Ich rede am liebsten mit Kindern; denn von ihnen darf man doch hoffen, dass sie einmal Vernunft-Wesen werden. Søren Kierkegaard

Die Lüge von der Kostenlos-Kultur

Open Source ist Mainstream. Allein die von Günter Krings behauptete Zwangsabgabe gibt es nicht. Noch immer gilt: Software is like sex; it’s better when it’s free.

„Meine Damen und Herren, zu den Risiken der digitalen Entwicklung gehört, dass der Schutz des geistigen Eigentums nicht gesichert ist. Dies gefährdet die Existenz von Künstlern und von Kultur- wie Medienschaffenden, die von den Tantiemen für die Nutzung ihrer Werke leben. Beleg hierfür ist die massenhafte Verbreitung illegaler Raubkopien im Internet und eine weit verbreitete Gratis-Mentalität. Und hiervon betroffen ist nicht allein die Film- und Musikindustrie“, meinte Kulturstaatsminister Bernd Neumann auf der Media-Night der CDU. Seine nicht vorhandene Medien- und Internetkompetenz unterstrich Staatsminister Neumann, indem er sich von Caro Korneli von „Extra3“ aufs Glatteis führen ließ und behauptete, Google habe sicher ein Konzept für den Fall: das Internet wäre voll.

Auch Günter Krings ist der Ansicht: „Die Verbraucher haben einen Anspruch auf eine vielfältige und eine qualitativ ansprechende Kulturlandschaft. Diese kann es aber nicht zum Nulltarif geben.“

Fehlendes Vorstellungsvermögen

Nun sind Bernd Neumann und Günter Krings vehemente Verfechter eines Leistungsschutzrechtes für Presseverleger, das im Herbst mit tatkräftiger Unterstützung der FDP-Fraktion in den 3. Urheberrechtskorb eingeflochten werden soll. Dabei haben sich die Politiker von den Verlagslobbyisten kräftig einlullen lassen, denn die viel beschworene Kostenlos-Kultur ist ein Mythos. Und illegale Raubmordkopien? Da springt Stephan Thomae von der FDP-Fraktion den Verlegern zur Seite: „‚Dein Inhalt, mein Geschäftsmodell‘ – diese Devise ist nicht akzeptabel“ – es sei denn, es ist das Geschäftsmodell der Verlage.

Zu behaupten, durch Werbung finanzierte Inhalte wären kostenlos, offenbart gleichsam das fehlende Vorstellungsvermögen für wirtschaftliche Zusammenhänge. Auch Google und Facebook bieten ihre Dienste nicht kostenfrei an, sondern sie nehmen im Gegenzug Aufmerksamkeit und Daten. Hier gilt mitunter: „If you are not paying for it, you’re not the customer; you’re the product being sold.“ Und wer im Urlaub schon einmal versucht hat, Videos ins Netz hochzuladen oder nur ein paar Artikel in der Wikipedia nachzuschlagen, wird spätestens mit der nächsten Telefonrechnung merken, wie kostspielig derartige „menschenverachtende Ungerechtigkeiten“ sind.

Ansonsten schlagen Unternehmen, die ihre Produkte bewerben und damit Verlegern eine Einnahmequelle bescheren, dabei entstehende Kosten einfach auf die Konsumenten um. Infolgedessen werden die Produkte teurer. Wenn man jetzt argumentiert, jemand der gänzlich auf beworbene und damit teurere Produkte verzichtet, würde die Inhalte praktisch kostenlos erhalten, ist dennoch falsch gewickelt. Vom Internetzugang bis zur Energie verursacht Werbung zusätzliche Kosten, die von Lesern zu tragen sind. Besonders ärgerlich, wenn dadurch der Akku des mobilen Endgeräts schneller am Ende ist und das Limit von sogenannten Daten-Flatrates schneller erreicht ist.

„Software is like sex; it’s better when it’s free“

Angesprochen auf die durch den erhöhten Energieverbrauch entstehenden Kosten durch lästige Flashwerbung, die im ekelhaftesten Fall noch akustische Beschallung verursacht, glaubte ein Mitarbeiter eines Bundestagsabgeordneten gar, diese wären vernachlässigbar – also höchstens 1 bis 2 Euro im Monat. Wahrscheinlich könnte man alleine in Deutschland mehrere Atomkraftwerke abschalten, falls man darauf verzichten würde.

Günter Krings ist übrigens der Meinung, Open Source wäre „letztendlich eine Zwangskollektivierung, die alle Urheber – und nicht nur die Verleger – enteignet und eine Zwangsabgabe unabhängig vom Konsum nach sich ziehen würde“.

Dabei stellte eine von der europäischen Kommission beauftragte Studie bereits 2006 fest: „Firms have invested an estimated Euro 1.2 billion in developing FLOSS software that is made freely available. Such firms represent in total at least 565 000 jobs and Euro 263 billion in annual revenue. Contributing firms are from several non-IT (but often ICT intensive) sectors, and tend to have much higher revenues than non-contributing firms.“ Das kürzlich veröffentlichte Ergebnis des „Future of Open Source Survey“ lässt einen zum Schluss kommen: Open Source ist Mainstream. Allein die von Günter Krings behauptete Zwangsabgabe gibt es nicht. Stattdessen gibt es zahlreiche Unternehmen, die Geschäftsmodelle um für sie nicht veräußerbare immaterielle Güter entwickelt haben und damit Existenzen von kreativen Programmierern und Designern sichern.

Nur weil die Kosten auf den ersten Blick nicht erkennbar sind, heißt das nicht, dass sie nicht existieren. Wenn Linus Torvalds sagt „Software is like sex; it’s better when it’s free.“, ist das ein Glaubensbekenntnis an die wahre Liebe, doch es sagt nichts über die damit verbundenen Kosten aus. In dem Augenblick weiß man bei der Ware Liebe, woran man finanziell ist.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Der Presseschauer: Auf in den Kampf

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Internet, Leistungsschutzrecht, Verlag

Debatte

Die Piraten und das Urheberrecht

Medium_941382a896

Die Quadratur des Kreises

Die von den Piraten vorgeschlagene Reform des Urheberrechts ist lächerlich. Die junge Partei kann nicht in Zusammenhängen denken. Sorgen müssen wir uns dennoch nicht machen. weiterlesen

Medium_00b0f1c4b2
von Peter Ganea
03.08.2012

Gespräch

Medium_82c1b6869c

Kolumne

Medium_45c47f9584
von Gunnar Sohn
09.04.2012
meistgelesen / meistkommentiert