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„Japan ist nur Juniorpartner“

Im Interview mit The European spricht der Asien-Experte Professor Eberhard Sandschneider über neue Wege in der japanischen Außenpolitik, asiatische Wurzeln – und warum ein Tandem Peking-Tokio noch in weiter Ferne liegt. Das Gespräch führte Tobias Betz.

The European: Herr Professor Sandschneider, die USA haben in Japan einen ihrer wichtigsten Verbündeten. Der neue japanische Premierminister Hatoyama, Mitglied der Demokratischen Partei Japans, hat im Wahlkampf eine Kurskorrektur in der Außenpolitik anklingen lassen. Müssen sich die USA Sorgen machen?
Sandschneider: Nein, die grundlegende Situation Japans in der Außenpolitik hat sich auch unter der neuen Regierung nicht geändert. Da gibt es das Problem der Koreanischen Halbinsel, und die immer wieder aufkommenden Spannungen mit China. Dauerhaft kann ich mir nicht vorstellen, dass sich Japan grundsätzlich außenpolitisch neu orientiert. Die Komplexität der Sicherheitssituation in Nordostasien, insbesondere wegen der Situation auf der koreanischen Halbinsel, wird es dauerhaft notwendig machen, dass Japan seine enge sicherheitspolitische Partnerschaft mit den USA aufrechterhält.

The European: Hatoyama sprach aber von mehr Gleichheit in den Beziehungen mit Washington. Was meinte er damit?
Sandschneider: Ich glaube die Rollen in diesem Verhältnis sind klar – Japan ist Juniorpartner und die USA der Seniorpartner. Die Situation Japans ist ja durchaus mit der Europas im transatlantischen Verhältnis vergleichbar. Auch Europa versucht, stärker in Washington wahrgenommen zu werden, was in Anbetracht des Zustandes der Europäischen Union auch unter der Obama-Administration nur begrenzt gelingt. Das Streben nach gleichberechtigter Partnerschaft gehört zu den Grundanliegen von Staaten in der internationalen Politik, insofern macht Japan hier keine Ausnahme.

“Japanische Investoren haben einen großen Beitrag zum Wirtschaftsaufschwung in China”

The European: Japans neuer Premierminister schrieb in einem Gastbeitrag für die New York Times, dass sein Land nicht vergessen dürfe, dass es seine Wurzeln in Asien habe. Es scheint also nicht nur um ökonomische und sicherheitspolitische Fragen zu gehen, sondern auch um die Identität Japans.
Sandschneider: Eine neue Regierung stellt die Identitätsfrage. Zunächst einmal ist es eine Banalität, Japan ist ein asiatisches Land. Im Geiste wird Japan fast schon als westliches Land gesehen. Japan ist nicht nur ein Verbündeter der USA, sondern auch der Europäer, auch in der eigenen Wahrnehmung. Die Frage ist aber, wer spielt welche Rolle in Asien. Ein Japan, das sich vor amerikanische Interessen stellt, wird es schwer haben in den internen asiatischen Diskursen. Insofern ist es nur verständlich, dass Japan verstärkt auch auf seine asiatischen Wurzeln setzt, um von seinen asiatischen Partnern entsprechend wahrgenommen zu werden.

The European: Das Ganze klingt auch nach einer Einladung an China. Könnte eine neue Phase chinesisch-japanischer Annäherung beginnen?
Sandschneider: Die Beziehung stehen vor allem wirtschaftlich alles andere als schlecht da. Vor allem auf der symbolischen Politik ist ein gutes Verhältnis leicht aktivierbar. Beide sehen sich mit einer gewissen Skepsis und Zurückhaltung. Aber eine grundlegende Neuorientierung in der japanischen Außenpolitik ist im Moment nicht zu sehen. Außerdem darf man nicht verkennen, dass es im beiderseitigen Interesse ist, ein belastbares und kooperatives Verhältnis zwischen Japan und China dauerhaft aufrecht zu erhalten.

The European: Welches Interesse hat China an einer Annäherung an Japan?
Sandschneider: Vor allem ein wirtschaftliches. Japanische Investoren haben einen großen Beitrag zum Wirtschaftsaufschwung in China beigetragen. Stabilität im Inneren und im Äußeren ist das alles überragende Interesse der chinesischen Führung. Und wenn es mit Japan zu einem konstruktiveren Umgang käme, würde das der grundlegenden Strategie der chinesischen Außenpolitik nur zum Vorteil gereichen.

The European: Ist eine echte Partnerschaft zwischen beiden Ländern in der Zukunft vorstellbar?
Sandschneider: Bei einer strategischen Partnerschaft wäre ich vorsichtig. Die Verschiebungen, die es in der internationalen Ordnung gibt, werden dazu führen, dass vermeintliche oder tatsächliche Partnerschaften deutlich flexibler werden als es in der Vergangenheit der Fall war. Man wird mehr versuchen, je nach Interessenlage bilateral miteinander zu sprechen, auszuloten und dann vielleicht zu Ergebnissen zu kommen.

The European: Was wären die Folgen für die Region?
Sandschneider: Die Region steckt voller Spannungen, das darf man nicht übersehen. Jede Form von Spannungsreduktion dient der außen- und sicherheitspolitischen Stabilisierung Ostasiens und würde dort ausgesprochen positiv aufgenommen. Das man von einem möglichen Tandem der beiden ehemaligen Vormächte überrollt wird, das vermag ich nicht zu sehen, weil die Interessenunterschiede zwischen Japan und China jederzeit wieder aufbrechen können.

The European: Wird Japan nicht sogar als Mittler zwischen den USA und China gebraucht?
Sandschneider: Selbst wenn die japanische Politik das wollte, wage ich es zu bezweifeln, dass man in Peking Japan als Mittler akzeptieren würde. Einen solchen Mittler wird China nicht brauchen, denn es kann im Zweifel auf Augenhöhe mit den USA direkt sprechen. Im Verhältnis zwischen den USA und China spielt Japan nur eine untergeordnete Rolle, weil es auch in einem Konflikt wenig als Mittler zu bieten hat.

The European: Welche Rolle wird Japan künftig in Asien spielen?
Sandschneider: Die künftige Rolle Japans wird entscheidend von dem wirtschaftlichen Erholungsprozess abhängen. Japans wesentlicher Machtfaktor ist seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Nur wenn es dem Land gelingt, diese zurück zu gewinnen, wird es dauerhaft mit dem neuen Rivalen China – aber auch mit den sich immer stärker integrierenden Ländern der ASEAN-Gruppe – auf Augenhöhe agieren können.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Romano Prodi: „Ich bin kein Träumer“

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