Papst Benedikt hat ein waches Gespür für das, was eine Gesellschaft lebenswert macht und im Innersten zusammenhält. Robert Zollitsch

Digitale Jubelperser

Der Fall Guttenberg weist auf ein neues Phänomen hin, das immer schneller um sich greift. Astroturfing beschreibt künstliche Meinungsmache. Derzeit braucht man dafür günstige Arbeitskräfte, bald werden dazu nur noch Computer benötigt.

So hatte sich das Aaron Barr wohl nicht vorgestellt: Eigentlich wollte er die Identität von Anonymen lüften, die ihre LOICs unter anderem gegen Visa und Mastercard richteten. Er wollte diejenigen vorführen, die schon Server von Scientology aus dem Netz fegten. Doch letztendlich haben die Anons ihn, den Chef der Sicherheitsfirma HB Gary, vorgeführt. Er hatte mit der Offenlegung der Identitäten einiger angeblicher Führer von Anonymous geprahlt. Dadurch zog er den Zorn der sehr diffusen Gruppe auf sich und seine Firma. Es folgte ein Hack, der nicht wegen seiner Ausführung, sondern wegen dem, was er zum Vorschein brachte, als bemerkenswert einzustufen ist. Das waren etwa eine Präsentation, wie man Wikileaks zersetzen kann, Stuxnet und eine Ausschreibung der US Air Force für eine Persona-Management-Software.

Wenn es gilt, auf die Meinung anderer Einfluss zu nehmen, sind Sockenpuppen und Astroturfing gängige Methoden, um gerade Unentschlossene auf die „richtige“ Seite zu ziehen. Sei es, um einen Wikipedia-Administrator zum Handeln im eigenen Sinn zu bewegen, oder eine politische Graswurzelbewegung vorzutäuschen. Umso interessanter ist es zu beobachten, wie sich derweil Medien auf die Zahlen von Facebook-Seiten stürzen und kolportieren, Hunderttausende wären gegen eine Hetzkampagne gegen Karl-Theodor zu Guttenberg und es gäbe gar über eine halbe Million Menschen, die sein Comeback fordern. Doch auf manipulierte Links, die nichts ahnende Menschen zu „Unterstützern“ machen, oder die Tatsache, dass auch Gegner aufgrund der Funktionsweise von Facebook einfach als Unterstützer wahrgenommen werden, soll hier nicht weiter eingegangen werden.

Die Automatisierung des Astroturfings naht

Werden derzeit für Astroturfing noch willfährige, meist schlecht bezahlte Menschen gebraucht, so ist die Automatisierung dieser „Arbeit“ schon am Horizont erkennbar. Die Generierbarkeit von Text, die Simulation von Identitäten und die Orchestrierung ganzer Sockenpuppenarmeen über eine Persona-Management-Software stecken zwar noch in den Kinderschuhen, doch die Zahl der bekannt gewordenen Fälle von Astroturfing deuten auf eine Nachfrage hin. So handelt es sich beim US-Militär, das im Jahr 2010 das US Cyber Command in Dienst stellte, ja auch nicht um irgendwen, der sich für derartige Technologie interessiert.

Kürzlich konnte IBM zeigen, wie weit fortgeschritten die Forschung im Bereich Künstlicher Intelligenz ist. Zur Quizsendung „Jeopardy“, bei der man zu gegebenen Antworten die passende Frage finden muss, schlug sich das Computersystem namens „Watson“ gar hervorragend. Zur Lösung dieser Aufgabe ist ein gewisses Verständnis der menschlichen Sprache nötig. Es geht um das Erkennen von Zusammenhängen und das Erkennen von impliziter Information, also semantische Beziehungen, die im Text verborgen sind. Nun ist die Analyse von Texten das eine und die Generierung von Texten etwas anderes.

Wie lesbar generierte Texte heute schon sind, lässt sich an automatisch übersetzten Texten erkennen, da hier ähnliche Techniken zum Einsatz kommen. Sie wirken zwar jetzt noch etwas holprig, aber wie lange noch?

Die digitalen Jubelperser werden sich nicht verhindern lassen

Doch für automatisiertes Astroturfing braucht es mehr als einfach nur generierte Texte. Dabei könnte eine simulierte Identität als Verbreiter dieser Information dienen. In einem bemerkenswerten Vortrag zu „Bot personalities for Social Media Streams“ skizzierte David Bausola bereits 2010 die Möglichkeiten derartiger Systeme, die sich zum Aufbau eines SocialGraph eignen. Die Programmierschnittstellen von sozialen Netzwerken, Foto- oder Videoplattformen unterstützen die Entwicklung von solchen Identitätssimulationen, da die Interaktion mit anderen Nutzern so leichter automatisiert werden kann. Sei es das Stellen oder Beantworten von Freundschaftsanfragen, das Weiterleiten von Information im SocialGraph oder das positive Bewerten von Inhalten, die andere eingestellt haben. Damit kann einerseits der SocialGraph vergrößert und die Reichweite gesteigert werden, andererseits gibt es Chancen, dass ein Bot positiv wahrgenommen wird und das Vertrauen in ihn wächst.

Die Zweifel bei Facebook-Profilen, die keine Freunde haben und deren mitunter einzige Aktivität es war, „Fan“ einer Guttenberg-Seite zu werden, sind nachvollziehbar. Dennoch muss das nicht unbedingt ein Kriterium für ein Fakeprofil sein, da die allgemeine mediale Präsenz des Themas tatsächlich geeignet ist, Facebook neue Mitglieder zu verschaffen. Umgekehrt wirkt eine über längere Zeit aufgebaute Identität einer Sockenpuppe auf den ersten Blick vertrauenswürdiger.

Eine Persona-Management-Software könnte nun eine Vielzahl Bots verwalten und deren Kommunikation auch untereinander steuern. Der Aufbau einer Sockenpuppenarmee, für den die Identitätssimulation dienen kann, muss allerdings schon vor dem Eintreten des Ernstfalles vollzogen sein. Durch die Massenkompatibilität von Boulevard scheint diese Form von Inhalten besonders geeignet, da sie schlicht unverfänglich ist.

Wenn die Bots als Agitatoren zum Einsatz kommen sollen, kann die maschinelle Analyse von Text, wie bei „Watson“, zur Identifikation von Meinungsgegnern und Gegenargumenten genutzt werden. Textgenerierung käme vor allem zur Paraphrasierung eigener Argumente und somit zur Vervielfältigung der Textmenge, die wiederum von den Bots verbreitet werden können, zum Einsatz.

Die digitale Form der Jubelperser wird sich wohl nicht verhindern lassen, unabhängig davon, ob schlecht bezahlte Praktikanten oder Maschinen diesen Job machen. Vielleicht sollten wir einfach mehr darauf achten, wer mit uns befreundet sein möchte oder mit uns interagiert, um diese Form der Agitation erkennen zu können.

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