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Mag die internationale Klimapolitik noch so mangelhaft sein: Eine Welt mit halbgaren Abkommen ist besser, als eine ohne. Alternativen gibt es keine.

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Während die Klimagipfel kommen und gehen, ist es einfach, die Klima-Diplomatie lächerlich zu machen. So wie Björn Lomborg kürzlich auf The European. Die Liste gescheiterter Abkommen, die er aufzählt, ist freilich lang. Dennoch ignorieren Kritiker wie Lomborg, dass eine Welt mit unzulänglichen Abkommen noch immer besser ist, als eine, in der es gar keine Abkommen gibt.

Vor allem aber muss ein völlig anderer Schluss darüber gezogen werden, was zu tun ist: Sollte Geo-Engineering vorangetrieben und „neue“ (aber unspezifische) Energiequellen erforscht werden, oder müssen nicht vielmehr genügend Anreize dafür geschaffen werden, das große Potenzial der erprobten erneuerbaren Technologien voll zu nutzen? Aus mehreren Gründen votiere ich für Letzteres.

Ohne jede Garantie auf Erfolg!

Erstens wäre es teuer und risikoreich, Geld für gänzlich ungetestete Projekte des Geo-Engineering aufzuwenden, statt erprobte Technologien mit denselben Mitteln weiter zu verbessern. Das Geld, das jährlich für Erneuerbare Energien ausgegeben werden müsste, würde geradezu lächerlich wirken gegenüber den Summen, die für gewagte Experimente veranschlagt werden. Will man per Geo-Engineering beispielsweise genug Aerosol aufwenden, um die Erderwärmung zu bekämpfen, würde dies laut Studien zwei bis acht Milliarden Dollar pro Jahr kosten. Und das ist nur einer der vielen aberwitzigen Vorschläge. Andere Vorhaben sollen bis zu 390 Milliarden Dollar teuer sein – ohne jede Garantie auf Erfolg!

Denn vermutlich würden derlei Vorhaben nicht die gewünschte Wirkung haben. Die Klimawissenschaftlerin Naomi Vaughan warnt: „Sobald die Regulierung von Sonneneinstrahlung wieder eingestellt wird, sind die kühlenden Effekte schnell obsolet – das System passt sich extrem schnell wieder an.“ In der Atmosphäre eingebrachtes Schwefeldioxid, wie von Lomborg vorgeschlagen, könnte die Erderwärmung also höchstens verzögern, nicht jedoch verhindern. Und andere negative Folgen der CO2-Emissionen, wie die Übersäuerung der Ozeane, würden dadurch ebenso wenig gestoppt.

Zweitens ist es naiv zu glauben, dass die Staaten Geo-Engineering-Lösungen ohne Regulierung zulassen würden. Statt halbgarer Klima-Politik gäbe es also halbgare Geo-Engineering-Politik. Der Mangel an internationaler Führung könnte wohl kaum dadurch ausgeglichen werden, dass man Regierungen einfach von jeder Verantwortung frei spricht, die nicht darin besteht, Geld in Projekte und Technologien zu stecken, die Dekaden benötigen, um Erfolg zu haben – wenn überhaupt.

Drittens existieren die besten Lösungen bereits, eine saubere Energierevolution ist möglich. Erneuerbare Energien sind weit davon entfernt, ein Projekt von westlichen Gutmenschen zu sein. Indien und China setzen sich gerade an die Spitze der Entwicklung, mit ehrgeizigen Zielen und einer florierenden Industrie. Erneuerbare werden etwa die Hälfte des Energiezuwachses bis 2035 ausmachen – wobei China mehr produzieren wird als die USA, Japan und die EU zusammen. Brasilien ist bereits jetzt weltweit führend im Bereich Erneuerbarer Energien und wird seine Produktion bis 2035 wohl noch verdoppeln.

Viertens gibt es zahlreiche Optionen, um das derzeit für Subventionen von fossilen Brennstoffen verschwendete Geld sinnvoll für die saubere Energierevolution einzusetzen. Global summieren sich diese Investitionen auf etwa 600 Milliarden Dollar pro Jahr. Rund 100 Milliarden davon gehen direkt an die Produzenten und nicht etwa an ärmere Konsumenten. Würde nur ein Bruchteil davon in Energiequellen investiert, die weniger CO2-lastig sind, wäre der positive Effekt immens.

Geben Staaten solch ehrgeizige Ziele vor, ist das gut für das Investitionsklima: die vier Billionen schwere Industrie der Erneuerbaren, die bereits heute von der Klimapolitik profitiert, stellt immer mehr Jobs bereit und erzeugt immer mehr Wachstum. In Europa könnten Schätzungen zufolge bis 2020 drei Millionen Arbeitsplätze in dem Sektor entstehen. Hinzu kommt, dass deutlich weniger Geld für Energie-Importe ausgegeben werden müsste. Der Netto-Import von fossilen Brennstoffen betrug 388 Milliarden Euro im Jahr 2011.

Investoren brauchen Sicherheit und die Gewissheit des Wandels: langfristig stabile Rahmenbedingungen, rechtliche Verbindlichkeiten und staatliche Unterstützung. Ein internationales Abkommen, das alle Staaten bindet, sich der Sache anzunehmen und Ressourcen dafür zu verwenden, ist sicherlich eine Möglichkeit, solche Signale zu senden. Und um Kosten zu sparen: Je länger wir daran scheitern, effektive Vereinbarungen über die Reduktion von Emissionen zu treffen, desto teurer wird es. Schon bei einer Erwärmung von drei Grad Celsius lägen die Kosten doppelt so hoch.

Wie viel Entschädigung müssten wir zahlen?

Schlussendlich stellen sich aber noch ganz einfache Fragen der Moral und Verantwortlichkeit. Wie sollen kleine Inselstaaten und jene Länder an der Front des Klimawandels auf den Vorschlag reagieren, alle Anstrengungen einzustellen, Treibhausgase zu reduzieren? Nur, um Geld für nicht erprobtes Geo-Engineering zu verschleudern? Wie viel Entschädigung müssten wir den Menschen zahlen, die ihre Häuser und Heimaten verlassen müssten, während wir die Daumen drücken, dass die Technik uns retten wird?

Die Komplikationen der globalen Klimapolitik zum Teufel zu wünschen und gleichzeitig extravagante Technologien als Lösungen auszuloben ist sicherlich der für uns alle gefährlichste Weg. Wie Dr. Watson, Leiter eines Geo-Engineering-Projekts sagt: „Wir dürfen nicht in eine Diskussion gezogen werden, in der die Ökonomie das Tempo bestimmt. Die Auswirkungen auf die Menschheit und das Ökosystem müssen der zentrale Gesichtspunkt sein und bleiben.“

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Anton Hofreiter, Katrin Göring-Eckardt, Barbara Hendricks.

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