Freiheit für Tebartz-van Elst

von Paulus Terwitte16.10.2013Gesellschaft & Kultur

Die Kraft des Furors in der Causa Limburg macht hellhörig. Dabei könnte die Kirche der Gesellschaft gerade jetzt ein heilsames Beispiel sein.

Die Causa Limburg trifft die katholische Kirche an zwei der drei Freiheitswunden, mit denen weder sie noch ein Mensch je fertig wird. Als Kapuziner verweise ich darauf in der Nachfolge des hl. Franziskus mit den drei Knoten an der Kordel, die das braune Ordensgewand zusammenhalten.

Die drei Freiheiten ermächtigen auch zum Verwunden, entgegen ihrer Bestimmung. Sie sind der Rat Jesu zu einer menschlichen Existenz, auch genannt Evangelischen Räte: Keuschheit. Gehorsam. Armut.

Der Furor um sexuellen Missbrauch

Zunächst – im Rückblick – der Rat Jesu zu einem Leben in Freiheit mit dem Eros. Seit Jahren wissen wir nun offiziell von den Opfern, durch einen Mann der Kirche ermutigt, dass ihnen im Schutz des kirchlichen Vertrauensklimas Unfassbares geschehen ist. Freilich war das schon lange bekannt, nur nicht öffentlich, und erst die hergestellte Öffentlichkeit hat vielen, die bis dahin geschwiegen haben, ermutigt, sich zu öffnen und mitzuteilen.

Dass da an kein Ende zu kommen ist, liegt in der Natur der „Sache“ – so wie sexueller Missbrauch anderswo nie nie mehr vorkommen wird. Wer dies anerkennt, den bedrängt dann die Frage: Wie damit als Mensch leben? Aus der Menschheit lässt sich schwerlich austreten, um auf diese Weise der Verzweiflung, einer „von denen“ sein zu müssen, zu entkommen. Ob ein Austritt aus der Kirche den Christen lösen kann von der Hoffnungsgemeinschaft der Getauften, ihn durch Abwendung davon gar noch christlicher macht, muss daher auch bezweifelt werden.

Jetzt der nächste Furor. Es wallt das öffentliche Gemüt, weil die zweite und dritte Freiheit betroffen ist: Der Rat zum Gehorsam dem Willen Gottes gegenüber, also freier Umgang mit Macht, und der Rat Jesu zur Armut, also zum freien Umgang mit dem Besitz im Gegensatz zu einem Umgang damit, der aus der Besessenheit mit diesem folgt.

Wir erleben im Mediensturm gerade, wie der katholischen Kirche, einer Hüterin der Stimme Jesu durch die Jahrhunderte hindurch, nun öffentlich nachgewiesen wird, wie einer von ihren Repräsentanten dem Anschein nach taub gegenüber der Stimme seines Herrn war. Von Verrat und Misstrauen ist die Rede, nicht nur, was das Geld angeht; von einem Klima der Angst im bischöflichen Ordinariat in Limburg und unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern höre ich. Das ist schlimm.

Bösartig jedoch scheint mir, weil im Gehabe des Arztes ausgesprochen, die Aussage: Entweder ist der Bischof krank, oder ein Lügner. Wer diagnostisch so klar jetzt redet, muss sich fragen lassen, warum er, obwohl im Untersuchungsraum in letzten Jahren anwesend, nicht früher schon gefunden hat, wovon er jetzt redet.

Die Vertrauenszonen sind verwundet

Die Evangelischen Räte des Gehorsams und der Armut berühren empfindlich die Vertrauenszonen des menschlichen Miteinanders. Wir sind zutiefst zu enttäuschen, wenn Amtsträgern öffentlich nachgewiesen wird, dass sie Vertrauen enttäuscht haben. Und wir wissen, dass nirgendwo durch noch so klare Regel dies irgendwo verhindert werden kann; die Begegnung mit dieser Ohnmacht vor allem ist es, die den maßlosen Furor hervorbringt.

Die Kraft dieses Furors macht mich hellhörig. Vor allem das scheinbar abgemachte Heilmittel. Ohne nun Küchenpsychologie betreiben zu wollen: Ist das „Hinweg mit ihm“ der erwachsene und heilsame Weg zu einem Neuanfang – oder nur Ausdruck eines unreifen Egos, das nicht einsieht, dass es den hervorgebracht hat, den es gerade niedermacht? Wenn „der“ vertrieben ist, ist das Bistum dann geheilt? Die Kirche? Deutschland?

Mit Blick auf die Evangelischen Räte: Es braucht eine Reform des Schutzes des Einzelnen wie der Gruppe und hier eines ganzen Bistums vor den Kräften, denen gegenüber Jesus zur Freiheit rät.

*Konkret: Gehorsam*

Es braucht im kirchlichen Dienstrecht und Synodalrecht eine Wehr gegen falsche Loyalität. Wenn einer etwas für falsch hält, „so wahr ihm Gott helfe“, muss er es nach dem Vorbild des Evangeliums sagen dürfen zunächst im kleinsten, dann im nächstgrößeren usw. bis hin zu einer Synode.

Es braucht eine Kultur der Barmherzigkeit. Der Bischof macht was falsch und sieht es nicht mal ein? Na und. Wir sind Viele, und von Niedermachen steht nichts im Evangelium, wohl von Streit und Zorn, aber bitte im offenen Miteinander. Umkehr und Einsicht schenkt am Ende Gott, und nicht die Mehrheit.

*Konkret: Armut*

Es braucht eine breitere Beteiligung des Gottesvolkes an der Verwaltung des Kirchenvermögens. Wie Vermögensverwaltungsräte in Pfarreien gewählt werden, nämlich zu oft von bei Wahlbeteiligungen zur Pfarrgemeinderatswahl nicht als demokratisch zu bezeichnenden Gremien, muss auf den Prüfstand. Niemand sollte länger als zwei Amtsperioden hintereinander im Amt sein dürfen, sie müssen per Satzung alters- und geschlechterspezifisch besetzt werden. Fachliche Beratung von außen muss darin selbstverständlich werden. Auch hier ist die Loyalitäts- und Geheimhaltungsverpflichtung zu reformieren (s.o.).

Der Verband der Deutschen Diözesen als Finanzverwalter des Kirchensteueraufkommens, muss befragt werden, wie zeitgemäß seine Mitbeteiligungsstrukturen sind mit Blick auf die Laien. Die kirchliche Besoldungsstruktur inkl. Dienstwagenordnung mancher Bistümer muss auf den Prüfstand. Die Verwaltungs- und Baukosten brauchen eine transparentere Strukturierung mit einer aktiveren Öffentlichkeitsarbeit in die Gemeinden hinein.

*Entweltlichung*

Kirche war immer anders. Die „Entweltlichung“ ist ihre beständige Aufgabe in Folge der emanzipativen Kraft der Evangelischen Räte. Was, wenn der „Heilige Vater“ seinen „Heiligen Sohn“ (so nannte Papst Franziskus einen Bischof, der ihn mit „Heiliger Vater” ansprach) den „Heiligen Brüdern und Schwestern“ zurücksendet mit dem Auftrag, mit diesem Menschen und mit all denen, die einander aufgegeben sind in der Ortskirche, hier und heute einen Weg zu finden, neu anzufangen, und Versöhnung zu leben, wie sie die Welt nicht kennt? Barmherzigkeit mit dem, der sie vielleicht nicht verdient: Die Kirche könnte der Gesellschaft ein heilsames Beispiel geben.

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