Warum können manche Menschen nicht an sich halten, wenn sie Plakate wie diese sehen? Was mag in jenen vorgehen, die sie sich dazu hinreißen lassen, sie zu verschmieren, sich damit an fremdem Eigentum zu vergreifen und auf Kosten eines Mitmenschen ihre Witze zu machen? In jungen Jahren mag solcherart schlechter Scherze noch durchgehen. Doch spätestens ab achtzehn sollte man Reife beweisen. Doch was ist das – Reife?
Deren schönster Ausdruck besteht wohl darin, einen anderen anders sein lassen zu können. Auffallend oft ist Voltaire in den letzten Wochen zitiert worden: „Ich hasse, was du sagst, aber ich werde immer dafür kämpfen, dass du es sagen kannst!“ Mag einem des anderen Meinung auch nicht gefallen: Das ist noch kein Grund, einen Anschlag auf ein Bild von ihm zu verüben.
Manchen fällt es offensichtlich schwer, das Gesicht von bestimmten Personen zu ertragen. Die verschmierten Politikergesichter auf den Plakaten im öffentlichen Raum sind da nur ein Indiz. So viel auch von Toleranz geredet wird: Im Alltag zählt die Diktatur einer „political correctness“, in der jede eigenständige Meinung bekämpft wird, gern auch mit unlauteren Mitteln. Meine Ministranten zum Beispiel. Sie nicken traurig, wenn ich in der Predigt behaupte, die jungen Leute könnten am Montag ihren Altersgenossen nicht mehr ungestraft sagen, sie hätten am Sonntag gern Gottesdienst mitgefeiert. Oder der Zweiundzwanzigjährige, der am Arbeitsplatz erzählt, er wolle seine Freundin nun heiraten: Er muss sich ducken vor allem, was ihm da entgegengehalten und mehr noch, geschleudert wird.
Nur wer schwach ist, schlägt
Woher die Aggression gegen den, der Entschiedenheit zeigt? Sie kommt aus der eigenen Unentschiedenheit. Entschiedene Menschen kann nur ertragen, wer selber entschieden ist. Dafür braucht es ein Fundament. Sonst ist die andere Meinung zuerst nur eine Bedrohung, gegen die man reflexartig ausholt …
Wer einen anderen gelten lassen will, statt ihn mit Schmutz zu bewerfen, muss wissen, was bei einem selber gilt. Was man will. Wofür man einsteht. Mit „tolerare“ wird im Lateinischen das Wortfeld „aushalten, erdulden, ertragen“ verbunden. Im Umkehrschluss heißt das: Wer wachsweich steht, kann nicht tragen. Wird nie tolerant sein. Ihm bleibt nur, wackelnd um sich zu schlagen.
Auf der Suche nach einem Fundament, das tolerant macht, können Glaubenserfahrene erzählen, wie beglückend es ist, gesichert in Gott zu sein. Religion öffnet den Geist, so ist ihre Erfahrung. Christen verweisen auf Jesus. Seine gelassene Offenheit bis brachte seine Gegner zur Raserei. Und ihn ans Kreuz. Selbst dort hörte er nicht auf, sie mit seinen ausgebreiteten Armen mittragen zu wollen in ihrer Wut. Um ihre Intoleranz dabei zu entlarven. Und ihnen einen Halt zu geben.




















