Wir müssen so etwas wie eine Fehlerkultur entwickeln. Thomas de Maizière

„Den perfekten Mord gibt es nicht“

Axel Petermann ist mit einer von Deutschlands bekanntesten Kriminologen. Im Interview spricht er über die Arbeit eines Profilers, die Realitätstreue der Fernsehsendung Tatort und den perfekten Mord.

The European: Was ist die Arbeit eines Profilers und wie hat sich diese in Deutschland entwickelt?
Petermann: Die Aufgabe eines Fallanalytikers oder Profilers besteht darin, bei der Aufklärung von ungeklärten Delikten Ideen zu entwickeln. Früher waren das ausschließlich Tötungsdelikte, aber heute können wir auch zu anderen Verbrechen Hinweise geben und helfen.

The European: Profiling ist noch eine relativ junge Wissenschaft in Deutschland. Wie war denn der traditionelle Ansatz?
Petermann: Der traditionelle Ansatz ist die reine Kommissionsarbeit. Beim Tötungsdelikt hat man die Mordkommission, die versucht, den Spuren der Tat zu folgen und sich zu überlegen, wer als Täter infrage kommt. Dann ist man gezielt zu potenziell Verdächtigen gegangen, weil man wusste, dass viele Taten in der Nähe zum Opfer geschehen. Die Analyse dessen, was der Täter an Bedürfnissen oder Fantasien umgesetzt hat, fand vorher eher selten statt.

„Der ,Tatort‘ ist kein Kriminalistikfilm“

The European: Wenn man sich Serien wie „CSI“ oder selbst den „Tatort“ anschaut: Inwiefern wird dort tatsächlich Polizeiarbeit dargestellt?
Petermann: Nur selten kommen diese Serien der Wirklichkeit schon sehr nahe. Häufig ist es so, dass dort zwar „Polizei“ oder „Tatort“ draufsteht, aber für mich die Informationsquelle, der Tatort nämlich, zu selten richtig bewertet wird. Aber der „Tatort“ ist ja auch kein Kriminalistikfilm, der für Hochschüler gedreht wurde, sondern er soll unterhalten und hohe Einschaltquoten garantieren. Manche Redaktionen finden den gesellschaftspolitischen Anspruch wichtig. Mir persönlich ist das manchmal zu weit weg von meiner Arbeit als Ermittler oder Analytiker.

The European: Was macht für Sie persönlich die Faszination an der Arbeit aus?
Petermann: Die Faszination ist vielschichtig: Das Lösen von Rätseln, der Umgang mit dem Bösen. Auch bekomme ich Einblicke in Bereiche, die mir sonst verschlossen blieben. Ich erlebe viele Dinge außerhalb meines Kosmos. Ich lerne viel.

The European: Vermutlich auch viel über die Untiefen des menschlichen Charakters.
Petermann: Natürlich sind die dabei, aber es sind nicht nur Untiefen. Ich brauchte z.B. einmal Hintergrundinformationen über den südostasiatischen Raum und habe dann mit einem Ethnologen gesprochen. Mein Horizont erweitert sich. Alles zusammen macht das Spannende an dieser Aufgabe aus.

The European: Für Sie stellt sich im Prinzip der Tatort wie ein Puzzle dar, das sie versuchen zusammenzusetzen. Inwiefern gibt es die Möglichkeit, dieses Puzzle gezielt zu manipulieren? Inwiefern kann ein Täter Fallstricke setzen, damit dieses Puzzle dann falsch zusammengesetzt wird?
Petermann: Inszenierungen an Tatorten geschehen immer wieder; häufig bei Taten zu beobachten, bei denen es zu einer Spontantötung kommt. Es hat z.B. einen häuslichen Streit gegeben und vom Täter wird ein Einbruch vorgetäuscht, eine Vergewaltigung, ein Unfall oder ein Suizid. Ich denke aber, dass wir gute Chancen haben, bei einer Analyse die Täuschung zu erkennen. Der Täter versucht nämlich, das Geschehen so darzustellen, wie es sich in seiner Fantasie hätte ereignen müssen. Natürlich ist es schwieriger, einer Inszenierung auf die Spur zu kommen, wenn sie lange geplant war und stringent durchgeführt wurde.

„Den perfekten Mord werden wir nie sehen“

The European: Lässt sich denn schon ein verändertes Täterverhalten feststellen? Inwiefern werden Profilingmethoden von Tätern bereits antizipiert und inwiefern verändern sich klassische Tatmuster?
Petermann: Wir haben zum Glück viele Taten, die aus einer Situation heraus entstehen und bei denen zwischen Täter und Opfer eine Beziehung besteht. Das macht den Großteil aus. Probleme haben wir bei der Bearbeitung von Verbrechen, wenn wir den Sinn des Verhaltens nicht erkennen können oder es keine Täter-Opfer-Beziehung gibt. Mir ist bisher noch nicht aufgefallen, dass sich das Täterverhalten wegen des Profilings verändert hat. Sicherlich versucht der eine oder andere Täter, zu inszenieren, aber nicht, weil es uns Profiler gibt. Wenn am Tatort nämlich alles so bleiben würde wie zum Zeitpunkt des Verbrechens, dann würde man ihm recht schnell auf die Spur kommen; und das wissen die Täter.

The European: Wie stehen Sie zu dem klassischen Begriff des perfekten Verbrechens?
Petermann: Diesen Mord werden wir nie sehen.

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