Die globale Informationsgesellschaft ist eben auch die Basis des Verbrechens. Wolfgang Schäuble

Ein Wendepunkt der Weltgeschichte?

Die gemeine Deutung des 11. September als singuläres, neuartiges Ereignis steht in paradoxem Gegensatz zu seiner historischen Einordnung als Ausdruck der faschistischen Ideologie des 21. Jahrhunderts. Erst diese historischen Deutungsmuster und willentliche politischen Entscheidungen geben dem 11.9.2001 seine Bedeutung.

Dass der 11. September die „Welt verändert hat“, ist längst ein abgegriffenes Stereotyp. Die Behauptung des Gegenteils auch. Angesichts der katastrophalen Bilder aus New York und Washington wurde von der kollektiven Erfahrung, dass das Leben für wenige Stunden still gestanden hatte, rasch auf eine Veränderung des Lebens an sich geschlossen.

Wir stehen im Bann der endlos wiederholten Bilder, in denen sich 9/11 zum persönlich erlebten Wendepunkt kristallisiert. Doch die Distanz flacht die Bedeutung des Einschnitts ab. Lechzen die Medien nach ereignisgeschichtlicher Dramatik, so neigen Historiker zu Relativierung.

Geschichte blickt hinter die Kulisse des bloß Ereignishaften. Ereignisse unterbrechen Routinen, sie zwingen die Politik zur Stellungnahme, sie rufen Handlungen hervor. Wo aber ein Ereignis eine Problemlage zu repräsentieren beginnt, entsteht in den Köpfen die Vorstellung eines Wendepunkts. Nun kann das Ereignis Strukturen sichtbar machen.

„Pearl Harbor unserer Generation“

Als Präsident Bush am 20. September 2001 vor beiden Häusern des Kongresses zur Lage der amerikanischen Nation sprach, begründete er einen Paradigmenwechsel mit historischen Erfahrungswerten. Er zeichnete das Bild einer veränderten Welt. Und doch stand für ihn 9/11 in der Tradition der mörderischen Ideologien des 20. Jahrhunderts. Er zog den Vergleich mit Faschismus und Kommunismus, sprach vom „Pearl Harbor unserer Generation“.

Das war paradox: Galten die Ereignisse des 11. September auch als neuartig, so erfolgte Bushs Deutung im Rahmen überkommener Vorstellungen zwischenstaatlicher Kriege. Pearl Harbor war Teil eines Großmachtkonflikts, kein asymmetrischer terroristischer Akt. 9/11 wurde als singulär gedeutet, aber hat bestehende Weltbilder doch nicht über Nacht verdrängt. Die USA erklärten einer Bande terroristischer Desperados, die zivile Transportmittel zu Waffen umfunktioniert hatten, einen Krieg, der schließlich auf militärischen Abwegen im Irak enden sollte.

Das war in den Ereignissen des 11. September nicht angelegt. Es war die Folge politischer Entscheidungen auf der Basis historischer Deutungsmuster. Der als game changer gedachte Präventivkrieg im Irak, die Verschärfung des nationalen Sicherheitsstaates, die Beschädigung „westlicher Werte“ im „Krieg gegen den Terror“, die galoppierende Staatsverschuldung sind zu Folgen bzw. Erfolgen des Terrorakts geworden. Was Bush hatten verhindern wollen, trat nun scheinbar ein: der Verfall der amerikanischen Macht.

Das Ende des „amerikanischen Jahrhunderts“?

Neigt sich das „amerikanische Jahrhundert“ mit 9/11 seinem Ende zu? Man darf jetzt nicht in neuerliche ereignisgeschichtliche Trugschlüsse verfallen, nicht wie nach dem 11. September von kurzfristigen Trends auf langfristige Tendenzen schließen: Der Anteil der USA an der Weltwirtschaft bleibt seit den 1970er-Jahren relativ stabil. Ihr kultureller Einfluss hat in den vergangenen Jahrzehnten noch einmal zugenommen, auch dank des Internets. Die US-Bevölkerung wächst. Sie wird auch in 100 Jahren ein Viertel der Weltwirtschaft auf die Waage bringen – mehr als das schrumpfende Europa, und in der gleichen Größenordnung wie China und Indien.

Auch ist der amerikanische Traum nicht ausgeträumt. Dank der arabischen Revolutionen dehnt sich der demokratische Gedanke aus, für den die Präsidenten Woodrow Wilson und Franklin D. Roosevelt standen. Die auf dem Höhepunkt des Kampfes mit Nazi-Deutschland 1941 verkündete stolze Vision einer von amerikanischen Idealen geprägten Welt dürfte auch dann noch verfangen, wenn niemand mehr von einem „amerikanischen Jahrhundert“ spricht.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Joachim Nikolaus Steinhöfel, Gregor Gysi, Florian Josef Hoffmann.

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