Bisher nährte sich der Facebook-Mythos noch vom Ursprungsleichtsinn einer Cocktailparty. Matthias Matussek

Es geht um Gut und Böse

Alle reden über Innovation. Dabei geht häufig verloren, dass Innovation niemals Selbstzweck ist. Die Debatte braucht eine Meta-Ebene. Dort muss diskutiert werden, welche Innovationen gut und welche böse sind.

Am Horizont flackern unlängst Feuer. Sie entweichen Unternehmungen, dem Handelsregister, Wohnzimmern und anarchistischen Nebeln – und alle proklamieren: “Ein Wandel steht bevor. Jetzt muss alles anders werden!” Was die revolutionären Massen meinen, ist kaum zu verstehen. Über ihnen schwebt zum Glück das Marketing, der Journalismus, das fundierte Halbwissen, der Geld-Dämon, und findet einen altbekannten Begriff für die schwer formulierbaren Gedanken dieser neuen Generation von Umdenkern: Innovation. Dies ist das prominenteste einer ganzen Gruppe von Schlagwörtern, mit denen man in diesen Kreisen Nägel auf ihre vermeintlichen Köpfe treffen will.

Warum Innovation? Das ist eine Frage der holistischen Semantik – Innovation heißt heute mehr als “Diffusion von Invention”. Nicht nur der vorliegende Diskurs, sondern das gesamte Vokabular der Neuzeit leidet an der hohen Latenzzeit von Begriffen. Traditionelle Medien helfen uns herzlich wenig. Journalisten wirken hier eher wie Lumpen, die lästige Flecken tiefer in den Stoff einreiben. Viele, die sich mit “Innovation” befassen, wissen nicht, wovon sie sprechen. Sprachliche Sorgfalt würde der Debatte guttun.

Innovation muss sittlich sein

Warum also Innovation? Neben der Semantik geht es auch um normative Ethik. Natürlich kann die Dorfbäckerei so bleiben, wie sie ist, und tausend andere Organisationen können das auch – aber nicht alle. Sonst müssten wir uns Tatenlosigkeit vorwerfen, während die Zeit verstreicht und die Welt zugrunde geht. Entweder man wartet auf einen glücklichen Zufall oder man arbeitet gemeinsam am erklärten Ziel. Wir sind uns einig: Wenn nicht mehr Gutes passiert, wird es schlechter. Ein Blick auf die Innovationsbranche zeigt: Es stinkt nach Fruchtbarkeit, nach blühender Verwesung, Erfindungen und Vernetzungen fallen von den Bäumen.

Aber was ist ihr Sinn? Wollen wir es wirklich Innovation nennen, wenn es das Leben von Waffenproduzenten angenehmer macht? Wollen wir es Innovation nennen, wenn es nicht zur “Rettung der Welt” beiträgt? Ich möchte eine besondere Sittlichkeit mit dem Innovationsbegriff verknüpfen: Innovation muss die Welt verbessern wollen. Alles andere ist individuelle Lebenserhaltung und Geschäftemacherei.

Das Winkelspiel zwischen der Menschheit und ihrem Glück

Dummerweise verdreht jeder seine Augen, wenn ein weiterer Weltretter vor ihm steht. Manche fragen: Was wird die Welt denn retten? Ich sage: Wir haben Instinkte, die mit jenen universellen Konzepten kommunizieren, die im Dauerregen des kulturellen Verstandes als unbeschreibbare Sedimente am Boden liegen bleiben: Gut und Böse, Richtig und Falsch! Darüber gibt es wenig zu diskutieren. Jene mit dem Willen zur Macht bestimmen die aktuelle Geschmacksrichtung dieser Begriffe. Wer einen besseren Einkaufswagen baut, hat noch lange nichts Gutes getan. Und wer etwas Gutes tut, wird nicht gleich erfolgreich damit sein. Beide arbeiten aber mit ihren unverdorbenen Instinkten an Inventionen, die eine Besserung von Gegenwart und Zukunft zum Ziel haben.

Um diese Blickweise auf Innovation von anderen abzugrenzen, haben wir bei der Organisation Palomar5 den Begriff “Positive Innovation” etabliert. Damit meinen wir die verkleinernde Kraft im Winkelspiel zwischen der Menschheit und ihrem Glück. Deshalb brauchen wir sie. Wir sind auf einem guten Weg. Die besagten Feuer brennen bereits, wenn auch ziemlich einzeln und ziemlich – für heutiges Potenzial – unkoordiniert.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Dominique Guinard, Robert Tolksdorf, Klas Roggenkamp.

Leserbriefe

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