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Schmuckstück Doktortitel

Dass Internet hat sich anscheinend gegen die Politiker mit Doktor-Titel verschworen: Ob nun Karl-Theodor zu Guttenberg oder Silvana Koch-Mehrin. Doch anstatt zu lamentieren, sollte die Arbeit der Plagiatsjäger unterstützt werden, könnte sie dem Titel doch wieder zu mehr akademischen Glanz verhelfen; anstatt primär ein Schmuckstück auf schicken Visitenkarten zu sein.

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Es begann mit Karl-Theodor zu Guttenberg – wenig später folgen nun Veronica Saß, Tochter des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, und Silvana Koch-Mehrin, Europaabgeordnete der FDP und Vizepräsidentin des EU-Parlaments. Es geht um das Prozedere des Aberkennens von Doktortiteln. Die sich im Internet verdichtenden Hinweise haben die erneute Prüfung der Doktorarbeiten durch die Universitäten herbeigeführt.

„Momentan ist das große Jagdfieber ausgebrochen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis gegen andere promovierte Politiker Plagiatsvorwürfe erhoben werden“, sagte Jörg van Essen gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung, als sich die normative Kraft des Faktischen in Form minutiöser Dokumentation der „nicht oder nicht korrekt gesetzten“ Fußnoten in der Arbeit des Barons abzeichnete. Damit sollte der FDP-Politiker recht behalten. Es dürfe nicht sein, dass „jetzt alle Politiker mit Doktortitel unter einen Generalverdacht gestellt werden“, wird er von der Zeitung weiter zitiert. Auch Konrad Lischka und Matthias Kremp kritisieren bei Spiegel Online, es würde für einige der im Internet organisierten Plagiatsjäger die Unschuldsvermutung nicht gelten und der Generalverdacht wäre an der Tagesordnung.

Der Plagiator ist selten allein

Wer meint, die Doktoren würden erst im Internet unter Generalverdacht gestellt, verkennt, dass der Generalverdacht längst von den Universitäten ausgesprochen wurde. Dort wird von den Doktoranden oft eine eidesstattliche Erklärung, die Arbeit selbst erstellt zu haben, eingefordert. Gleichsam lenkt die herausragende Stellung der beim Abkupfern erwischten Politiker von der zweifelhaften Einstellung zu wissenschaftlicher Arbeit mancher am Promotionsprozess Beteiligter ab. Doktoranden, Doktoren und Professoren, die sich anonym an der Plagiatsjagd beteiligen, dürften ein größeres Interesse haben, den Schaden für die Wissenschaft durch Kollegen, die durch Unwissenschaftlichkeit die Abwertung des akademischen Grads vorantreiben, abzuwenden.

„In der wissenschaftlichen Lehre und Literatur hat der Würzburger Soziologie-Ordinarius Lothar Bossle, 59, kaum Ruhm erworben. Seine Werke strotzen, wie Kritiker bemängeln, von ,Plattitüden‘ und ,ideologischem Ballast‘, sein Lehrstuhl steht im Ruf einer ,Doktorfabrik‘ und ,Kaderschmiede‘ für CSU-nahe Jungkarrieristen“, schreibt der Spiegel bereits 1989. Im Jahre 2007 gab es einen Skandal wegen des Titelhandels eines Juraprofessors aus Hannover. Geld für die Hilfe beim Doktortitel und sexuelle Gefälligkeiten für Kuschelnoten war der Vorwurf. Dass es sich hierbei nur um die Spitze des Eisberges handeln kann, zeigt ein aktueller Rechtsstreit zwischen zwei Ghostwriterunternehmen bezüglich der Unzulässigkeit von Werbeaussagen wie „1.500 Kunden pro Jahr vertrauen dem Marktführer – Danke!“ Der Konkurrent hatte behauptet, bei ihm wären es 2.500 Kunden – „auch viele waschechte Akademiker aus allen Fachbereichen“.

Deutsche Titelgeilheit

Es scheint, als gäbe es genügend Karrieristen, die den Doktortitel wie eine Monstranz vor sich hertragen, und als würde die Arbeitswelt gerade in Deutschland eine Titelgeilheit fördern.

Doch mit der Veröffentlichung des Werkes wird die Doktorarbeit Teil des wissenschaftlichen Diskurses, der nun mal auch öffentlich stattfindet. Aber wer allein der Karriere wegen Doktorwürden anstrebt oder bereits errungen hat, muss in Zeiten des Wissenschaftsdialogs und des Kontrollverlusts mit für ihn unangenehmen Fragen rechnen.

Vielleicht konnte man früher hoffen, die nach dem Prinzip „Leistung muss sich wieder lohnen“ – also mit minimalem eigenen Einsatz für maximalen Gewinn – verfasste Doktorarbeit würde in den Bibliotheken verstauben und von niemanden mit Fachkenntnis gefunden werden. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Wenn dann jemand in unqualifizierter Form behauptet, eine Arbeit würde wissenschaftlichen Standards nicht genügen, so bleibt dies solange eine unqualifizierte Behauptung, bis er selbiges schlüssig belegen kann. Im Übrigen wird der wissenschaftliche Grad nicht vom Internet beziehungsweise den sich dort tummelnden Akteuren, denen möglicherweise auch eine politische Motivation zugeschrieben werden kann, entzogen. Lediglich die Universität, die den Titel verliehen hat, wird diesen wieder aberkennen.

Mehr Schein als Sein

Falls Politiker die Ansicht vertreten, das Internet habe sich gegen sie verschworen und es ginge jetzt nur darum, vor allem ihre Partei zu diskreditieren, verallgemeinern sie die politische Motivation. Doch was würde dagegensprechen, wenn sie Studenten beschäftigten, sich an der Plagiatsjagd zu beteiligen? Vielleicht könnte man einen politischen Gegner in die Pfanne hauen. Doch viel entscheidender wäre, dass sie dadurch der Entwertung des akademischen Grads entgegenwirken. Nebenbei wären die Studenten, bei im Idealfall angemessener Vergütung, mit wissenschaftlicher Arbeit befasst.

Aber solange in Deutschland Schein mehr als Sein zählt, wird sich grundlegend nichts ändern. Würde der Doktortitel nicht mehr als Namensbestandteil geführt werden können, könnte die Motivation schwinden, diesen als Schmuck zu betrachten und ein wichtiges Motiv für den Betrug würde entfallen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Der Presseschauer: Auf in den Kampf

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