Wer seine Geschichte nicht erzählen kann, existiert nicht. Salman Rushdie

Protestantische Scheinheiligkeit

Mein Unwort des Jahres: Sünderländer. Können denn Schulden Sünde sein?

In seiner „Zur Genealogie der Moral“ bemerkte Nietzsche bereits die Ähnlichkeit der deutschen Wörter „Schuld” und „Schulden“. Er interpretierte dies als aufschlussreich hinsichtlich der Herkunft von Strafe: Ein Mensch kann diejenigen bestrafen, die ihr Versprechen ihm gegenüber gebrochen haben. Des Versprechens beraubt, erwächst ihm zumindest Genugtuung durch die Bestrafung derer, welche ihm Schuldner sind.
Ein schlechtes Gewissen komme daher stets aus der Beziehung zwischen Schuldner und Gläubiger.

Alte Vorstellungen südeuropäischer Faulheit

Vielleicht erklärt diese sprachliche Nähe von Sünde und Schulden auch, warum in der Diskussion um das überschuldete Griechenland und der Euro-Krise solch ekelhaft moralische Töne angestimmt werden. Seit nahezu einem Jahr findet sich der Begriff „Sünderländer“ in Überschriften, Interviews und Meinungsbeiträgen zu der Wirtschaftskrise. Dies mag ein häufiger Begriff im Zusammenhang mit Schuldnern sein, die ihre Zinsen nicht mehr bedienen können – doch er wurde so oft durchdekliniert und neu verwendet, dass sich in seine ursprüngliche Bedeutung mittlerweile ein selbstgefälliger Ton von moralischer Überlegenheit mischt. Wenn der deutsche Europaparlamentarier Elmar Brok betont, Sünderländer sollten sich darüber im Klaren sein, nicht immer mit einer Rettung rechnen zu können, so serviert er sowohl Boulevardpresse als auch Qualitätsmedien alte Vorstellungen von südeuropäischer Faulheit.

So publizierte die „Zeit“ in diesem Monat ein Interview mit dem tschechischen Außenminister Karel Schwarzenberg, der betonte, dass Deutschland kein Wirtschaftswunder sei: „In Deutschland findet ja kein Wirtschaftswunder statt, sondern man hat nur das Arbeitsethos nicht ganz aufgegeben, wie in manchen Teilen Europas.” Und als würde das Lob der protestantischen Arbeitsmoral nicht bereits zwischen den Zeilen stehen, legte er anschließend kräftig nach: „Dass derjenige, der aus Tüchtigkeit und Fleiß reich wird, mit der Zeit dominant wird, das ist völlig richtig.“ Während die Deutschen also mit ihrer sorgfältig geführten Wirtschaft, ihren Putzplänen und getrenntem Müll unantastbar sind, vereinigen Griechen, Spanier und andere dunkelhaarige Menschen laut den deutschen Medien genug Sünden auf sich, um im innersten Kreis von Dantes Hölle zu landen.

Die implizierte Erklärung für die Probleme der kriselnden europäischen Wirtschaften ist jedoch nicht allein für die Deutschen bestimmt. Er erinnert erschreckend an die rassistische Rhetorik, warum Afrika in der Weltwirtschaft keine große Rolle einnähme. Wie in der Fabel des französischen Schriftstellers Jean de La Fontaine werden die südlichen Schuldenländer als faule Grillen betrachtet, die am Ende des Herbstes an die Tür der Ameisen klopfen. Die Tatsache, dass Deutschland selbst der größte Schuldensünder des 20. Jahrhunderts war, wird in diesem Bild bequem vergessen. An seine Stelle tritt eine längst vergessene Scheinheiligkeit, die jeden überzeugten Europäer erröten lassen sollte.

Wirrungen des Alten Testamentes

Eine andere reizende Variante der „Sünderländer“ ist „Euro-Sünder“, die regelmäßig von der „Welt“, dem „Handelsblatt“, dem „Tagesspiegel“ u.a. verwendet wird. Interessanterweise ist der Begriff jedoch in Österreich am populärsten. Selbst er reicht jedoch auch bereits aus, um das Bild eines bedrohlichen, blassen Clans von Nordeuropäern heraufzubeschwören, die ihre hageren, puritanisch-protestantischen Finger in Richtung des hedonistischen Südens schütteln.

Diese Begriffe unterstreichen, zu welchem Ausmaß das europäische Politikbewusstsein noch stets in den Wirrungen des Alten Testamentes verhaftet ist: Mag die EU auch auf säkularen Werten gegründet sein, und die Weltwirtschaft auf dem Fundament stehen, dass es ohne Schuldiger auch keine Gläubiger geben kann, scheint es in den Medien komplett akzeptiert zu sein, Schulden mit Sünde gleichzusetzen.

Leserbriefe

Aus der Debatte

Unwort des Jahres

Unwort post-gendering

Paul_sapiano_ccby

Mit dem Unwort post-gendering versucht die Piratenpartei, über einen zu geringen Frauenanteil hinwegzutäuschen. Zudem macht sie damit konstruktive Debatten zur Gleichberechtigung von Frauen unmöglich.

S_ren
von Sören Musyal
17.01.2012

Unwort Döner-Morde

134397435 4

Mein Unwort des Jahres finde ich so furchtbar, dass ich es am liebsten gar nicht mehr aussprechen bzw. aufschreiben würde, aber wohl muss, weil sonst niemand weiß, was ich meine. Aber nur noch einmal: Döner-Morde.

Dsc_0188
von Alexandra Schade
14.01.2012

Unwort Arabischer Frühling

5317101075_146a204823_o

Von wegen Arabischer Frühling. Wenn wir die Ereignisse in Nordafrika und dem Nahen Osten unter diesem Schlagwort betrachten, laufen wir Gefahr, die wahre Bedeutung der Geschehnisse zu übersehen.

Dsc_0274
von Florian Guckelsberger
12.01.2012

Mehr zum Thema: Ethik, Griechenland, Schuldenkrise

Kolumne

  • 13

    Ohne großes Aufsehen wurde diese Woche erstmals der Welt-Down-Syndrom-Tag begangen. Doch es gibt immer weniger Menschen mit sogenannter Trisomie 21. 90 Prozent von ihnen werden heute schon abgetrie... weiterlesen

Birgit_kelle
von Birgit Kelle
24.03.2012

Kolumne

Jennifer_pyka
von Jennifer Nathalie Pyka
21.01.2012

Debatte

Inkrafttreten des PID-Gesetzes

57066686

Inkrafttreten des PID-Gesetzes

Seit Anfang Dezember ist das Gesetz zur PID in Kraft. Einen genauen Kriterienkatalog gibt es nicht. Vielmehr sollen Experten den Einzelfall entscheiden. Damit ist die Büchse der Pandora geöffnet. weiterlesen

Birgit_kelle
von Birgit Kelle
24.12.2011
meistgelesen / meistkommentiert