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„Eine lustige Gratwanderung, die wir uns da vorgenommen haben“

Polarkreis 18 aus Dresden sind seit 2008 eine feste Größe in den deutschen Charts. Ihre Debütsingle war ein Nummer-eins-Hit. Anlässlich ihres neuen Albums “Frei” sprachen Sänger Felix Räuber und Pianist Ludwig Bauer mit Daniel Fallenstein über Freiheit, das Gesamtkunstwerk und die Ästhetik marschierender Formationen.

ddr kultur musik dresden freiheit

The European: Es wird wieder kalt. Gehört es dazu, dass Polarkreis 18 dann ausgerechnet zu Beginn des Winters das Album veröffentlicht?
Felix Räuber: Ich glaube schon, dass unsere Musik besser in den Winter passt als in den Sommer. Auf jeden Fall. Weil sie immer eine gewisse Melancholie in sich trägt, aber trotzdem ist es ja so, dass unser neues Album “Frei” heißt und nicht “Winter”. Und da trotzdem ganz verschiedene Jahreszeiten drauf zu hören sind. Dass das erst jetzt im Winter herauskommt, hängt damit zusammen, dass wir erst jetzt damit fertig geworden sind, mit der Platte.

The European: Zum Albumtitel “Frei”. Wovon haben Sie sich befreit?
Felix Räuber: Prinzipiell ging es beim Titel “Frei” nicht um die Frage, wovon wir uns befreit haben, sondern um so eine Art generelle Definition von Freiheit für uns, die wir auch in dem Lied “Frei” beantworten, wo es darum geht, dass man die eigentliche Freiheit nur wirklich im Inneren erreichen kann. Das ist so der erste Punkt. Und des Weiteren ist der Titel “Frei” ein Wort, was sehr, sehr gut in unsere Sprache reinpasst, weil es sehr groß ist; sehr groß klingt, stark und kraftvoll ist.

The European: Welches Verständnis von Freiheit im Allgemeinen haben Sie, dass es so wichtig ist, darüber ein ganzes Album zu machen?
Felix Räuber: Prinzipiell würde ich sagen, dass wir eher unfreie Typen sind, wie, ich glaube, viele Menschen in dieser Gesellschaft eher unfrei sind. Als es losging und uns das erste Mal der Titel “Frei” in den Kopf kam und wir unterwegs waren, haben wir teilweise Leute einfach im Alltag gefragt, ob die sich frei fühlen – Kellner, irgendwelche Leute auf Partys. Die überwiegende Antwort war eigentlich in den seltensten Fällen “Ja”, sondern in den meisten Fällen: “Eher nicht, nein.” Und das fanden wir interessant, weil unsere Gesellschaft ja eigentlich eine freie ist – ein freiheitliches System mit einer freien Wirtschaft. Aber dass die wenigsten Leute sich hier wirklich frei fühlen – das fanden wir spannend. Unsere persönliche Definition und Antwort darauf war, dass man das eigentlich nur in sich selbst klären kann und dass man das nicht von äußeren Umständen abhängig machen sollte bzw. darf, weil das wahrscheinlich nur in den seltensten Fällen zur Freiheit führt.

“Auf der zwanghaften Suche nach der bestmöglichen Idee”

The European: Drückt sich dann diese Freiheit in diesem extrem durchgestylten bombastischen Auftreten aus?
Felix Räuber: Eigentlich überhaupt nicht. Das ist ja eigentlich alles andere als frei, also sehr durchdacht und sehr strategisch. Und mit einem Kostüm dazusitzen ist jetzt nicht so frei, wie man immer denkt. Also, das hat mit Freiheit in dem Sinne nichts zu tun. Das pedantische Arbeiten ist eher unser Perfektionsdrang, worin sich ja aber auch wiederfindet, dass wir ja eigentlich gar nicht frei sind, weil wir eigentlich die ganze Zeit auf der zwanghaften Suche nach der bestmöglichen Idee sind.

The European: Haben Sie bei diesem Durchplanen, dass Sie auch mal mit dem Arbeiten in einem Architekturbüro verglichen haben, ein wenig Richard Wagner und seine Idee vom Gesamtkunstwerk im Hinterkopf?
Felix Räuber: Wir haben auf jeden Fall die Idee des Gesamtkunstwerkes im Hinterkopf. Ganz klar. Wir versuchen, über die Musik hinweg das Layout, die Grafik selber zu gestalten. Wir versuchen, die Anweisungen für die Kostüme so gut wie es geht zu machen, und suchen uns dann eben für Bereiche Leute, wo uns dann einfach Know-how, unser handwerkliches Können fehlt. Aber ein Kunstwerk, was sich über möglichst viele Reize definiert, ist auf jeden Fall unser Anspruch.

The European: Wofür steht die Maske auf dem Cover?
Felix Räuber: Auf dem Cover steht sie wirklich für Unfreiheit. Ein Mensch, der eine Maske trägt und wo auf der Stirn der Maske das Wort “Frei” eingraviert ist, ist auf jeden Fall ein Symbol für Gezwungenheit, Unfreiheit.

The European: Sie spielen stark mit diesen Spannungsverhältnissen und lassen dann als deutsche Popband in Ihrem Video Formationen marschieren. Ist das Spielerei oder ein richtiger Tabubruch?
Felix Räuber: Es ist kein zwingender Tabubruch in dem Sinne, dass wir irgendwie provozieren wollen oder da jetzt versuchen wollen, politisch Diskurse einzuläuten, sondern es ist eher eine ästhetische Frage. Das ist eine ästhetische Spannung. Eine Größe wird eben nur dann groß, wenn du ihr etwas Kleines gegenübersetzt; damit man von der kleinen Position aus sehen kann, wie groß das andere Etwas ist. Und genauso ist es auch mit diesen ganzen anderen ästhetischen Ansprüchen. Es ist echt einfach wirklich so ein ästhetisches Ding bei uns als ein politisches.
Ludwig Bauer: Wir haben immer mehr gemerkt, dass dieses Projekt Polarkreis 18 eben nicht uns als Personen transportieren soll. Es gibt genug Künstler, die ihre Persönlichkeit darstellen nach außen und auf der Bühne wirklich sie selbst sind. Unsere Band ist so angelegt, dass wir schon alle uns dort einbringen, aber immer nur ein Teil von uns umgesetzt wird. Wir haben gemerkt, dass es nicht zwingend Sinn macht, uns dann dort komplett als Personen darzustellen, sondern eben genau dieses Polarkreis 18 wirklich so auf die Fahne zu schreiben und das als Projekt zu sehen und uns als Teile dessen, die dann etwas umsetzen. Deswegen fanden wir die Idee gut, uns mit der Uniformierung und dem Maschinenartigen so ein bisschen als Person zurückzunehmen und uns eher als diese Maschinerie Polarkreis 18, die dies erzeugt, darzustellen?

The European: Das erinnert an Kraftwerk, die fehlende Bandmitglieder durch Puppen ersetzt haben.
Ludwig Bauer: Da gibt es auf jeden Fall einen Zusammenhang, vor allem halt daher … Es liegt ja daran, dass Kraftwerk ihre Musik auch so gesamtkonzeptuell betrachten. Genauso wie bei Rammstein und bei Kraftwerk ja eine gewisse Ähnlichkeit existiert. Musikalisch gibt es da natürlich auf jeden Fall durch die elektronische Musikkomponente bei uns gewisse Zusammenhänge, aber jetzt von der reinen Ästhetik her ist es jetzt nicht so nah beieinander. Zumal Kraftwerk ja wirklich komplett auf das “Entmenschte” gesetzt haben. Ich glaube, bei denen war die Idee schon, das einfach komplett maschinell zu machen. Da wurde keine Emotion erzeugt mit der Musik. Es ging ja wirklich nur darum, das wirklich ganz bewusst “unmenschlich” werden zu lassen, während wir auf der einen Seite als Personen nicht so vordergründig stattfinden wollen, auf der anderen Seite natürlich aber ganz klar Emotionen vermitteln wollen mit dem, was wir machen. Also die Grundidee in den Liedern ist immer ein Gefühl. Insofern ist das schon eine lustige Gratwanderung, die wir uns da vorgenommen haben.

The European: Haben Sie jemals Probleme erfahren wegen solcher ästhetischer Bilder, die dann missverstanden wurden?
Felix Räuber: Mit Rechtsradikalismus und so weiter verbunden werden?

The European: Genau.
Felix Räuber: Damit wurden wir auf jeden Fall schon hin und wieder konfrontiert, wozu man aber natürlich sagen muss, dass, wenn man sich zum Beispiel heutzutage das Olympiastadion in Berlin anschaut, das ja ein faschistoides Gebäude ist … wenn man das aus der Zeit herausgelöst betrachtet, ist das ein wunderschönes, beeindruckendes, monumentales Gebäude. Dass die politische Zeit des Faschismus natürlich extrem schlecht war und absolut nicht für uns zur Identifikation dient, ist ganz klar. Aber ich denke, es sind wahrscheinlich gewisse ästhetische Ansätze von Klarheit und Geradlinigkeit, die wir da teilen. Wobei, da würde ich jetzt gar nicht sagen, dass das jetzt was mit faschistischer Ästhetik zu tun hat. Weil ich glaube, das ist generell eine totalitäre Ästhetik, die die Chinesen so wie die DDR eingesetzt haben. In einer ähnlichen Art und Weise wie eben die Faschisten. Aber ich glaube, das hat mit uns jetzt politisch überhaupt nichts zu tun. Wir haben uns noch nie als politische Band verstanden.

“Wir haben uns noch nie als politische Band verstanden”

The European: In der DDR waren militärische und paramilitärische Muster in der Gesellschaft viel präsenter als im Westen. Haben Sie es denn da als Ostdeutsche womöglich leichter, mit solchen Dingen umzugehen?
Ludwig Bauer: Zur Wendezeit waren wir sechs Jahre alt. Die Erinnerungen, die wir mit der DDR verbinden, sind völlig naiv und kindlich. Da geht es dann mehr um die unfreundliche Frau im Milchladen oder den Nachbarn, der Kohlen geklaut hat. Die ganze politische Ebene ist eher schwierig. Dieses Militärische mit dem Marschieren: Da geht es eher um dieses Zurückstellen der Person.

The European: Man wird Sie nicht bei Veranstaltungen mit politischem Anspruch auftreten sehen?
Felix Räuber: Darüber müssten wir auf jeden Fall lange diskutieren … im Probenraum.

The European: Also fühlen Sie sich weniger berufen, den Menschen die Welt politisch zu erklären, sondern eher künstlerisch zu interpretieren?
Felix Räuber: Genau. Genau. Also wir versuchen eigentlich immer, eher so eine Art Parallelwelt aufzubauen, die sich zwar aus der realen Welt speist aber eigentlich ein eigener Kosmos, ein eigenes Universum ist.

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