Es gibt ein europäisches Lebensmodell, das wir verteidigen müssen. Guido Westerwelle

Die Fehler von Versailles nicht wiederholen

Die Deutschen sollten am besten wissen, dass Russland endlich auf Augenhöhe begegnet werden muss. Wenn wir das beherzigen, könnte die Ukraine die neue Brücke zwischen Ost und West werden.

Wer wissen will, wie der Westen Russland heute nicht behandeln sollte, dem empfehle ich die Lektüre eines fast einhundert Jahre alten Textes, den der Berenberg Verlag im Jahr 2014 neu verlegt hat: John Maynard Keynes’ Streitschrift aus dem Jahr 1919 gegen den Versailler Vertrag und die Behandlung Deutschlands – „Krieg und Frieden. Die wirtschaftlichen Folgen des Vertrages von Versailles“.

Mit seinem Buch über die Folgen des Ersten Weltkriegs für Europa wurde Keynes über Nacht ein berühmter Mann. Niemand hat prophetischer analysiert, warum der Vertrag von Versailles einen neuen Krieg und bis heute schwelende politische Konflikte auslösen konnte. Kein anderer hat so anschaulich und mit analytischem Spott beschrieben, wie 1919 der Frieden verspielt und Europa unabsehbarer Schaden zugefügt wurde.

Keynes, der als Vertreter des Schatzamtes der britischen Delegation in Versailles angehörte, zog sich kurz vor dem Ende der Verhandlungen über die Vorortverträge zurück. Er gab sein Amt als Mitglied der britischen Delegation auf und tat seinen Unmut über den seiner Ansicht nach karthagischen Frieden in dieser geradezu prophetischen Abhandlung kund. Zu viele Sieger sannen auf Vergeltung und wollten Keynes’ Leitsatz nicht hören: „Sicherheit vor Deutschland kann nur Sicherheit mit Deutschland sein“. Anstatt den Kriegsverlierer Deutschland in die neue Weltordnung zu integrieren, zog man ihm in Versailles das Büßerhemd an. Keynes hatte den Siegern vergeblich die alte Warnung Machiavellis vorgelesen: „Demütige niemanden, den du nicht vernichten kannst.“ Die Folgen sind hinlänglich bekannt.

Die moralische Arroganz des Westens

Das aktuelle Thema des richtigen Umgangs mit Besiegten geht in die Umbruchszeit der 1990er-Jahre zurück. Um Keynes’ Abhandlung zu einer hochaktuellen Schrift zu machen, muss man nur „Deutschland“ durch „Russland“ ersetzen und die Frage nach dem richtigen Umgang mit Besiegten auf das Gorbatschow-Jelzin-Moskau beziehen. Denn auch die noch in der Sowjetunion groß gewordenen politischen Eliten Russlands sehen sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Büßerhemd des Verlierers, wobei viele im Westen ein Interesse daran haben, dass es so bleibt. Jedenfalls tritt der Westen mit ungebrochener moralischer Arroganz dem amtlichen Moskau gegenüber, obgleich doch auch hier gelten sollte: Sicherheit für Europa und die Welt vor Russland kann es nur mit Russland geben.

Gerade Deutschland sollte Verständnis dafür haben, dass auch ein Besiegter irgendwann eine Behandlung als Gleichberechtigter beansprucht und die Berücksichtigung seiner Interessen einfordert. Nur so wird er in die Lage versetzt, in der vermeintlichen Niederlage auch den Beginn seiner Befreiung zu erkennen. Es besteht wohl kein Streit darüber, dass es ein schwerer Fehler war, die wiedergeborene russische Föderation in den Systemen von Brüssel außen vor zu lassen. Anstatt Russland immer mehr in die Staatengemeinschaft einzubinden, wurde es – so kritisiert es zu Recht der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger in einem Interview in der Schweizer „Weltwoche“ – in die politische Isolation getrieben.

Bei der Betrachtung des Konflikts zwischen der Ukraine und Russland gilt es, das historische Verhältnis der beiden Länder in den Blick zu nehmen. Die Ukraine ist ein riesiges Gebiet mit vielfältiger kultureller Prägung. Angesichts einer blutigen Historie durch wechselnde fremde Gewaltsysteme ist es mehr als verständlich, dass die jeweiligen Bevölkerungen ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen wollen. Dabei ist das Land neben vielen anderen kulturellen Spaltungen von einem inner-ukrainischen Ost-West-Konflikt gekennzeichnet.

Deshalb forderte bereits der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn in seinem Schriftwechseln mit Boris Jelzin aus dem Jahr 1991: „Ein jedes Gebiet soll selbst bestimmen, wo es hingehören will.“ Ein entsprechendes Referendum solle „in der Ukraine in vollkommener Freiheit stattfinden“. Sein Plädoyer stand dabei im Einklang mit den europäischen Werten, die ja auf kulturelle Vielfalt und den Schutz selbstbestimmter kleiner Einheiten abzielen. Den Rat Solschenizyns nicht zu befolgen und stattdessen auf einen so noch nie dagewesenen ukrainischen Mega-Staat zu setzen, war falsch.

Der Westen hat diese Entwicklung sogar noch befördert. Ihm mangelte es an einer Portion „psychologischen Einfühlungsvermögens“, um die „Völkerseelen“ zu verstehen – wie es Peter Scholl-Latour kurz vor seinem Tod in seinem Buch „Der Fluch der bösen Tat“ ausgedrückt hat. Das gilt erst Recht mit Blick auf das Schicksal der Krim, wo das juristische Selbstbestimmungsrecht der örtlichen Bevölkerung in Konkurrenz zur völkerrechtlichen Selbstbestimmung des neuen Staates von Kiew getreten ist. 

Föderalisierung der Ukraine

Ein einheitliches ukrainisches Staatsvolk gibt es nur in der Fantasie des amtlichen Brüssel. Genau davon waren aber die Pläne für ein Assoziierungsabkommen der EU mit der Ukraine geprägt, über tausend Seiten auf Englisch verfasst und vorgelegt, welches das Land mit dem „Fait accompli“ konfrontierte – wollte es zur EU oder Russland gehören? Henry Kissinger sieht darin zusätzlich auch eine „Beleidigung Russlands“.

Anstatt die ungute Konfrontation auf die Spitze zu treiben, gilt es heute, innezuhalten und auf Verständigung und Kooperation zu setzen. Kissinger führt es in seinem neuen Buch „Weltordnung“ folgendermaßen aus: Das Verhalten Russlands sei eine Reaktion auf das, was Putin für eine Bedrohung von Russlands Sicherheit sieht. Für Kissinger ist Russland ein wichtiger Pfeiler im Konstrukt der Neuen Weltordnung, im neuen Gleichgewicht der Kräfte. Der Westen müsse sich in das weltpolitische System einfügen und verstehen, was andere Gesellschaften wollen. Und so kann die Sicherheit der Ukraine vor Russland – schlagt nach bei John Maynard Keynes! – nur mit Russland und nicht gegen Russland auf Dauer gewährleistet werden.

Die deutsche Bundesregierung zeigt mit ihren aktuellen diplomatischen Bemühungen einen entsprechenden Weg auf, um die Interessen des Westens und Russlands in Einklang zu bringen. Im konkreten Fall sollte dies eine Föderalisierung der Ukraine zum Ziel haben – mit kulturell weitgehend autonomen Landesteilen. Die Ukraine würde so eine Brücke zwischen der EU und Russland bilden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Wladimir Putin, Andreas Umland, Boris Reitschuster.

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Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 2/2015 des gedruckten „The European“.

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