Das ist nun mal die Frage des Glaubens und daran kann man auch nichts ändern. Manne Dumke

„Der Tod ist Teil von dem, was wir sind“

Wir wissen nicht genau, was in unserem Gehirn während einer Nahtoderfahrung passiert. Alexandra Schade und Lars Mensel sprachen mit dem Neuropsychologen Peter Fenwick über seine Forschung, die Angst vor dem Tod und wie diese Phänomene die Menschen verändern.

The European: In Ihrer Forschung konzentrieren Sie sich auf Nahtoderfahrungen. Erzählen Sie uns darüber.
Fenwick: Ich untersuche zwei Typen von Nahtoderfahrungen: auf Englisch spricht man von „near-death experience“ und „end-of-life experience“. Das sind zwei verschiedene Dinge. Erstere treten für gewöhnlich nach einem Unfall, während einer Krankheit oder während der Geburt eines Kindes auf – also während eines Erlebnisses, in dem die Person stark und physiologisch beeinträchtig ist. In einigen Fällen sind die Menschen dem Tod sehr nah.

Letzteres tritt zum Beispiel bei einem Herzinfarkt auf. Das Erscheinungsbild ist in beiden Fällen im Wesentlichen gleich, aber die Erfahrungen sind unterschiedlich.

„Nicht jeder bekommt alles“

The European: Woher haben Sie Ihre Daten? Das klingt nach einem Thema, bei dem es nicht viele empirische Daten gibt.
Fenwick: Unsere Hauptquelle sind 2000 Briefe, die wir 1980 von Menschen erhalten haben, die mir nach einem Fernsehauftritt schrieben. Wir haben 500 von diesen Briefen genommen, Fragebögen versandt und gute Daten erhalten. Diese haben wir genutzt, um die Erfahrungen zu definieren. Die Ergebnisse haben wir in einem Buch aufgeschrieben, „The Truth in the Light“, was 2012 veröffentlicht wurde.

The European: Was fühlen die Menschen in solchen Situationen?
Fenwick: Das hängt ganz von der jeweiligen Kultur ab. Unsere Stichprobe stammt aus Großbritannien. Wenn die Menschen Schmerzen haben, verschwinden diese. Sie werden ganz ruhig und dann verlassen sie entweder den eigenen Körper oder sie schweben einen Tunnel herab. Während sie den Tunnel entlang gehen, neigen sie dazu, ein bisschen schneller zu gehen. Sie sehen eine Art Scheinwerferlicht am Ende und gehen darauf zu. Sie gehen in das Licht und dieses ist sehr warm. In dem Licht ist ein Lichtwesen. Etwa 12 Prozent unserer Probanden haben einen Lebensrückblick. Sie erleben ihr ganzes Leben noch einmal, nachdem sie das Lichtwesen gesehen haben. Das ist aber nur eine Zusammenfassung. Nicht jeder bekommt alles.

The European: Sie erwähnten gerade, dass es kulturelle Unterschiede gibt …
Fenwick: In den westlichen Kulturen neigen wir zu Tunneln. Es neigt dazu, ein englischer Landschaftsgarten zu sein. In japanischen Erfahrungen ist es aber kein Tunnel. Es ist ein dunkler Fluss, den man überqueren muss. Üblicherweise gibt es einen Schiffer, der einen über den Fluss bringt. Wenn man auf die andere Seite gelangt, wer steht dort wohl winkend am Ufer? Die toten Verwandten.

The European: Hat einer der Menschen, mit denen Sie gesprochen haben, bedauert, nicht gestorben zu sein?
Fenwick: Dieses Gefühl ist weit verbreitet. Denn wenn man einmal von so viel Liebe, Unterstützung und Mitgefühl überschwemmt wurde, will man nicht wieder zurückkommen. Manchmal sind Menschen nach einer Reanimation böse, dass sie wiederbelebt wurden. Viele würden gern weiter gehen. Aber das können sie nicht, denn sie sind zurückgekommen.

„Wir wissen nicht wirklich, wie Gehirn und Bewusstsein zusammenhängen“

The European: Haben diese Erfahrungen physische Auswirkungen auf die Menschen?
Fenwick: Ja. Sie werden empfindsamer, viel intuitiver. Einige Menschen sagen, dass sie auf gewisse Weise telepathisch geworden sind. Oder sie werden geheilt. Als wir in einem Krankenhaus eine Studie durchgeführt haben, gab es eine Person, die einen Arm nicht nutzen konnte, aufgrund einer neurologischen Schädigung, die sie bei der Geburt erlitten hatte. Diese Schädigung schien nicht heilbar zu sein Aber nach der Nahtoderfahrung begann der Arm wieder nutzbar zu werden. Das Wichtigste aber ist, dass alle die Angst vor dem Tod verlieren. Sie haben keine Angst mehr.

The European: Wann ist ein Mensch wirklich tot?
Fenwick: Es gibt mehrere Definitionen von Tod. Die klinische Definition geht so: keine Herzleistung, keine Atmung und alle Hirnstammreflexe sind weg. Das heißt, wenn ich Ihre Augen berühren würde, würden Sie nicht blinzeln. Und wenn ich etwas in Ihren Rachen täte, würden Sie nicht husten. Sie würden sehen, dass das Gehirn ganz dunkel wäre. Das ist die klinische Definition von Tod. Aber wenn ich einige Ihrer Zellen nehmen würde, würden diese immer noch leben. Das dauert etwa fünf oder sechs Minuten. Danach kann man einen Menschen nicht mehr reanimieren. Zuerst haben Sie also den klinischen Tod und wenn dieser andauert, sind Sie wirklich tot.

The European: Und die Phänomene, die Sie untersuchen, sind irgendwo dazwischen? Sie sagten, dass sie nach einem Herzstillstand auftreten und das ist auch ein Anzeichen für Tod. Aber man ist nicht tot. Was passiert in unserem Gehirn während einer Nahtoderfahrung?
Fenwick: Wir wissen sehr wenig darüber. Einige sagen, dass wir träumen, aber ich weiß aus Untersuchungen, wie Träume aussehen. Sie produzieren bestimmte Rhythmen im Gehirn und im Falle eines Herzstillstandes sehen wir das nicht. Das ist es also nicht. Andere sagen, es ist ein Mangel an Sauerstoff oder zu viel Kohlenstoffdioxid, was sich auf das Gehirn auswirkt. Das kann es aber auch nicht sein, weil es andere Leute gibt, die sowohl zu viel Kohlendioxid als auch zu wenig Sauerstoff haben und keine Nahtoderfahrung machen. So gehen Sie eine ganze Reihe möglicher Ursachen durch und am Ende sagen Sie: „Wir wissen es eigentlich nicht.“ Wir wissen nicht wirklich, wie Gehirn und Bewusstsein zusammenhängen.

The European: Interessant ist, dass sich die Menschen ziemlich klar an diese Erlebnisse erinnern.
Fenwick: Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Man glaubt, dass sich das Gedächtnis tief drin im Gehirn befindet, in verschiedenen Strukturen. Wenn das Gehirn stirbt, sollte es kein Bewusstsein, keine Aufzeichnungen von Erinnerungen geben. All das legt nahe, dass wir vielleicht einen umfassenderen Blick auf das Gedächtnis werfen müssen, weil es nicht mehr richtig zu unserem momentanen Verständnis passt.

„Ich fürchte mich nicht“

The European: Was entgegnen Sie Kritikern, die behaupten, dass es sich dabei nur um Halluzinationen kurz vor dem Tod handelt?
Fenwick: Im Zusammenhang mit Nahtoderfahrungen bedeutet das Wort „Halluzination“ lediglich, dass es sich um eine persönliche Erfahrung handelt. Sie passiert einigen Menschen, aber nicht allen. Nach einem Herzstillstand funktioniert Ihr Gehirn nicht. Es kann also auch nicht halluzinieren.

The European: Glauben Sie, dass diese Erfahrungen gute Beispiele für den Prozess des Sterbens sind? Mit anderen Worten: Denken Sie, sie ähneln dem, was Menschen erleben, die tatsächlich sterben?
Fenwick: Ja, der Tod ist sehr eng mit diesen Erfahrungen verbunden. Ich denke, es könnte ein sehr gutes Modell für den Prozess des Sterbens sein.

The European: Wie fühlen Sie sich persönlich, jetzt wo Sie all diese Forschung betrieben haben?
Fenwick: Großartig. Eines kann ich Ihnen sagen: Sie nimmt die Angst vor dem Tod. Ich fürchte mich nicht, weil ich zu viel davon gesehen habe. Nachdem ich 2000 Briefe gelesen habe, mit all diesen Leuten gesprochen habe, gesehen habe, was in Hospizen, Altersheimen etc. passiert, kann ich sagen, es ist okay. Er ist Teil von dem, was wir sind.

Übersetzung aus dem Englischen.

Dieses Interview entstand auf dem TEDx Berlin. Den TEDx-Talk von Peter Fenwick können Sie hier anschauen.

Sie haben selbst Nahtoderfahrungen erlebt oder in Ihrem Bekanntenkreis? Wenn Sie mögen, dann schreiben Sie Peter Fenwick unter: peter_fenwick@compuserve.com

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Frank Schirrmacher: „Es geht mir um die Computerisierung des Menschen“

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