Die Macht der Menge muss auch in einem mächtigen Programm umgesetzt werden. Alison Smale

Dummdreistes theologisches Drohszenario

Von wegen, ohne Gott gäbe es keine Moral! In vielen Fällen ist es doch erst die Religion, die zu Unterdrückung, Vertreibung, Ächtung oder Mord anstiftet. Der überholte moralische Kompass, der nur zwischen dem guten Gott und dem bösen Teufel unterscheidet, gehört auf den Scheiterhaufen der Geschichte.

Religion hat viele Gesichter und eines ihrer hässlichsten ist die Arroganz. Unter dem Motto „Werte brauchen Gott“ erwecken Politiker und Berufsreligiöse regelmäßig den Eindruck, die Basiswerte unserer Gesellschaft wie Demokratie und Menschenrechte seien aus der Religion hervorgegangen. Um aber der Realität näher zu kommen, muss gefragt werden: Was war und ist „mit Gott“ erlaubt? Nur einige Beispiele: Im Laufe der Geschichte hat die biblische Logik „Wer nicht dran glaubt, wird dran glauben müssen!“ ganze Völkermorde religiös legitimiert.

Noch heute fordert Religion zahlreiche Opfer

Die „Kriminalgeschichte des Christentums“ ist aber noch nicht zu Ende geschrieben: der demokratiefeindliche Vatikan ist nachweislich in zahlreiche Verbrechen verwickelt. Noch heute fallen unzählige Menschenleben dem Religionswahn zum Opfer: Ungläubige dem Islam, als Hexen diffamierte Kinder dem afrikanischen Christentum und Gynäkologen der evangelikalen Bewegung. In Deutschland sind mehr als eine Million Arbeitnehmer christlicher Tendenzbetriebe nicht durch das allgemeine Gleichstellungsgesetz geschützt – obwohl diese Betriebe nicht durch die Kirchen, sondern zu rund 98 Prozent aus öffentlichen Geldern finanziert werden. Und schließlich ist die religiös motivierte Unterdrückung von Frauen ein massives Problem, das nicht nur den Islam betrifft. Dieser kurze Blick in Geschichte und Gegenwart zeigt: Mit „Gott“ waren und sind massive Menschenrechtsverletzungen erlaubt und teilweise sogar explizit gefordert.

„Ohne Gott ist alles erlaubt“ ist ein dummdreistes theologisches Drohszenario, das die Privilegien der Religionslobby sichern soll. Es unterstellt denen, die ungefragt zum Glauben erzogen wurden, ihre einzige Motivation zu einem fairen Verhalten wären die Hoffnung auf das Paradies und die Angst vor der Hölle. Vor allem aber unterstellt es denen, die religionsfrei aufgewachsen oder vom Glauben zum Denken konvertiert sind, sie würden moralisch entsichert durchs Leben preschen. Nein – wer frei von Religion ist, muss sich der Grenzen menschlicher Erkenntnisfähigkeit bewusst sein und keine Angst vor strafenden Autoritäten haben. Er achtet die Selbstbestimmungsrechte seiner Mitmenschen und erkennt den Sinn des Lebens in dem einzigen Leben, das er hat. Er hinterfragt seine Urteile und lässt sich von keiner religiösen oder politischen Ideologie zum blutigen Kampf für „das Gute“ gegen „das Böse“ verleiten. Aus der evolutionären Soziobiologie wissen wir: Mitgefühl, Rücksichtnahme und soziale Gerechtigkeit sind deshalb erstrebenswert, weil sie unser aller Leben lebenswerter machen. Denn unter den richtigen Umständen ist der Mensch ein friedliches, kluges und fürsorgliches Wesen.

Eine Firewall gegen Demagogen

Der moralische Kompass der Religion, der nur zwischen dem „lieben Gott“ und dem „bösen Teufel“ unterscheiden kann, gehört ins Museum. Nicht in Kitas, Schulen, Universitäten oder Gerichtsgebäude – und schon gar nicht in den Bundestag. Für eine zuverlässige Orientierung im 21. Jahrhundert benötigen wir ein modernes Navigationssystem mit der Zieleingabe „ein friedliches Miteinander aller Lebewesen und ein intelligenter Umgang mit Ressourcen“; eine lernfähige Software mit einer Firewall gegen Dogmen, Doppelmoral und Diktaturen; ein Betriebssystem, in dem demokratisch gewählte Volksvertreter im Sinne des Volkes entscheiden – nicht im Sinne ihrer Religion. Die persönliche Glaubensfreiheit ist „Mensch sei Dank“ durch das Grundgesetz gesichert. Wer sich aber mehr „Gott“ in der Regierung wünscht, dem sei ein Umzug empfohlen – zum Beispiel in den Iran.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Peter Sloterdijk, Steve Kennedy Henkel, Patrick Spät.

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