Zeit ist nur knapp im Verhältnis zu den Vorhaben. Rüdiger Safranski

Ich sehe was, was du nicht siehst

Das Internet wird zur Spielwiese für Werber und Günstlinge, die um unsere Aufmerksamkeit ringen. Die einfachste Medizin dagegen: Anonymität. Doch selbst die wird von der Politik immer stärker untergraben.

Miriam Deckel, Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen, hielt diese Woche in der Neuen Zürcher Zeitung ein Plädoyer für den Zufall. Es geht ihr dabei um eine Diskussion, über die durch Algorithmen verursachte, präselektive Wahrnehmung, die unter dem Begriff der Personalisierung daher kommt. Sie knüpft dabei gedanklich bei Eli Pariser und Frank Schirrmacher an und führt aus, wie positive Feedbackscheifen die von Programmen unterstellte Meinung verstärkten und den Wahrnehmungshorizont immer mehr verengen. Bedroht diese Abschottung, die sich dem Bewusstsein der Nutzer zu entziehen versucht, Demokratie und Gesellschaft?

Eine Blase aus Günstlingen

Vor einer Weile schrieb ich von einem fremdverschuldeten und einem selbstverschuldeten Informationsdefizit, welches zutage tritt, sobald man die Ebene der Spieltheorie in Bezug auf die aufgeklärte Monarchie verlässt. Dann wird die Urteilskraft des Monarchen durch Günstlinge und Intriganten, aber auch durch eigene Ignoranz und Desinteresse, getrübt. Wenn man nun die Algorithmen als Mechanismen versteht, die Echokammern aus Günstlingen und Intriganten um uns herum erzeugen, so kann man meiner Behauptung, der Einzelne wäre als Ziel aufgrund des fehlenden Machtpotenzials uninteressant, leicht widersprechen. Die Blase der eigenen Lebenslügen wird durch Interessen Dritter aufrechterhalten.

Daher ist es wenig verwunderlich, dass man auf der Digital-Marketing-Fachmesse dmexco dieser Entwicklung etwas Positives abgewinnt – schließlich steht auch der Markt der Meinungsmanipulation vor einer Revolution. “Google is no longer in the business of sending people to the best sources of information on the Web. It now hopes to be a destination site itself for one vertical market after another, including news, shopping, travel, and now, local business reviews.”, wirft Jeremy Stoppelman, der CEO von Yelp, in der Kartellanhörung des Senats auf. Ebenso wie den Verlagen wird Facebook, Google & Co. eine Förderlichkeit für Demokratie und Gesellschaft beigemessen. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass diese Mittler und Gatekeeper klare finanzielle Interessen haben – Demokratie und Gesellschaft werden im Zweifel nachrangig behandelt.

„Wie können wir sicher sein, dass diese Systeme im Interesse der Nutzer und der Gesellschaft arbeiten und nicht nur im Interesse der werbetreibenden Wirtschaft? Wie können wir vermeiden, dass wir immer stärker geprägt werden von Modellen und im Hintergrund ablaufenden Prozessen mit Fehlern, Vereinfachungen und versteckten kulturellen Annahmen?“, fragen Martin Feuz und Felix Stander, die den Versuch unternommen haben, die Intensität der Personalisierung zu ergründen.

Folgt man ihrer Analyse und Meckels Plädoyer, so ist Anonymität die offensichtlichste Möglichkeit sich der Personalisierung und der damit einhergehenden Einflussnahme zu entziehen. Nur wird die Anonymität durch die Arbeitsgruppe „Innen“ der CDU/CSU-Fraktion massiv angegriffen, was einer Kurzsichtigkeit geschuldet ist, die den Ansatz des Messers am eigenen Fleisch verkennt. „Eine anonyme Teilhabe am politischen Meinungs- und Willensbildungsprozess ist abzulehnen.“, lautet eine zentrale Forderung ihres Positionspapiers. Aber man wird wohl trotzdem an anonymen Parteispenden und der Nicht-Offenlegung von Nebentätigkeiten festhalten.

Auf der Suche nach Anonymität

Es gibt eine gewisse Vorliebe, kritische Kommentare über die Zuordnung zu einer bestimmten politischen Denkrichtung zu diskreditieren. Insofern ist die Aufhebung von Anonymität auch dem Wunsch geschuldet, Kritik als Kritik eines politischen Gegners erkennen zu wollen. Doch selbst wenn die Kritik aus den eigenen Reihen kommt, lassen sich darüber Machtpositionen leichter durchsetzen und Aufstiegschancen von Kritikern leichter verbauen.

Aber mit einer machtinduzierten Realitätsverweigerung und Abkopplung von der Allgemeinheit steht die Union nicht alleine da. Die Folgen von Gruppendenken, aber auch die Möglichkeiten Gruppendenken zu verhindern, sind hinlänglich bekannt. Die politische Förderung dessen – sei es nun mit Algorithmen verbunden oder nicht – durch eine gewollte Abkehr von Anonymität verstehe ich als Angriff auf demokratische Prinzipien wie etwa dem Wahlgeheimnis. Daher kann man die Entscheidung des Wählers, im Berliner Abgeordnetenhaus Sitze für Advocati Diaboli – in Form von Piraten – vorzusehen, nur begrüßen.

Bleibt die Frage, ob die permanente Selbstbestätigung nicht auf Dauer die Neugier und Kritikfähigkeit eines wachen Geistes derart beleidigt, dass dieser in eine kindliche Trotzreaktion verfällt?

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Der Presseschauer: Auf in den Kampf

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