1949 schob der Ökonom Bill Phillips eine wackelige, vage an einen Schrank erinnernde Konstruktion in den vollbesetzten Seminarraum der London School of Economics. Auf der Vorderseite des Gerätes befand sich ein dichtes Netzwerk aus Pumpen, Ventilen, Schläuchen und Sammelbecken. Phillips hatte diesen hydraulischen Computer, später als „Moniac“ bekannt, im Keller seiner Vermieterin gebaut, um seinen Studenten damit anschaulich die Hintergründe der keynesianischen Wirtschaftstheorie zu erklären.
Wer versteht das Kleingedruckte?
Seine Idee war, mit Ventilen und Pumpen verdeutlichen zu können, wie eine Steuersenkung oder Inflation die nationale Wirtschaft beeinflusst: Wasser wird durchs „Schatzamt“ gepumpt und verteilt sich über mehrere durchsichtige Behälter, welche wichtige Teile der Wirtschaft verkörpern (wie z.B. Regierungsausgaben, Außenhandel und Banken). In den 50er-Jahren wurden 15 Modelle von Phillips’ Maschine gebaut, doch die meisten davon verrosten inzwischen in Abstellräumen oder Empfangshallen von Universitäten wie Cambridge, Harvard oder der Universität Istanbul.
Das Beeindruckendste an der Maschinerie ist jedoch der längst vergangene Optimismus, den sie auszustrahlen scheint. Eine komplette Generation ist inzwischen damit aufgewachsen, beim Einstieg ins Berufsleben von einer immer lauteren, röchelnden Wirtschaftskrise begleitet zu werden: Gesichtslose Investoren sind fortwährend besorgt über ihr Vermögen und erschöpfte Regierungen befürchten die nächste Abstufung durch Rating-Agenturen in anderen Zeitzonen. Investmentbanken rekrutieren die Topstudenten der weltbesten Universitäten, während sich Politiker über gegensätzliche Wirtschaftsvorhersagen streiten. In unserem Alltag war die vielschichtige Welt der Finanzen nie präsenter, und doch entgleitet sie stets unserem Verständnis, unseren Voraussagen und unserer Kontrolle.
Mit einem Zwinkern in den Augen erklärte mir der aus Neuseeland stammende Künstler Michael Stevenson, dass der „Moniac“ diese Omnipräsenz verkörpert – wenn schon nicht in Fleisch und Blut, dann zumindest in Stahl und Wasser. Phillips pflegte sogar das Wasser in der Maschine zum Effekt rot zu färben, womit er ihr gleichzeitig Leben und Tod einhauchte. In Neuseeland, wo Stevenson vor einigen Jahren zum ersten Mal von der Maschine hörte, nannte man das Ungetüm mit seinem langsam in die Zentralbank wegtropfenden Wasser sogar „die nationale Wirtschaft”.
Für den modernen Betrachter ist sie ein echter Steampunk-Anachronismus: So einfach die Wirtschaft auch gewesen sein mag, so komplex ist sie heute. In Europa wurden im Angesicht der neuen Haushaltsregeln zwar Volksbefragungen gefordert, um den Zweifel zur Legitimität dieser Maßnahmen zu zerstreuen. Eine Frage scheint dabei jedoch unterzugehen: Wie viel versteht der Durchschnittsbürger von der Wirtschaft? Was ist der Sinn darin, den „Bürgern“ eine Frage zu stellen, wenn ihnen die Fähigkeit, diese zu verstehen bzw. zu beantworten, völlig fehlt? Man muss schon eine große Menge von Zeit und Energie aufwenden, um das Kleingedruckte bei den Entscheidungen auf nationaler und internationaler Ebene zu verstehen: Gründe für die Beschlüsse, ihre kurzfristigen Konsequenzen, mögliche langfristige Konsequenzen und all die Lösungen, die nicht einmal erwägt werden.
Kreatur mit eigenem Willen
Von Stevenson ausgebessert, blubbert Phillips’ Maschine leise auf der Ausstellung zeitgenössischer Kunst im Karlsruher Museum für neue Künste. Sie erscheint heute, als wäre sie komplett aus mittlerweile fadem, keynesianischem Optimismus gebaut. Doch für einen Außenstehenden symbolisiert sie damit auch die Komplexität und Unverständlichkeit des Wirtschaftssystems: Ein System, das in der Welt diskutiert und betrachtet wird, als sei es eine feste Größe, eine Kreatur mit eigenem Willen, gierigen Wünschen und zerstörerischem Unterbewusstsein – obwohl es ebenso vom Menschen geschaffen ist, wie der „Moniac“ mit seinen vergilbten Schläuchen und verrosteten, tropfenden Rohren.























Zu Dr. Phillips Zeiten gab es sie noch nicht, die wirtschaftsfressenden Spekulanten für Rohstoffe, Nahrungsmittel und vor allen Dingen Finanzblasen. Wenn die Autorin denkt, Otto Normalo blickt hier nicht mehr durch, so ist sie im falschen Film.Die industrielle Wirtschaft funktionierte ganz gut bis die Finanzjoungleure damit anfingen sich daran zu überfressen.Schritt für Schritt wurde dem Finanzmarkt seit den 80ern per Gesetze dafür der rote Teppisch gestrickt.Man muss kein mathematisches Genie sein um zu sehen wo und wie wir vom Finanzmarkt zur Ader gelassen werden. Wenn ich in der Wirtschaft mit etwas handle das ich nicht habe, bin ich ein Betrüger und verstosse gegen das Gesetz. Im Finanzmarkt dagegen bin ich ein erfolgreicher Anlageberater der Anleger betrügt, aber mit gesetzlicher Zulassung. Die von der Autorin aufgestellte These dieser Markt sei zu komplex um ihn zu verstehen muss ich wiedersprechen. Man stellt nur die Frage ,, Wem bringt es Geld "? und schon hat man die Antwort. Politik und Wissenschaft, die den ausufernden Finanzmarkt noch verteidigen spielen der Rechten und Linken in die Hände, also das was sie eigentlich verhindern wollen.
Sehr geehrter Herr/Sehr geehrte Frau Saarfregatt,
sie haben mit Ihrem Beitrag ganz sicherlich recht, aber Sie dürfen das ganze nicht zu kleinkariert sehen. Damit meine ich, die Wirtschaftswelt hängt mit der Finanzwelt zusammen und umgekehrt und spätestens seit Weltwirtschaft und Globalisierung werden immer mehr Vorgänge undurchsichtiger. Das fängt ja schon bei der Buchhaltung in den meisten Unternehmen an sobald sie International aggieren. Das ganze geht bei den Steuern weiter, ich studiere Steuerrecht also weiß ich wovon ich spreche. Zudem dürfen Sie nicht vergessen das wohl Sie und vielleicht auch ich damit gesegnet sind die Vorgänge ein wenig tiefer zu verstehen, aber viele können dies nicht. Das sieht man schon bei der abstrusen Diskussion um die Milliardenkredite für andere Staaten. Das diese das Geld brauchen um nicht weiter zu verschulden und irgendwann wenn sie und wir Glück haben ihre Schulden zu begleichen, das auch uns zugute kommt.
Ich verbleibe mit freundlichem Gruß
Sehr geehrte/r RIPshirt.
Sie gehen doch sicher nicht davon aus das durch Wachstum diese Staaten aus ihrer Schuldenkrise kommen.
Die internationale Finanzwelt hat gesehen das wir Banken retten, also retten wir auch Eurostaaten. Das sie Recht haben erleben wir gerade.Und darauf wird zur Zeit gewettet.Es werden immer mehr Staaten die Schulden haben in das Aus gedrückt, in dem Vertrauen das der Euroverbund ihnen unter die Arme greift. Wenn sie ehrlich sind, ist ihre Aussage, das uns das irgendwann zugute kommt eine Farce.Die Anleger sind nicht nervös, sondern ganz einfach kriminell.Mit allen Tricks wird der Zinssatz in die Höhe getrieben. Es ist nur paradox das sich keine Regierung dagegen stellt. Aus rein ökonomischer sicht schon, weil dieses Schneeballsystem irgendwann kollabieren muss.Das hat auch nichts mit Globalisierung zu tun. Die Wirtschaft wird auch nicht durch gestärkt, sondern durch Subventionen geschwächt. In dem Sinn das nichtüberlebensfähiges Wirtschaften, so am Leben gehalten wird, auf kosten der Allgemeinheit.