildung. Die Künstler selbst verdienen damit allerdings keine Millionen, eher andersherum.

The European: Wieso?
Schwalbe: Für Künstler wird es immer schwieriger, bekannt zu werden. Gerade durch Internet und Vernetzung gibt es immer mehr Menschen, die ihre Werke einer breiten Masse präsentieren können. Dadurch gibt es gerade im Bereich der erschwinglicheren Kunst ein Überangebot. Man muss die Vitamin-B-Connection haben, über Netzwerke verfügen und von Kuratoren gefördert werden. Dann verdient man vielleicht irgendwann so viel wie Gerhard Richter, der teuerste lebende Gegenwartskünstler. Das ist allerdings die absolute Minderheit.

The European: Welche Erfahrungen haben Sie auf der Stroke gemacht: Gibt es eine Schmerzgrenze, was die Kunden bereit sind, zu zahlen? Oder ist man erstaunt, wie viel die Leute für einen noch unbekannten Künstler zu bezahlen bereit sind?
Schwalbe: In München haben wir beobachtet, dass die wiederkehrenden Gäste mit den Preisen mitwachsen. Beim ersten Kauf eines Bildes liegen die Einstiegspreise im Bereich von 200 bis 1.000 Euro. Sobald mal man ein ordentliches, schönes Bild hat, nimmt der innere Drang zu, sich ein neues zu holen, ein weiteres danebenzuhängen – und dann ist man im Laufe der Zeit auch bereit, mehr zu zahlen.

Die Münchener Stroke fand dieses Jahr vom 1. bis 5. Mai statt. Nach Berlin kommt die Kunstmesse im Oktober.

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