Opposition ist Mist. Franz Müntefering

Im Reich der Speichellecker und Internetfilter

Woher nehmen wir unsere Meinung? In diesem Zeitalter werden unsere Gedanken immer mehr von externen Einflüssen bestimmt – doch ob wir das merken steht in Frage.

Menschen finden, aus ihrer Sicht, immer gute Gründe etwas nicht an sich heranzulassen und spinnen sich dabei gern in einen Kokon aus Lebenslügen ein – zum eigenen Schutz. Und wenn es auch nur der Schutz des eigenen Selbstbildes sein mag. Wir sind Meister im Verdrängen von Realitäten – insbesondere uns unangenehmer Realitäten. Die damit einhergehende Komplexitätsreduktion führt zwangsläufig zur Fehlinterpretation der Wirklichkeit. Schuld ist unser Gehirn und nicht das Internet. Obgleich Letzteres mit katalysatorischer Wirkung schon vorhandene Veranlagungen begünstigen mag.

Wir können nicht alles bewusst wahrnehmen, was an Information über unsere Sinnesorgane auf uns hereinströmt. Entscheidend für den Fortbestand der menschlichen Spezies ist, dass genügend überlebenswichtige Informationen passend verarbeitet und dafür nicht relevante Informationen herausgefiltert werden. Dabei geht es erst mal um die einfachen Dinge im Leben: Nahrungsaufnahme, Fortpflanzung und Gefahrenabwehr. Um die Information passend zu verarbeiten, ist deren Bewusstwerden nicht unbedingt nötig, wie an den Reflexen zu erkennen ist.

Vorsicht vor der Filter-Bubble

Auf der Ebene des Bewusstseins wird etwa von Eli Pariser vorgebracht, dass, von außen betrachtet, nicht nachvollziehbare Algorithmen Informationen im Internet von uns fernhalten, die von unserer Meinung abweichen. Dieses Phänomen bezeichnet Pariser als Filter-Blase und richtet fast anklagende Worte gegen Google und Facebook. Aus deren Sicht handelt es sich bei dieser Form der Personalisierung eher um eine Verbesserung der Nutzererfahrung, da der Nutzer in geringerem Maße mit für ihn Unangenehmem konfrontiert wird. Allerdings gibt es bei Facebook derzeit Überlegungen, die Filter zu Gunsten des Geschäftsmodells wieder zu entfernen.

Keineswegs ist dieses Phänomen auf das Internet beschränkt, auch wenn es dort für jeden offensichtlicher zu Tage tritt. In einem Interview sagte Barack Obama „Ich führe derzeit Gespräche mit dem Secret Service, Anwälten und dem Mitarbeiterstab des Weißen Hauses, damit ich auch künftig Informationen von außen erhalte – und nicht nur Informationen von den zehn oder zwölf Leuten, die rund um mein Büro im Weißen Haus tätig sind und den sogenannten ‘Bubble’ bilden.“ Damit bewegt sich Obama auf der Ebene der Mächtigen, deren Entscheidungsfähigkeit leicht von Speichelleckern getrübt werden kann.

Bei anderen bilden Kirche, Boulevard und Stammtisch die Blase, wobei die Zeitung mit den vier großen Buchstaben mehr nach dem Motto – „eine Größe passt allen“ – versucht eine VOLKS.Meinung™ zu installieren. Der Slogan „Bild Dir deine Meinung“ ist doch viel mehr ein Werbeversprechen die Anstrengung der Meinungsbildung zu einem Gatekeeper auszulagern und Meinung in leicht konsumierbarer Form zu bekommen. Letztlich geht es um den Aufbau und die ständige Bestätigung einer konsistenten Weltsicht, die als eigen interpretiert wird. Da das Ändern der Meinung mit Aufwand verbunden ist und die zuvor getätigten Investitionen damit umsonst waren, tendiert man schnell dazu aus Bequemlichkeit die Meinung zu behalten.

„Das Leugnen unserer Irrtümer schützt das Selbstwertgefühl und stärkt die Überzeugung, Einfluss zu besitzen“, erklärt der Psychologe Dietrich Dörner von der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg.
Gerade bei politischen, religiösen und ethischen Werten neigen Menschen dazu besonders intolerant zu sein, es sei denn, sie müssen ihre Ansichten in der Öffentlichkeit verteidigen. Diese Gruppe von Menschen ist eher bereit, nach der eigenen Position widersprechende Argumente zu suchen und gegebenenfalls die Meinung zu ändern.
„Die Mikroöffentlichkeiten des Netzes sind umhüllt von einer Medienmembran, die nur Informationen durchlässt, die die Weltsicht bestätigen. Durch Rückkopplung kann sich ein sozialer, selbstverstärkender Druck entwickeln“, konstatiert Sascha Lobo in seinen Ausführungen zur norwegischen Aufmerksamkeitshure. Die Behauptung, die Tat wäre im Internet geboren, wie letztendlich von Hans-Peter Uhl propagiert und von Lobo verteidigt wurde, lässt den Täter praktisch als Opfer der Filter-Blase erscheinen. Als jemand, der durch äußere Einflüsse zu dieser Tat getrieben wurde, die für ihn selbst aus ideologischen Gründen konsistent, notwendig und legitim erscheint, wie der Täter selbst auch behauptet.
Wenn man nun fragt, ob die Tat „durch das Netz begünstigt, ermöglicht, mitverursacht wurde“, muss man dann nicht ebenso fragen, ob die Tat nicht durch Hersteller von Düngemittel und den örtlichen Schützenverein „begünstigt, ermöglicht, mitverursacht wurde“? Diese Frage hat Sascha Lobo in einem Nachtrag zu seinem Artikel für sich beantwortet und erinnert damit „an die unwürdige Diskussion um Feuerwaffen in den USA, Stichwort: “Guns don’t kill people, people kill people” – was ich lediglich für technisch korrekt, aber für gesellschaftlich völlig falsch halte.“
Dabei hält er es nicht für zielführend die Debatte auf den doppelten Verwendungszweck von Brotmessern – potentiellen Mordwerkzeugen – zu reduzieren, da dies dem sphärischen Charakter des Internets nicht gerecht werde.

Somit muss noch beantwortet werden, ob und wenn welche Verantwortung die Blase selbst hat. Inwiefern sich zum Beispiel die Verantwortung für die Folter in Guantanamo von Georg W. Bush zu seiner damaligen präsidentialen Blase verschiebt? Oder ob Rupert Murdoch zu Recht jegliche Schuld am Abhörskandal von sich weist und dabei auf wenigstens die Speichellecker zweiter Ordnung verweist.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    WMKW – 07.08.2011 - 11:20

    “Die damit einhergehende Komplexitätsreduktion führt zwangsläufig zur Fehlinterpretation der Wirklichkeit” – Diesen “Zwang” sehe ich nicht. Eher sehe ich die Fokussierung auf das Notwendige. Es ist nicht jedem gegeben, komplexe Sachverhalte bis auf atomare Ebene zerlegen und die “richtigen” Schlußfolgerungen ziehen zu können. Aber man kann diese Fähigkeit schulen und sich darauf einlassen, eines Besseren belehrt zu werden. So gesehen bin ich dankbar für die Kommentarfunktion.
    “Da das Ändern der Meinung mit Aufwand verbunden ist und die zuvor getätigten Investitionen damit umsonst waren, tendiert man schnell dazu aus Bequemlichkeit die Meinung zu behalten.” – Das kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen. Man muß immer wieder den inneren Schweinehund überwinden. Ich finde in diesem Zuasmmenhang folgende biblische Weisheit sehr passend: “Seid langsam im Reden, aber schnell im Zuhören”.
    Danke für den Artikel.

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