Berlusconi benutzt Statistiken wie ein Betrunkener den Laternenpfahl: als Stütze, nicht zur Erleuchtung. Romano Prodi

Spielabbruch

Die Wiederwahl Sepp Blatters zum FIFA-Präsidenten zeigt: Der Verband ist kaum noch zu retten. Es ist an der Zeit, drastische Maßnahmen zu ergreifen. Die Verantwortung liegt hier vor allem bei der UEFA.

Eine gewisse Ironie war Sepp Blatters Wiederwahl nicht abzusprechen, wie eine iranische Journalistin feststellte: Ein Mann aus dem Mittleren Osten forderte einen der Korruption beschuldigten Schweizer heraus, wurde dabei vom Westen unterstützt und verlor dennoch.

Seit 1998 steht Blatter dem FIFA-Exekutivkomitee vor, und nun also für weitere vier Jahre. Am Ende seiner Amtszeit wird der Patriarch des Weltfußballs 83 Jahre alt sein, bemerkenswert für einen Sport, in dem die Aktiven bereits mit Anfang 30 aussortiert werden. Unter seiner Ägide wurde aus der WM eine Veranstaltung, die in demokratisch regierten Staaten kaum noch durchzuführen ist. Stattdessen droht in Russland nun die Propagandashow eines expansiven Diktators. Die WM in Katar könnte bis zu 4.000 Arbeitern das Leben kosten.

Weder die massiven Korruptionsvorwürfe der letzten Jahre noch die Verhaftungswelle der letzten Woche konnten Blatter zu dem Rückzug bewegen, der in jeder seriösen Organisation unausweichlich wäre. Selbst im eher unwahrscheinlichen Fall, dass der FIFA-Boss nicht selbst integraler Teil des Korruptionsproblems ist – die offensichtliche Unfähigkeit und der offensichtliche Unwille, es ernsthaft anzugehen, wären Grund genug für seinen Abgang.

Hauptakteure des Fußballs haben in der FIFA nichts zu sagen

Die Nonchalance, mit der Blatter die Vorwürfe gegen die FIFA herunterspielt, ist widerwärtig. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass sein Patronage-Netzwerk, das ihm nun zur fünften Amtszeit verholfen hat, allein deshalb funktioniert, weil die eigentlichen Hauptakteure des Fußballs in der FIFA kaum etwas zu sagen haben.

Das sind zunächst einmal die Fans. Ob in Deutschland, Südafrika oder Brasilien – wann immer Blatter in der letzten Dekade ein Fußballstadion betrat, wurde er mit Pfiffen und Buhrufen empfangen. Mit Ausnahme einiger Diktatoren ist wohl kaum ein Mann so verhasst bei all jenen, denen er eigentlich dienen sollte und von denen er eigentlich abhängig ist. Denn als Stadionbesucher, Fernsehzuschauer und Konsumenten bescheren die Fans der FIFA ihre Einnahmen.

Natürlich haben Fans im durchkommerzialisierten Fußball auch außerhalb der FIFA wenig Einfluss. Besonders deutlich wurde das zuletzt bei Hannover 96, wo sich nach der Eskalation zwischen Fans und Vereinsführung in der vergangenen Saison nun ein Kompromiss anbahnt – ohne dass strukturelle Änderungen am Kurs von Präsident Martin Kind zu erwarten wären.

Doch im Weltfußball könnten die Machtverhältnisse sehr schnell kippen. Fußballfans hängen an der Weltmeisterschaft, nicht an der korrupten Organisation, die sie verwaltet. Die FIFA ist abhängig von der WM, nicht umgekehrt. Und die WM ist abhängig von den großen europäischen Fußballnationen.

Ohne Europa ist die WM wertlos

Mit nur 53 von 209 Stimmen in der FIFA steht der Einfluss der UEFA in keinem Verhältnis zu ihrer Rolle im Weltfußball. Ohne die europäischen Nationalmannschaften und die fast vollständig in Europa unter Vertrag stehende globale Fußballelite würden sich deutlich weniger Fans für die FIFA-WM begeistern. Ohne Europa ist sie wertlos für Sponsoren und Fernsehsender. Es ist Zeit, dass die UEFA dieses Machtpotenzial ausspielt.

Bei dem WM-Boykott, den der englische Verbandschef Greg Dyke fordert, müsste es dabei gar nicht bleiben. Eine von der UEFA ins Leben gerufene neue Weltfußballorganisation würde ohne Weiteres lukrative Fernseh- und Werbedeals für eine alternative WM gewinnen können. Sie ließe sich auch problemlos kurzfristig organisieren – 2018 könnte zum Beispiel europaweit gespielt werden, genau wie bei der Europameisterschaft im Jahr 2020. Neue Stadien oder andere große Infrastrukturprojekte wären unnötig und die Spielstätten wären näher beieinander und besser miteinander verbunden als in Russland. Eine solche WM ließe sich veranstalten, ohne dass der Ausrichter auf einem Schuldenberg sitzen bleibt. Sie wäre nachhaltig und könnte als Blaupause für künftige Auflagen in anderen Teilen der Welt dienen.

Selbst wenn bei einer alternativen WM nicht alle Verbände der Welt mitzögen – sportlich wäre sie vermutlich nicht weniger attraktiv als die letzte FIFA-WM. Die meisten südamerikanischen Fußballverbände haben sich gegen Blatter ausgesprochen. Dass Brasilien ausgeschert ist, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die FIFA in der Bevölkerung spätestens seit der letzten WM weitgehend diskreditiert ist.

Die UEFA muss Worten Taten folgen lassen

Die meisten Länder Südamerikas und die wichtigen Fußballnationen anderer Weltregionen würden sich einem neuen Weltfußballverband vermutlich recht zügig anschließen. Schon allein, weil gegen den Willen einer geeinten UEFA kaum ein Land mit einer ernsthaften Nationalmannschaft bei der FIFA-WM auflaufen könnte. Die überwiegende Mehrheit der Nationalspieler außereuropäischer Top-Teams steht bei europäischen Vereinen unter Vertrag. Diese Vereine könnten sich einfach weigern, ihre Spieler für Wettbewerbe der FIFA freizustellen.

Kurz vor der FIFA-Wahl stellte UEFA-Präsident Michel Platini für den Fall einer weiteren Amtszeit Blatters die Möglichkeit eines europäischen Boykotts in den Raum. Es wird Zeit, diesen Worten Taten folgen zu lassen. Der europäische Fußball sollte von seiner Macht Gebrauch machen und Blatter ein glaubhaftes Ultimatum stellen: Entweder sofortige und drastische Reformen, oder die sofortige Gründung einer neuen Weltfußballorganisation und die Ausrichtung einer alternativen WM.

Neben Blatters Rücktritt sollte die UEFA die uneingeschränkte Kooperation mit den Ermittlungsbehörden zur Aufklärung der Korruption bei den jüngsten WM-Vergaben einfordern. Und dabei in Kauf nehmen, dass auch der eine oder andere europäische Kopf rollt.

Um Blatters Patronagesumpf trockenzulegen, sollte die UEFA außerdem die Abkehr vom „One country, one vote“-Prinzip verlangen, nach dem die Stimmen von korrupten Verbänden fußballerisch wenig relevanter Länder wie den Kaimaninseln oder Trinidad und Tobago genauso viel zählen wie die des DFB oder der englischen Football Association (FA). Stattdessen sollte ein Verhältniswahlrecht eingeführt werden, das bei der Stimmgewichtung der Mitgliedsverbände deren Größe und sportlichen Erfolg mit einbezieht.

Vielleicht sind die US-Ermittler die einzige Hoffnung

Schließlich sollte ein größerer Teil der Sponsoring- und TV-Einnahmen der FIFA zur Finanzierung der WM verwendet und die Kosten ihrer Ausrichtung wieder zurückgefahren werden. So stiege die Wahrscheinlichkeit, dass in demokratischen Ländern, in denen Bürger über die Verwendung ihrer Steuergelder mitbestimmen, auch künftig Weltmeisterschaften stattfinden können.

Eine glaubhafte Drohung der UEFA könnte genügen, um die FIFA einlenken zu lassen. Ob sich die (von Korruptionsvorwürfen auch nicht gänzlich freien) europäischen Verbände bei ihrem Treffen vor dem Champions-League-Finale am Samstag dazu durchringen können, ist jedoch fraglich. Rund ein Drittel von ihnen, darunter auch Spanien und Frankreich, deren Ligen stark von katarischem Geld abhängen, sollen am Freitag ebenfalls für Blatter gestimmt haben. Vielleicht zeigt dessen Wiederwahl, dass die FIFA nicht reformierbar ist. Vielleicht ruht tatsächlich alle Hoffnung auf den Ermittlungen der US-amerikanischen Behörden. Auch das wäre nicht ohne Ironie, wenn man bedenkt, dass „Soccer“ in den Vereinigten Staaten nach wie vor als Mädchensport gilt und „Football“ mit Hand und Ei anstelle von Fuß und Ball gespielt wird.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Oswald Metzger, The European, The European.

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