Durch Deutschland muss ein Ruck gehen. Roman Herzog

„Ich muss noch die Mission durchspielen“

Die Automatisierung von Kriegsgerät ist ein gefährlicher Prozess. Das Militär erhofft sich Einsparungen in Milliardenhöhe, doch es entstehen ernste moralische Bedenken. Die Grenze zwischen Realität und Spiel droht dann zu verschwimmen.

Automatisierung und Entgrenzung sind zwei Phänomene, die nicht nur die Arbeitswelt sondern auch den Krieg verändern. Häufig mag eine bestimmte Technologie zuerst im militärischen Umfeld zum Einsatz kommen, bevor sie für den Hausgebrauch denkbar wird. Sei es der alieneske Laderoboter oder die Drohne unter dem Weihnachtsbaum. Doch was, wenn Krieg-Spielen und Krieg-Führen für den Beteiligten nicht mehr zu unterscheiden ist?

Der Tag beginnt morgens mit einem Kaffee im Kreis der Familie. Anschließend geht es mit dem Auto in den täglichen Stau des Berufsverkehrs. Und gegen 17 Uhr ist die Rückkehr nach Hause anberaumt, wo die Familie schon auf Freizeitaktivitäten wartet. Tagsüber fliegen sie Missionen in Afghanistan oder Pakistan. Sie steuern dabei Drohnen, klären auf und unterstützen damit die Bodentruppen, die sonst Kampfjets angefordert hätten.

Drohnen drohen

Für das Militär sind Drohnen aus Kostengründen interessant, da sie nur einen Bruchteil dessen kosten, was für gewöhnliche Kampfjets veranschlagt wird. Je nach Größe und Ausstattung liegt der Preis für Militärdrohnen zwischen wenigen Hunderttausend Euro und einem niedrigen zweistelligen Millionenbetrag. Im Vergleich dazu liegt der Preis für einen „nackten“ Eurofighter etwa bei 57 Millionen Euro. Der Weihnachtsmann wird sich über das Schnäppchen von 299 Euro für die zivile Parrot AR.Drone genauso gefreut haben. Nur das Hacken von Drohnen ist noch günstiger.

Ärgerlich sind Abstürze. Nicht unbedingt wegen der Kosten, sondern weil, wie in Pakistan möglicherweise geschehen, damit Geheimwissen der Amerikaner Ländern wie China zufallen kann. Auch sonst sind Drohneneinsätze nicht unumstritten. Stellen sie etwa die Souveränität Pakistans infrage. Ebenso ist unklar, ob die bei den Geheimoperationen durchgeführten gezielten Tötungen tatsächlich die Richtigen treffen. Oder ob deutsche Staatsbürger einfach so liquidiert werden dürfen?

Im Interview mit dem „Spiegel“ entgegnete US-Major Bryan Callahan, der Drohneneinsätze für das US-Militär fliegt, auf die Kritik, seine Tätigkeit würde einem Videospiel ähneln: „Das mag für Außenstehende so aussehen. Aber das ist bei Weitem kein Videospiel. Es können Menschen sterben. Egal, ob der Angriff mit einer F-16 oder einer Predator-Drohne erfolgt.“

America’s Army ist ein Computerspiel, das im Auftrag des US-Militärs produziert wurde und zu Propaganda- und Rekrutierungszwecken genutzt wird. Es erinnert vom Spielprinzip an Counterstrike. Der Spieler schlüpft in die Ich-Perspektive eines Soldaten im Kampfeinsatz und muss seine taktischen Fähigkeiten, Reaktionsgeschwindigkeit und Teamfähigkeit unter Beweis stellen. Besonders erfolgreiche Spieler des kostenlos spielbaren Taktik-Shooters versucht die Armee dann anzuwerben.

„Nur noch kurz, Mama“

Stellt man sich nun ein Computerspiel vor, bei dem der Spieler Drohnen in Kampfeinsätzen steuern muss. So könnte man besonders erfolgreiche Spieler tatsächliche Einsätze fliegen lassen. Sie müssten noch nicht einmal davon wissen, dass die Grenze zwischen Spiel und Realität, wenn auch nur für einen Moment, aufgehoben wurde. Während sie wohl möglich im elterlichen Zuhause – gar im Kinderzimmer – sitzen.

„Du kommst jetzt sofort zum Essen …“
„Nein, ich kann nicht. Ich muss noch die Mission durchspielen.“

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