Das System ist kaputt. Kumi Naidoo

Hauptsache Baby

Prinz George – der jüngste Spross des britischen Königshauses – ahnt nicht, wie sehr er sein künftiges Reich spaltet. Während die einen nur über die zum Unterhalt der Royals notwendigen Steuern lästern, reißen sich die Monarchie-Anhänger um die Geburts-Souvenirs.

3,8 Kilogramm, zwei winzige Hände, ein zerknautschtes Gesicht – und Millionen rasten aus. Das Royal Baby ist ein ziemlicher Rockstar und hält das Vereinigte Königreich in seinem Bann. Tagelang campten Journalisten vor dem St. Mary’s Hospital, um über die Ankunft des dritten Thronfolgers zu berichten.

Alle großen britischen Medien, einschließlich der linksliberalen, brachten die Geburt auf ihre Titelseite. Auf Facebook und Twitter überschlugen sich die Kommentare zu dem Ereignis und auch hierzulande schenkte selbst die Tagesschau dem königlichen Neuankömmling – dank Sommerloch – einen extra langen Beitrag. Mittlerweile wissen wir auch, der Säugling heißt George Alexander Louis. Wobei „Royal Baby“ vielleicht der bessere Rockstarname gewesen wäre.

Die Merchandise-Maschine rollt an

Aber egal, denn die Baby-Mania geht weiter und wieder einmal können die Briten beweisen, wie so ein Massen-Hype richtig geht. Wie zuletzt bei den Olympischen Spielen oder bei der Royal Wedding sind der international ansteckenden britischen Euphorie keine Grenzen gesetzt. Bereits als Kate nur wenige Wochen schwanger war, wurden in England Wetten darüber abgeschlossen, welchen Namen die kleine Prinzessin oder der kleine Prinz bekommen würde. Irreführend hierbei war der vermeintliche Versprecher Kates, der angeblich das Geschlecht des Babys schon verraten hatte: „I’ll take a teddy for my d…“, verhaspelte sie sich, als sie ein Stofftier von einer Frau annahm. Diese Irreführung der Öffentlichkeit und dass es nun doch keine „daughter“ geworden ist, kratzt die Briten nicht weiter. Hauptsache Baby!

Die Boulevard-Zeitungen „Sunday Mirror“ und „Sunday Express“ gaben zum feierlichen Anlass Sonderausgaben mit Baby-Poster und Hochglanz-Baby-Foto-Album als Extra heraus. Unzähliges Baby-Merchandise strömte auf den Markt: Die englische Supermarktkette Marks and Spencer zum Beispiel verkaufte Kekse mit der Namenswidmung „George“ darauf. Der Pub Fort St. George in Cambridge hat zur Geburt eine Plakette an einem Stuhl angebracht, um dem kleinen George einen Platz zu reservieren. Und auch die Australier drehen durch. Im Norden des Landes schenkte man dem kleinen Prinzen ein Krokodil, das er sich, wenn er denn mal groß ist, in einem Krokodil-Park ansehen kann. Nicht mehr nur Kates Kleider, die sie bei öffentlichen Auftritten trägt, sondern auch sämtliche Royal-Baby-Accessoires wie Buggy und Decke werden sofort ausverkauft sein.

Die Briten sind hin- und hergerissen

Wie viel bei dieser Manie ernst gemeint und wie viel davon britische Selbstironie ist, bleibt für uns Deutsche schwer einzuschätzen. Manchmal wissen die Briten es selbst nicht so genau. Wenn es um die Royals geht, sind die Engländer bekanntlich geteilter Meinung. Für zwanzig Prozent ist die Monarchie obsolet und bedeutet eigentlich nur noch hohe Steuern. Bei so einem Event wie der Geburt des kleinen George jedoch geben nicht nur die Royalisten ihren Senf dazu. Gerade die, die sich nicht um die Monarchie scheren, mischen auf Facebook, Twitter und Blogs fleißig mit. Zwar nehmen die Kommentare eher eine ketzerische Form an wie: „Beat this, Kate …“, gefolgt von einem Video der legendären Baby-über-Balkon-Szene des verstorbenen King of Pop, trotzdem ist George Alexander Louis auch für Skeptiker interessant.

Schon verständlich, wenn sich bei so viel Aufmerksamkeit für ein Neugeborenes die Anti-Royals über die Privilegien des von ihnen titulierten „Adelsidioten“ beschweren, vor allem, nachdem die konservative Regierung vor einigen Jahren begann, Gelder für soziale Einrichtungen für Kinder und Jugendliche zu kürzen und dies vor allem ärmere Familien und alleinerziehende Mütter traf. Als Sohn der Duchess und des Dukes von Cambridge wird George nie das Problem haben, keinen Krippenplatz zu bekommen, denn er hat genügend Nannys. Er wird sich auch nicht auf der Straße in Gangs rumtreiben müssen, weil die englische Regierung die Jugendzentren geschlossen hat. Stattdessen wird er von vornherein die beste Schulbildung genießen, in wenigen Jahren so viel reisen wie andere in ihrem ganzen Leben nicht.

Tauschen möchte man mit dem Prinzen aber trotzdem nicht – stets von den Paparazzi verfolgt, die jeden jugendlichen Leichtsinn auf die Titelseite bringen. Die eigenen Eltern haben kaum Zeit und nur langweilige aristokratische Hobbys wie Tontaubenschießen oder Fasane jagen werden von einer streng überwachenden königlichen Familie als angemessen erachtet.

Gut, dass Rockstar George Alexander Louis noch so klein ist und von all dem Tamtam, das um ihn gemacht wird und welches ihm noch bevorsteht, nichts ahnt. Glücklich ist er mit 3,8 Kilo und Knautschgesicht. Alles Gute in diesem Leben, George.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: The European, Wolf Achim Wiegand, Michael Klonovsky .

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