Wir müssen in Afghanistan viele gemeinsame Tassen Tee trinken. Rajendra Pachauri

Ein Kontinent zum Anfassen

Eine Umfrage unter Jugendlichen in 43 Ländern zeigt: Europa braucht inhaltliche Arbeit, statt dauernde Grundsatzdiskussionen. Die Lehre aus der Krise: Helm aufsetzen und loslegen!

„Brauchen wir Europa überhaupt noch?“ Die Europadebatte tendiert auch in der Schuldenkrise dazu, Europa grundsätzlich infrage zu stellen. Reflexhaft kommt gerade in Deutschland angesichts von Schwierigkeiten eine Diskussion darüber auf, was uns dieses Europa überhaupt bringt – und ob wir nicht besser ohne es dastünden. Dabei sind wir längst weiter: In vielen Fragen ist es völlig klar, dass es eine europäische Lösung geben muss. Die Frage ist nur welche.

Jugendliche Problemlöser

Ein solches Politikfeld ist die Migrations- und Asylpolitik. Wir haben 2.352 Jugendliche in ganz Europa dazu befragt. Ergebnis: Während sich die Teilnehmer mehrheitlich für eine weitere europäische Integration (66 Prozent) aussprechen, wurden die Jugendlichen noch deutlicher, je spezifischer wir nach konkreter europäischer Politik gefragt haben. 78 Prozent sind für echte Lastenteilung in der Asylpolitik, 71 Prozent für eine gemeinsame Zuwanderungspolitik und 89 Prozent für weiterhin offene Grenzen innerhalb der EU. Was die Umfrage auch zeigt: Die Meinung zu diesen Punkten unterscheidet sich von Land zu Land kaum.

All diese Zahlen zeigen: Es bleibt für junge Menschen wichtig und unterstützenswert, gemeinsam Probleme zu lösen. Die Flüchtlinge auf Lampedusa sind nicht weniger geworden, nur weil wir sie nicht mehr so sehr beachten und uns stattdessen abstrakt über „mehr“ oder „weniger“ Europa streiten.

Es ist in Zeiten von Klimawandel, unsicherer Energieversorgung, Migrationsströmen und internationalen Finanzkrisen fast schon eine banale Einsicht: Politische Zusammenarbeit über nationale Grenzen hinweg ist in diesen Zeiten nicht nur sinnvoll, sondern absolut notwendig. In der Europa-Grundsatzdebatte der letzten Monate scheint sie in Vergessenheit zu geraten. „Zurück zum Nationalstaat“ erscheint als Wunderpille.

In der Realität ist die Grundsatzfrage Europa längst entschieden, denn die weltweite Entwicklung von Wirtschaft und Umwelt lässt nationalstaatliche Lösungen in vielen Politikbereichen ständig wie den Versuch erscheinen, mit einem Sieb Wasser zu schöpfen. Statt aufreibender Grundsatzdebatten müssen wir uns darüber streiten, wie Politik in Europa aussehen sollte. Welche Probleme packen wir gemeinsam an? Wo wollen wir nationale Unterschiede beibehalten? Am wichtigsten aber: Wie lösen wir denn die Probleme, die uns alle betreffen?

Beitritt oder Grenzkontrolle

Ein politisches Gemeinwesen entsteht weder durch europäische Beschwörungsformeln und erst recht nicht durch nationale (Größen-)Fantasien. Es entsteht durch die gemeinsame Auseinandersetzung mit Problemen, die alle betreffen. Die Politik gegenüber Menschen, die – ob als Asyl- oder Arbeitssuchende – nach Europa kommen, wäre ein idealer Anfangspunkt dafür. Wenn wir nicht wieder scharf kontrollierte Grenzen nach Frankreich errichten und jedem Belgier oder Österreicher einen bürokratischen Zirkus für eine Arbeitserlaubnis in Deutschland zumuten wollen, müssen wir auch gemeinsame Antworten darauf finden, wer zu uns kommen kann und warum. Und dazu gibt es verschiedene Ansichten, das zeigt auch unser Poll: Auf die Frage, ob Europas wirtschaftliche Eigeninteressen als Kriterium für Zuwanderung maßgeblich sein sollten, war die Meinung unter den Jugendlichen absolut geteilt. Genauso wie über die Frage, ob mehr Länder der EU beitreten und weitere Schlagbäume – vor allem in Osteuropa – fallen sollten.

Dass wir eine gemeinsame Politik brauchen, ist klar. Wie wir es angehen, darüber müssen wir uns streiten. Wir sollten endlich wieder damit anfangen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Moritz Matakas , Leopold Traugott, Eva-Maria Dempf.

Leserbriefe

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