Das System ist kaputt. Kumi Naidoo

Die Kirche bleibt im Dorf

Die christliche Tradition bildet die Grundlage des Grundgesetzes. Sie umschreibt den Wertekanon, auf dem unsere Gesellschaft fußt. Der Versuch der FDP, diese Rückbesinnung durch integrationspolitische Beliebigkeit zu ersetzen, ist zum Scheitern verurteilt.

Spätestens seit den zum Teil obskuren Thesen von Thilo Sarrazin zur Integration von Migranten in Deutschland ist die Debatte über die Integration voll entbrannt. Was wir brauchen, ist eine Diskussion, die den Migranten ermöglicht, Deutschland als ihre neue Heimat anzunehmen und sich zu ihr zu bekennen. Bei dieser Debatte muss man jedoch darauf achten, dass man unsere Nation mitnimmt und nicht ihre Interessen ignoriert, und außerdem einen Grundkonsens entwickeln, welche Werte und Normen in unserer Gesellschaft künftig gelten sollen.

Merkwürdiges Integrationsverständnis

Gegen dieses Prinzip haben der FDP-Generalsekretär Christian Lindner und vier weitere Abgeordnete der Liberalen nun mit aller Gewalt verstoßen. In einem Thesenpapier "für ein republikanisches Integrationsleitbild“ fordern die fünf Volksvertreter eine stärkere Säkularisierung der Gesellschaft. Die "Formel vom christlich-jüdischen Leitbild könne kein integratives Leitbild sein“, meinen die Abgeordneten. Und letztlich behaupten sie: "Die Begrenzung auf die christlich-jüdische Tradition kann als Ausgrenzungsformel verstanden werden.“

Gerade der hier zitierte letzte Satz belegt, dass die Vertreter der FDP in dieser Frage ein recht merkwürdiges Verständnis von Integration haben. Die über Jahrhunderte gewachsene christlich-jüdische Tradition Deutschlands soll alles andere als ausgrenzen. Sie vermittelt vielmehr den Zuwanderern einen klaren Werte- und Pflichtenkanon, der für ein friedliches Miteinander und nicht Nebeneinander Voraussetzung ist. Dabei wird kein Migrant verpflichtet, zur christlichen Religion zu konvertieren. Art. 4 unseres Grundgesetzes gewährt allen Menschen die Freiheit des Glaubens und der Religionsausübung. Aber aus der christlich-jüdischen Tradition folgen dennoch einige Grundgedanken, die unsere Gesellschaft auch außerhalb der Religion als für sie verbindlich angenommen hat und die u. a. auch im Art. 1 des Grundgesetzes Niederschlag finden. Der Gottesbezug in der Präambel des Grundgesetzes gerät dabei nicht in Widerspruch zu Grundrechten, sondern er ist Grundlage für die Grundrechte. Eine Grundlage, die keineswegs auf Christen und Juden als Adressaten abzielt, sondern die alle Menschen erreichen und für die auf der christlich-jüdischen Kultur fußenden Werte des Grundgesetzes gewinnen will.

Beliebigkeit statt Werte

Diese in Jahrhunderten gewachsene Tradition opfert Lindner nun zugunsten eines Integrationsleitbilds, das anstelle von Werten auf Beliebigkeit setzt. Die Folgen werden verheerend sein: Wir unterlassen es dann nicht nur, den Migranten einen Werterahmen und eine akzeptierte Leitkultur vorzugeben, wir entlassen auch unsere eigene Nation aus einer stabilen gesellschaftlichen Grundordnung. Lindner liegt auch in einem anderen Punkt völlig daneben. Der Bezug auf eine christlich-jüdisch geprägte Kultur schließt keineswegs andere Einflüsse aus, im Gegenteil: Gerade der christlich-jüdische Wertekanon ist Grundlage für Offenheit und Toleranz auch anderen Denktraditionen und Überzeugungen gegenüber. Er ist Grundlage für eine Gesellschaft, in der Integration überhaupt erst stattfinden kann.

Fernab von alldem ignoriert der FDP-Generalsekretär mit seinem Vorstoß die enorme Bedeutung der Kirche für unseren Sozialstaat. Ohne den großartigen Einsatz der katholischen und evangelischen Kirche im Bereich der Armutsbekämpfung und der sozialen Dienste ginge unserem Land eine wichtige Stütze des Sozialstaates verloren. Es sind zudem die Kirchen, die sich immer wieder zum Anwalt der Schwachen in der Gesellschaft machen – im Gegensatz zur FDP, möchte man Lindner zurufen. Ob der Einsatz der Kirchen auch in Zukunft in gleicher Weise fortgesetzt werden kann, wenn wir uns von unserer christlich-jüdischen Tradition verabschieden, ist ungewiss.

Die Aussage der FDP-Abgeordneten um Lindner offenbart mehr als nur eine gewisse Kirchenferne. Lindner und die Kollegen wären gut beraten gewesen, sich an das schöne lateinische Sprichwort zu erinnern (zumal das alte Rom ja ebenfalls bis heute unbestritten viele Grundlagen für unser Denken und unsere Werte gelegt hat): "Si tacuisses, philosophus mansisses!“ – Hättest du geschwiegen, wärest du ein Philosoph geblieben.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Wolfgang Ockenfels , Joseph Ratzinger, Hans-Martin Esser.

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