Die deutsche Ablehnung gegenüber Euro-Bonds wird oft mit der Hyperinflation der frühen Weimarer Republik begründet. Männer mit Hüten umschwärmen die Banken mit Koffern statt Geldbörsen, in Schubkarren türmen sich wertlose Banknoten, Geldscheine liegen im Abfluss oder knistern im Feuer: Die gemeinschaftliche Psychose des schlagartigen Verlustes aller Ersparnisse oder der Brotpreise in Höhe von Millionen von Reichsmark hat angeblich ganze Generationen von Deutschen verstört. Fast neunzig Jahre später fürchten sie die Inflation noch immer wie der Teufel das Weihwasser.
Die Rezession war schlimmer als die Inflation
Dabei gibt es genug Gründe, skeptisch gegenüber den von José Manuel Barroso angeregten „Stability-Bonds“ zu sein. Diese kommen undemokratisch und mit fragwürdigem Stellenwert für Investoren daher: So gibt es die vermeintliche Rettung nur gegen drastische Sparmaßnahmen in Ländern wie Griechenland und Spanien, Maßnahmen, die langfristig desaströs sein könnten. Es ist daher vielleicht nicht unangebracht, die auf der ganzen Welt geforderte und von Deutschland abgelehnte Lösung zunächst kritisch zu betrachten.
Mit einem Artikel auf der Titelseite berichtete die „New York Times“ kürzlich, Deutschland sei „verfolgt vom Bild der 20er-Jahre, Deutsche wehren sich gegen Euro-Hilfen“. Das Bild von Merkels und Schäubles „Kurs in Richtung Abgrund und hinein in eine neue Wirtschaftskrise“ mit einer blassen Erinnerung aus der Geschichte zu begründen, ist allerdings völlig fehlgeleitet.
So war die Hyperinflation von 1923 laut Sebastian Dullien, einem Professor für internationale Wirtschaft, nicht ansatzweise so schlimm für die Mittelklasse wie die spätere Rezession und die Massenarbeitslosigkeit in den 30er-Jahren, die letztlich Hitlers Aufstieg begünstigten. Im gemeinschaftlichen Gedächtnis symbolisiert sie dennoch den Beginn der Abwärtsspirale von Armut, Faschismus und Krieg. So war es auch erst Reichskanzler Gustav Stresemanns Vorgehen gegen den Streik im besetzten Rheinland, welcher den Hitlerputsch zur Folge hatte.
Nun allerdings Länder wie Griechenland, Italien, Spanien, Irland und Portugal von der wirtschaftlichen Landkarte zu tilgen, könnte ebenso Inflation nach sich ziehen wie die Zusammenlegung der Schulden. Ein weiterer Blick in die Geschichte zeigt, was passieren könnte: In einem Artikel in der „Zeit“ weist Fabian Lindner auf die Parallelen zwischen den von Merkel verordneten Sparmaßnahmen in Griechenland und Italien und den von Heinrich Brüning in den frühen 30er-Jahren hin. Diese Maßnahmen erstickten die deutsche Wirtschaft und erleichterten somit den Machtgewinn der Nationalsozialisten. So ängstlich Deutschland auch vor der Aktionskette Inflation-Arbeitslosigkeit-Extremismus im eigenen Land ist, könnte es diese ironischerweise in anderen Ländern hervorrufen – insbesondere in Anbetracht des von Osten über die Donau herbeiwehenden Neo-Faschismus.
Erinnerungen sind nicht rational
Doch Erinnerungen sind alles andere als rational. Beim Gedanken an das Schreckgespenst der Schubkarren vergessen wir leicht die großzügigen Wirtschaftshilfen von Harry Trumans Marshall-Plan. Euro-Bonds mögen nicht die magische, unfehlbare Lösung für die Krise darstellen, aber sie sind die letzte mögliche Option. Statt diese nun aufgrund einer seltsam interpretierten Angst abzulehnen, sollte Deutschland die Konditionen für eine Rettung besonders vorsichtig formulieren – nicht zuletzt aufgrund der eigenen Erfahrung mit den Sparprogrammen der 30er-Jahre.
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