Man sollte jungen Mädchen alle Optionen zeigen – auch halbnackt auf einer Abrissbirne zu schwingen. Amanda Palmer

„Niemand wird als Altruist geboren“

Die Gesellschaft lebt von der Beteiligung des Einzelnen. Das gilt in der Politik genauso wie im Sozialbereich. Inanna Fronius und Martin Eiermann sprachen mit Peter Tauber, Mitglied des Unterausschusses “Bürgerliches Engagement”, über die Zukunft des Zivildienstes und die Chancen des Netzes als Motor für politischen Diskurs.

social-media afghanistan integration internet gesellschaft zensur hartz-iv zivildienst

The European: Der Verteidigungsminister hat eine Aussetzung der Wehrpflicht angeregt. Damit würde auch der Zivildienst wegfallen. Ist das ein Todesstoß fürs Sozialsystem?
Tauber: Die Debatte über die Zukunft der Wehrpflicht muss aus meiner Sicht eine rein sicherheitspolitische sein. Wir können nicht die Wehrpflicht aufrechterhalten mit der Begründung, wir brauchen die Zivis. Von daher müssen wir erst einmal klären, ob die Wehrpflicht notwendig ist, um unsere sicherheitspolitischen Ziele und Aufgaben erfüllen zu können. Für unser Sozialsystem waren die Zivildienstleistenden ohne Frage eine Bereicherung. Deswegen müssen wir überlegen, wie es gelingen kann, durch die bereits existierenden Jugendfreiwilligendienste bzw. einen neuen bundesweiten Freiwilligendienst diese Lücke zu schließen.

The European: Glauben Sie, dass unsere Sicherheit in Afghanistan verteidigt wird?
Tauber: Der Einsatz hat seine Berechtigung, sonst wären wir nicht da. Und wir machen das sowohl aus Eigeninteresse als auch, weil wir den Afghanen helfen wollen. Im Vordergrund stehen für uns allerdings unsere eigenen sicherheitspolitischen Interessen.

The European: Welche Reformen müssen denn im Zuge einer Wehrpflichtreform losgetreten werden?
Tauber: Mehr als 60 Prozent der Deutschen würden einen sozialen Pflichtdienst für alle jungen Männer und Frauen begrüßen. Aber Sie werden keine 60 Prozent der Bundestagsabgeordneten finden, die dafür die Hand heben. Also müssen wir die Debatte anders führen und fragen: Wie müssen Anreize aussehen, damit junge Menschen sich künftig freiwillig für einen solchen Dienst entscheiden? Das ist schwierig unter zweierlei Gesichtspunkten: Erstens haben wir keine klare Zuständigkeit – für den Zivildienst war der Bund zuständig, für die Freiwilligendienste sind die Länder zuständig. Wenn der Bund also deutlich mehr Geld für die Freiwilligendienste zur Verfügung stellt, dann muss er auch die Möglichkeit haben, die Verwendung dieser Mittel zu kontrollieren. Und die zweite Herausforderung ist natürlich, dass wir einen Übergang schaffen. Wenn die Wehrpflicht im nächsten Jahr wegfällt, dann brauchen wir eine schnelle Lösung für den “Zivildienstersatz”.

The European: Wie weit bringen uns Appelle für gesellschaftliches Engagement?
Tauber: Niemand kommt auf die Welt und sagt altruistisch denkend: “Ich verwende einen Teil meiner Energie und Kraft für alle anderen.” Die Frage ist also, wie kann man vermitteln, dass es sich lohnt, sich ehrenamtlich zu engagieren? Wie muss ein Lerndienst organisiert sein, damit junge Menschen einen Zugang haben? Die Anrechnung zusätzlicher Wartesemester ist eine Idee, aber auch Zusatzqualifikationen können ein Ansatz sein. Ein Beispiel ist die Rettungssanitäterausbildung parallel zum Medizinstudium. Oder der Führerschein, den man während des Freiwilligendienstes machen kann. Das muss zertifizierbar sein, es muss die sonstige Ausbildung verkürzen können. Oder die Chancen auf dem Arbeitsmarkt werden verbessert, weil man Sozialkompetenzen erwirbt, die bei der Jobsuche helfen.

“Das FSJ ist leider zu oft eine Höhere-Töchter-Veranstaltung”

The European: Stichwort Sozialkompetenz: Kommen viele junge Menschen durch einen Freiwilligendienst zum ersten Mal mit wirklich anderen Lebensrealitäten in Kontakt?
Tauber: Wenn Sie heute einen Wehr- oder Zivildienstleistenden fragen, dann werden Ihnen die meisten sagen, dass sie etwas gelernt haben. Aber die wenigsten wären freiwillig zur Bundeswehr oder beispielsweise ins Altersheim gegangen. Wir zwingen sie also – und am Ende merken sie, dass sie davon profitiert haben. Man hat mit Menschen zu tun, die nicht aus dem eigenen sozialen Umfeld oder der eigenen Region kommen. Das hinterlässt Spuren. Jeder Unternehmer wird Ihnen das bestätigen. Man stellt bevorzugt junge Menschen ein, die sich eine zusätzliche Sozialkompetenz angeeignet haben und während und durch den Dienst reifer geworden sind. Das momentane Problem ist, dass wir viele Schichten mit den Angeboten noch gar nicht erreichen. Das FSJ ist oftmals eine Höhere-Töchter-Veranstaltung. Mama und Papa finanzieren das gern, zu Hause wohnen bleiben kann man auch, und es bleibt ein bisschen Zeit, sich vor dem Studium zu orientieren. Wir reden hier also vor allem von Abiturienten und Abiturientinnen, die das als Alternative zum Backpacking in Australien begreifen. Aber gerade derjenige, der mit Ach und Krach die Hauptschule schafft, kann sich durch so ein soziales Jahr enorm weiterbilden und Perspektiven entdecken.

The European: Kann soziale Arbeit ein Instrument staatlicher Integrationspolitik sein?
Tauber: Absolut. In den Kirchen passiert das bereits, der Bund hat erste Modellprojekte verabschiedet. Wir müssen uns also Gedanken machen, wie wir eine Bereitschaft zur sozialen Arbeit in allen sozialen Schichten erreichen können und auch die Chancen vermitteln, die sich daraus ergeben. Das muss über Werbung laufen, über Lehrer und die Arbeitsagenturen. Und wir müssen Angebote schaffen, die interessant für junge Menschen sind. Wenn jemand nicht gern mit Kindern arbeitet, dann macht es keinen Sinn, ihn in Einrichtungen zur Kinderbetreuung einzusetzen. In Hessen gibt es seit Kurzem ein FSJ bei der freiwilligen Feuerwehr. Niedersachsen und Sachsen haben ein FSJ Politik ins Leben gerufen. Es gibt das FÖJ im Umweltbereich. Und man kann das noch weiter ausdehnen auf den Bereich Sport, auf den Bereich Kultur. Jeder soll sich angesprochen fühlen. Das ist für mich ein wichtiger Baustein in Richtung gesellschaftlichen Zusammenhalts.

The European: Lassen Sie uns weiter über gesellschaftlichen Zusammenhalt reden – allerdings in einem anderen Kontext. Sie sind Mitglied der Enquete-Kommission Internet. Das Netz ist immer weniger eine reine Plattform und immer mehr Teil des Alltagslebens. Wie verändern sich Möglichkeiten der Partizipation?
Tauber: Das ist zum einen eine Frage des Potenzials: Habe ich die Möglichkeit, im Netz an gesellschaftlichen Prozessen teilzunehmen? Und dann andererseits die Frage: Bin ich dazu in der Lage? Die erste Frage ist Gott sei Dank sehr schnell und aus meiner Sicht auch positiv beantwortet. Die aktuelle Shell-Jugendstudie hat gezeigt, dass 96 Prozent aller jungen Leute online sind. Es gibt im Kontext der Netznutzung in Deutschland also keine soziale Spaltung.

The European: In der aktuellen Debatte um die Hartz-IV-Erhöhung sind 2,28 Euro pro Monat für Internet vorgesehen. Schulranzen und Schulbücher dagegen werden komplett vom Staat finanziert. Ist es an der Zeit, auch das Internet als essenziellen Teil von gesellschaftlicher Teilhabe und Bildung wahrzunehmen?
Tauber: Dieser Beitrag ermöglicht das ja anteilig. Aber ich glaube nicht, dass es ein Grundrecht auf eine Internet-Flatrate gibt. Der grundsätzliche Zugang muss für alle möglich sein, das wird über den Markt gesteuert.

The European: Mit 2,28 Euro kann man sich ja nun kein Internet leisten …
Tauber: Wenn 96 Prozent aller jungen Leute online sind, dann ist das offensichtlich auch noch im Rahmen des Regelsatzes möglich.

The European: Aber Sie können doch nicht sagen: Prima, wer online sein will, der muss einfach an anderer Stelle sparen. Danach werden die Regelsätze nicht berechnet.
Tauber: Schauen Sie sich die Fakten an. Offensichtlich reicht der Regelsatz, wenn fast jeder online ist. Die nächste Frage ist dann die der Medienkompetenz. Was machen wir eigentlich online? Stichwort politische Kommunikation: Es ist auch für mich eine sensationelle Sache, weil ich sehr viel unmittelbarer mit Bürgern kommunizieren kann. Aus meiner Sicht kann das Web 2.0 die politische Kommunikation revolutionieren. Bei vielen Politikern ist das momentan noch ein Nebenkriegsschauplatz. Ich glaube, auf Dauer werden die Leute erwarten, dass man permanent auch über die Neuen Medien erreichbar ist. Ich sage eigentlich allen Leuten – vor allem Schulklassen –, dass sie mich in den sozialen Netzwerken adden können. Und ich bin manchmal wirklich verwundert, wie gerne die Menschen über Themen diskutieren. Ich poste etwas und bekomme gleich Kommentare dazu. Das ist die beste Form der Meinungsumfrage, die man sich wünschen kann.

The European: Obama wird gern als Beispiel zitiert. Aber die deutsche Alltagsrealität sieht doch oftmals anders aus: Viele Politiker kennen das Internet nur vom E-Mail-Verschicken, das Open-Enquete-Forum der FDP ist quasi tot.
Tauber: Obama ist natürlich auch völlig untauglich als Vergleichsbeispiel. Der entscheidende Punkt ist, dass es glaubwürdig und authentisch wirken muss, wenn ein Politiker sich im Web 2.0 bewegt. Wenn Angela Merkel jetzt plötzlich twittern würde, dann weiß doch jeder, dass sie das nicht selber macht. Also macht das wenig Sinn. Ich nehme mir die Zeit für soziale Netzwerke, weil ich den Eindruck habe, ich erreiche damit eine gewisse Zahl an Personen und es macht mir nicht viel Mühe. Ich kann immer noch schnell vor einer Ausschusssitzung die Tagesordnung twittern oder aber morgens um 7 Uhr schreiben “Die Currywurstbude hat schon auf” und lade das Bild schnell bei Facebook hoch. Das macht mir Spaß, und die Leute wissen, dass der Tauber das selbst macht. Wenn man die Spontaneität rausnimmt oder das institutionalisiert, funktioniert es nicht mehr. Und es ist so, dass man damit nicht nur junge Menschen erreicht. Zum Teil sieht man das schon an den Namen: Ich bekomme nicht nur Zuschriften und Kommentare von den Christians und Manuels dieser Welt, sondern auch von Wilhelm und Alois. Mit der Akzeptanz von sozialen Netzen in allen Altersschichten steigt dann auch die Möglichkeit der direkten Kommunikation.

“Wir müssen zwischen Jung und Alt im Netz vermitteln”

The European: Wenn man vor 30 Jahren fernsehen wollte, dann musste man zwangsläufig irgendwann Nachrichten schauen. Heute kann ich tagelang im Netz surfen, ohne mich mit Politik auseinandersetzen zu müssen. Gibt es da einen Segmentierungseffekt?
Tauber: Das stimmt schon. Junge Männer, vor allem mit niedrigem Bildungsgrad, nutzen das Internet oftmals nur zum Spielen. Die etwas Älteren gehen online, um sich politisch zu informieren und zu partizipieren. Bei den Frauen gibt es ähnliche Unterscheidungen: Die älteren Mädels nutzen es zum Informationsaustausch, die jüngeren eher zum Shoppen. Die Shell-Jugendstudie hat die Unterschiede natürlich etwas detaillierter herausgearbeitet. Da muss die Politik sich natürlich auch fragen, wie man das Interesse gerade junger Menschen wecken kann. Das Internet ist nie losgelöst von der Realität, sondern ist für die junge Generation Teil von Individualität, von Lebensverständnis, von eigener Persönlichkeit. Das ist ja auch für die Enquete ganz spannend: Viele junge Menschen reklamieren das Netz für sich und lassen sich nur ungern etwas vorschreiben. Für viele Ältere ist das Internet ein besseres Fax, also lediglich eine bessere Möglichkeit zur Kommunikation und Information. Da kommt man zum Beispiel bei der Diskussion um die Sperrung von bestimmten Inhalten nur ganz schwer zusammen. Die einen haben einen sehr emotionalen und persönlichen Zugang, die anderen begegnen dem Internet als Technikum mit ihrer Ratio und sagen: “Wo ist das Problem? Dann sperren wir es halt, dann geht die Seite eben nicht mehr.” Zwischen diesen Positionen zu vermitteln kann sehr schwer sein.

The European: Viele der Digital Natives sehen die Vorstöße der Politik sehr kritisch. Das sind doch eigentlich diejenigen, die am ehesten verstehen, was im Netz funktionieren kann und was nicht.
Tauber: Ich erlebe leider, dass seitens der aktiven Netz-Community der Politik mit einem unbegründeten Mistrauen begegnet wird. Da muss man auch einfach mal sagen: “Also Leute, lasst mal die Kirche im Dorf. Setzt euch sachlich mit uns auseinander.” Natürlich werden wir nicht alles so machen, wie das die kleine Netz-Avantgarde will, sondern wir müssen die Themen auch für die breite Masse verständlich machen. Das wollen manche aus der Blogger-Szene nicht akzeptieren. Das erleichtert die Arbeit nicht gerade. Es ist eben eine Frage der Eigenwahrnehmung. Die Netz-Avantgarde gefällt sich in dem Bild, sie sei ständig “vorne” und treibe die Prozesse voran, während Politik sich nur im Schneckentempo bewege. Das mag auch manchmal stimmen. Es ist das Schicksal der Avantgarde, immer ein bisschen weiter zu sein als andere. Aber die tiefe Grundskepsis verhindert natürlich auch ein mögliches Miteinander. Ich habe zum Glück den Eindruck, dass die meisten Leute, die sich mit dem Thema offen befassen, dann auch zuhören und bereit sind, sich einzubringen. Dann kann man diskutieren, selbst wenn die Meinungen auseinandergehen.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Andrew Keen: „Der freie Markt funktioniert nicht“

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: , Afghanistan, Integration

Kolumne

Medium_c3180e2262
von Alexander Wallasch
18.11.2013

Debatte

Klare Ziele für Mali

Medium_2e8007f919

Vorbeugen ist besser als Heilen

Die Bundesregierung sollte sich in Sachen Mali nicht aufs Hinhalten verlegen. Stattdessen sollte sie mehr Verantwortung übernehmen und sich auf europäischer Ebene für eine nachhaltige Zukunft Malis... weiterlesen

Medium_53cd81543b
von Omid Nouripour
16.02.2013

Kolumne

Medium_e994cea974
von Stefan Gärtner
19.10.2012
meistgelesen / meistkommentiert