Unternehmer werden zwar gebraucht, aber nicht mehr bewundert. Das war früher anders. Ehrhardt Bödecker

Mensch statt Maschine

Die Ideologie des freien Marktes und die Idee des Homo oeconomicus haben ihren Nutzwert nicht eingebüßt. Es ist tragisch, dass wir sie jetzt aus einer intellektuellen Laune heraus zurückweisen.

Das Leben und Schicksal von Milliarden Menschen hängt von der richtigen Interpretation der Ideologie des freien Marktes ab. Es geht im aktuellen politischen Klima also vor allem darum, verzerrende und korrumpierte Interpretationen des freien Marktes zu entkräften. Jetzt – mehr als jemals zuvor – brauchen wir eine Rückbesinnung auf die klassische Idee des freien Marktes, um eine neue Generation von Wissenschaftlern und Intellektuellen zu inspirieren und der Öffentlichkeit einen Weg aufzuzeigen, aus dem finanzpolitischen Schlamassel und der drückenden Schuldenlast zu entkommen. Wir brauchen fundiertes wirtschaftswissenschaftliches Denken, keine theoretischen Träumereien oder Realitätsflucht.

Adam Smith lebt weiter

Die letzten dreißig Jahre haben gezeigt, dass Adam Smith recht hatte mit einer seiner fundamentalen Annahmen: „Der natürliche Trieb jedes einzelnen Menschen, seine eigene Situation zu verbessern, ist so stark, dass er allein und ohne weitere Hilfen imstande ist, nicht nur Reichtum und Wohlstand der Gesellschaft zu mehren, sondern auch die hundert kleinen Hindernisse zu beseitigen, die durch die Torheit menschlicher Gesetze in den Weg geräumt werden.“

In den 80er- und 90er-Jahren – laut Andrei Shleifer „das Zeitalter von Milton Friedman“ – stand das Individuum im Mittelpunkt marktwirtschaftlichen Denkens. Deregulierung in den USA und Großbritannien, das Ende des Kommunismus und die Öffnung von China und Indien trugen dazu bei, den Einfluss des Staates zu beschränken. Weltweite Verbesserungen von Lebenserwartung, Bildung, Demokratie und Lebensstandards waren die Folge, als die globale Wirtschaft Milliarden Menschen vor Hunger, Unwissenheit und Elend rettete. Doch im Zuge des „Krieges gegen den Terrorismus“ wurde der Staat seit 2001 wieder gestärkt. Die aktuelle Finanzkrise wurde möglich durch Jahre des Aktionismus und Aktivismus von Seiten der Regierung.

Vordenker wie Adam Smith oder F. A. von Hayek würden verstehen, warum. Ihre Vorstellung vom Homo oeconomicus besagte nie, dass wir hyperrationale Individuen seien, die auf Basis vollständiger Informationen in komplett freien Märkten miteinander interagieren. Ihre Aussage war lediglich, dass es immer das Ziel des Einzelnen sein wird, seine Interessen auf die bestmögliche Weise zu verfolgen. Smith wusste, dass der Mensch auch ein Einzelgänger und Eigenbrötler sein kann: klug aber fehlbar, geplagt von Hoffnungen und Sorgen, keinesfalls nur geleitet von mathematisch berechenbaren Verhaltensmustern. Die menschliche Fehlbarkeit kann zu Ineffizienz und Marktversagen führen – aber sie setzt gleichzeitig den korrektiven Prozess des Marktes in Gang. Privatbesitz, freie Preise und Profitdenken bilden den Rahmen für natürliches menschliches Verhalten und profitablen Handel zwischen verschiedenen Akteuren. Effizienz ist ein Ergebnis dieses Prozesses, keine Voraussetzung für das Funktionieren des Marktes.

Wir brauchen empathische Märkte

Doch der Markt ist nicht losgelöst vom Rest der Gesellschaft. Politische, juristische und soziale Normen sind mit ihm eng verbunden und können Hürden darstellen, die zu Marktversagen beitragen. Es geht also nicht darum, die zugrunde liegenden Ideen von Smith oder Hayek zu hinterfragen. Stattdessen brauchen wir eine neue ideologische Vision des freien Marktes und des Homo oeconomicus als Ausdruck einer Gesellschaft der freien und verantwortungsvollen Individuen, die innerhalb des Marktes und innerhalb der Gesellschaft operieren.

Wir brauchen empathische Märkte! Adam Smith schrieb neben „Wealth of Nations“ auch zur „Theorie der Moral“, Hayek beschäftigte sich mit dem moralischen Verfall. Es geht jetzt darum, diese Lektionen ernst zu nehmen und einen freien Markt zu schaffen, der uns letztlich den Weg bereitet in eine Welt des Friedens, des Wohlstands und des Fortschritts.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Christoph Schmidt, Thomas Vasek, Barry Schwartz.

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