Wer 1989 bewusst erlebt hat, weiß, dass Veränderungen und die Befreiung aus hoffnungslosen Situationen möglich sind. Marianne Birthler

Gebt mir Tiernamen

Google Plus verlangt von seinen Nutzern, keine Pseudonyme zu verwenden. Doch wer eine Klarnamenspflicht in sozialen Netzwerken fordert, der fordert implizit amtlich verbriefte Namensschilder für Shopping-Malls.

Hier ist er nicht von Belang – mein bürgerlicher Name. Hintergrund der Ausführung ist eine Geschichte um den allzeit geschätzten plomlompom und die Sitzgelegenheit für Couch-Potentials – die ennomane. Beide gerieten in den Konflikt mit einer Konvention, die Google auf seiner neuen in Echtzeit gehypten Plattform G+ zu etablieren versuchte, die Pflicht der Nutzer „echte“ Namen zu verwenden. Was Google sich davon genau verspricht, ist momentan noch nicht abzusehen. Zumindest führt das bei meiner Freundin zu dem interessanten Effekt, dass zu meinem Kontakt in ihrem Handy das Bild eines Anderen, dessen bürgerlicher Name Teile mit meinem gemein hat, zugeordnet wird. Nun ja, in ihrem Handy steht auch nicht mein Pseudonym, was wohl eindeutiger wäre.

Die Freiheit lob ich mir

Dabei weiß es Google eigentlich besser oder irgendjemand hat im Namen von Google einen Text veröffentlicht, der dies schon im Titel suggeriert: The freedom to be who you want to be… Und dann wären da noch die Nutzungsbedingungen, die die Verwendung eines Pseudonyms ausdrücklich zulassen. Aber wahrscheinlich ist die Google-interne Kommunikation auch nicht viel besser als die in anderen Unternehmen dieser Größenordnung. Anders ist der Hetzaufruf eines Googlers gegen Pseudonymisten kaum zu verstehen. Diese wiederum verstehen eine Realnamenspflicht als Angriff auf die Integrität ihrer Identität.

„Wichtiger ist aber, dass es möglich sein muss, sich in sozialen Netzwerken unter Pseudonym zu bewegen, und zwar explizit unter einem Pseudonym, das nichts (in Zahlen: 0) mit der echten Personalausweis-Identität zu tun hat.“, so verteidigte Sascha Lobo plomlompom.

Damit wären wir bei der Frage nach dem „echten“ Namen. Ist der Name „echt“, wenn er in einem von einem Staat ausgegebenen, amtlichen und möglichst fälschungssicheren Dokument eingebrannt ist? Würde das in Verhandlungen – Google gegenüber – helfen? Sicher nicht!

Spitznamen sucht man sich in der Regel nicht aus, sie werden einem gegeben. Aber man könnte sie als „echt“ bezeichnen; einigt sich schließlich das persönliche Umfeld auf eine Bezeichnung, die den Zweck der eindeutigen Adressierbarkeit erfüllt. Vielleicht hat man die Chance, sie durch das eigene Verhalten mitzubestimmen, aber in jedem Fall kann man sie akzeptieren. Meine Bunthundigkeit führte zeitweilen dazu, dass meine Schwester mit „Du bist doch die Schwester vom Daniel“ angesprochen wurde. Worüber sie sich verständlicherweise bei mir beschwerte. Ändern konnte sie praktisch nichts – doch irgendwann verflog das.

Es gab eine Zeit, in der ich „Combo“ gerufen wurde. Dieser Umstand war einem objektorientieren Kartenspiel geschuldet, dessen Kartenkombinationen mich zutiefst faszinierten. Das Pseudonym „Presseschauer“ hat definitiv meine Freundin zu verantworten. Ich wehre mich nicht dagegen – im Gegenteil – ich werde regelmäßig als „der Presseschauer“ vorgestellt, wodurch ich mich geehrt fühle. Wahrscheinlich kennen derzeit mehr Bundestagsabgeordnete mein Pseudonym als meinen bürgerlichen Namen. Doch dies erfolgt ungeachtet der Amtlichkeit des Pseudonyms, die ihnen nicht bekannt sein dürfte. Ich möchte behaupten, für diese Bundestagsabgeordneten ist mein Pseudonym mein „echter“ Name.

Ausweise, bitte!

Mir ging es bei der Eintragung des Pseudonyms in den Personalausweis nicht um die Fuchsschwanzigkeit dieses Unterfangens, sondern um das Austesten von Systemgrenzen. Eine Systemgrenze bestand letztendlich darin, ein Amt Kunst definieren zu lassen: „Sie führen schließlich nur ein Blog!“ Da ich nicht sonderlich geneigt war, womöglich über mehrere Instanzen, Richter über die Kunsthaftigkeit meines Handelns urteilen zu lassen, kam mir gelegen, dass das Ausführen einer Auftragsarbeit unter dem Pseudonym, zum Führen des selbigen berechtigt.

Ob Jugendliche mit der Änderung ihres Namens sich ihrer Jugendsünden entledigen können sollten, wie der Google-Manager Eric Schmidt vorschlug, ist wohl in den meisten Fällen unerheblich. Sollten Jugendliche nicht viel eher Möglichkeiten haben, leicht mit dem umgehen zu können, was ihnen ihre Eltern bereits angetan haben? Die Tochter von Victoria Beckham wird sich später sicher fragen lassen dürfen, was denn die anderen acht Harfenspielerinnen so machen. Ebenso dürfte verständlich sein, dass ein Sohn, bei dem „Kevin“ diagnostiziert wird, dagegen etwas unternehmen möchte. Die Wahl der Selbstbezeichnung in einem sozialen Netzwerk kann hierbei ein erster Schritt sein.

Wer eine Klarnamenspflicht in sozialen Netzwerken fordert, der fordert implizit amtlich verbriefte Namensschilder für Shopping-Malls. Denn sie suggerieren in ähnlicher Form eine Öffentlichkeit, die sich einem Hausrecht zu unterwerfen hat, welches in der Ausformulierung mitunter zweifelhaft erscheint. Und je größer, je unumgänglicher diese Shopping-Mall ist, umso mehr müssen Intentionen der Betreiber mit den Interessen der Öffentlichkeit abgewogen werden: „With great power comes great responsibility.“

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Der Presseschauer: Auf in den Kampf

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