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„Es ist wichtig, die Grenzen der Musik zu verwischen“

Paul van Dyk hat Stücke des italienischen Komponisten Giuseppe Verdi elektronisch interpretiert – und das Münchner Nationaltheater in einen Dancefloor verwandelt. Mit Julia Korbik sprach der Berliner DJ über musikalische Experimente.

The European: Herr van Dyk, Ihre Musik wird oft als „Trance“ bezeichnet, Sie selbst bevorzugen aber den Begriff „elektronische Tanzmusik“. Sind Kategorien in der Musik wirklich so wichtig?
Van Dyk: Für den einen oder anderen offensichtlich schon.

The European: Wofür?
Van Dyk: Um beurteilen zu können, ob die Musik etwas für jemanden ist oder nicht. Ich muss gestehen: Wenn ich selbst mal in Download- oder Streamingportalen unterwegs bin, dann gucke ich mich auch erst mal in den Kategorien um, die mir gefallen. Jeder hat aber eine andere Definition der unterschiedlichen Stile. So kann es durchaus sein, dass eine Punk-Rock-Band in die Kategorie Heavy Metal einsortiert wird – und ich so diese coole Band niemals finden würde. Darin liegt die Gefahr: Man schließt sich vom Entdeckertum der Musik aus, wenn man sich an Genres klammert.

The European: Die Kategorisierung von Musik ist also eigentlich überflüssig?
Van Dyk: Es gibt ja ganz klare Kategorien. Ich bin da aber eher zwiegespalten und sehe die Grenzen nicht so extrem genau. Die Frage ist, inwiefern verschiedene Titel – beispielsweise in Magazinkritiken – subjektiv eingeordnet werden. Teilweise bin ich unter elektronischer Musik zu finden, teilweise aber auch unter Trance. Und da liegt eben das Problem: Es gibt sie, die musikalischen Unterschiede. Aber wie sie beurteilt werden, ist nicht klar definiert. Und solange es keine objektiven Anhaltspunkte gibt, auf die wir uns einigen können, sollte man einzelne Musikrichtungen unter einem sehr weiten Oberbegriff zusammenfassen.

„Seit drei Jahren klingt alles gleich“

The European: Machen Sie doch einen Vorschlag.
Van Dyk: Geht es beispielsweise mit Gitarren heftig zur Sache, ist das Rockmusik und nicht Punk, Indie Rock oder Heavy Metal. Das Gleiche gilt für elektronische Musik, zu der ja auch zahlreiche Unterkategorien gehören – von aktueller, anglo-elektronischer Popmusik, zu Jean Michel Jarre, bis hin zu Giorgio Moroder oder gegebenenfalls zu mir.

The European: Gerade bei populärer Musik zeigt sich die Vermischung der Musikrichtungen. Elektronische Einflüsse haben es heute beispielsweise schon bis in die Schlagerwelt geschafft.
Van Dyk: Ich habe grundsätzlich nichts dagegen, wenn Leute versuchen, ihr Genre durch Einflüsse anderer musikalischer Stilrichtungen weiterzuentwickeln. Es darf aber nie platt sein. Wenn ich mir den Einfluss von elektronischer Musik auf die normale, radiofreundliche Popmusik ansehe, muss ich leider sagen, dass seit drei Jahren alles gleich klingt – langweilig.

The European: Was bedeutet das für die Musik?
Van Dyk: Das ist der Moment, wenn keine Entwicklung mehr stattfindet. Die Annahme eines Genres führt dazu, dass sich Musik nicht mehr weiterentwickelt. Es werden lediglich erfolgreiche Klänge imitiert.

„Bei klassischer und elektronischer Musik gibt es viele Gemeinsamkeiten“

The European: Ende Juli haben Sie im Münchener Nationaltheater Stücke des italienischen Komponisten Giuseppe Verdi interpretiert, unterstützt von Sängern der Bayerischen Staatsoper und Musikern des Bayerischen Staatsorchesters. Wie war das für Sie?
Van Dyk: Sehr, sehr spannend. Ich habe ja keine Berührungsängste, wenn es um verschiedene Genres geht. Und gerade bei klassischer und elektronischer Musik gibt es viele Gemeinsamkeiten. Bei beiden geht es um Instrumentierung und darum, Emotionen, Energien und Spannungen auszudrücken. Verdi hat viele dieser musikalischen Elemente kreiert und komponiert. So ist er ein typisches Beispiel dafür, dass es gut funktioniert, Kompositionen, die vor vielen Jahren entstanden, heute in einer modernen Version neu zu interpretieren.

The European: Was interessiert Sie an Verdis Musik?
Van Dyk: Wenn man sich das Gesamtwerk anschaut, findet man intensive und spannungsgeladene Momente, aber auch eine losgelassene Fröhlichkeit. Vom schmissigen Refrain bis hin zum Tieftheatralischen ist einfach alles dabei. Wäre Verdi nicht sowieso Thema der Münchner Opernfestspiele gewesen, hätte ich ihn trotzdem ausgewählt.

The European: Wie sind Sie an diese Aufgabe herangegangen? Die Interpretation klassischer Stücke unterscheidet sich ja wahrscheinlich von Ihrer üblichen Arbeitsweise.
Van Dyk: Ich habe schon früher meine Stücke mit großen Orchestern interpretiert. Somit war die Arbeit mit klassischer Musik für mich nichts Neues. Das Interessante an diesem Experiment war aber, dass es nicht darum ging, eine Verdi-Oper elektronisch einzuspielen. Das hätte ich kitschig gefunden, es hätte mich nicht gereizt – ich brauche nicht Bläsersätze oder Streicher durch Synthesizer-Klänge zu ersetzen.

The European: Was wollten Sie stattdessen?
Van Dyk: Mir ging es darum, eine Tanzveranstaltung zu machen und die Oper in einen Club zu transferieren. So wollte ich das Positive, das energetisch Geladene eines Clubs mit Verdis Kompositionsreichtum verbinden. Das war natürlich eine Herausforderung: Einerseits musste ich aus den zahlreichen Verdi-Kompositionen Elemente heraussuchen, die im Einklang mit meiner Musik waren, die denselben Vibe hatten. Andererseits musste ich meinen Viervierteltakt mit Verdis Dreivierteltakt vereinbaren, was nicht ganz einfach war. Aber die Leute waren fasziniert, wir hatten Spaß, und so war das Experiment durchaus erfolgreich.

„Die Leute hatten Gänsehaut“

The European: Auf der Seite der Bayerischen Staatsoper fand sich ein Warnhinweis: „Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass die Bühne des Nationaltheaters kein klassischer Dancefloor ist und deshalb einige Unebenheiten aufweist. Deshalb bitten wir Sie, auf das Tragen von High Heels und ähnlichem Schuhwerk zu verzichten.“ War es trotzdem eine wilde Party?
Van Dyk: Tatsächlich ist die Bühne des Nationaltheaters kein klassischer Dancefloor. Aber durch die ganzen technischen Möglichkeiten der Oper konnten wir zum Beispiel Podeste aufbauen. Dennoch wäre man wohl mit High Heels stecken geblieben, daher war die Warnung gerechtfertigt. Aber der Abend verlief in der Tat so, wie ich es aus dem Club kenne.

The European: Nämlich?
Van Dyk: Die Leute haben gejubelt! Durch die spezielle Aufführung haben wir immer wieder diese magischen, reinen Verdi-Momente geschaffen. Die Leute hatten Gänsehaut, und aus dieser Spannung des Moments entwickelte sich wieder die Energie des Elektronischen heraus. So entstand die Spannung des Abends.

The European: Bei dem Projekt ging es um das Überwinden von Grenzen. Nur musikalische Grenzen oder auch andere?
Van Dyk: Macher – ob Musiker oder Intendant – überschreiten Grenzen häufig sehr viel offener als Radikalfans. So kamen auch die Leute der Staatsoper auf mich zu und haben mir einen kreativen Freiraum geschaffen. Sie haben die Herausforderung angenommen, die elektronische Musik – die von der kleinen Subkultur zur größten Musikkultur der Welt herangewachsen ist – zu integrieren. In dieser Hinsicht habe ich also keinerlei Grenzen erfahren: Vom Intendant bis hin zum Techniker standen alle hundert Prozent hinter dem Projekt.

The European: Und die Grenzen in der Musik?
Van Dyk: Meiner Meinung nach ist es wichtig, solche Grenzen zu verwischen. Klar, es war ein Experiment. Zu Beginn des Abends wusste ich nicht, wo die Reise hingeht.

„Die Musikkultur ist global geworden“

The European: Klassische Musik von Mozart und Co, wie wir sie heute kennen, wurde von den Künstlern damals als Unterhaltungsmusik komponiert. Sie war Pop. Hat klassische Musik immer noch diesen Entertainment-Charakter?
Van Dyk: Es gibt sicherlich Elemente und Akkorde in der Klassik, die auch in jeden großen Popsong passen würden. Auf der anderen Seite ist es aber schon so, dass die klassische Musik heute etwas Elitäres hat. Es war auch das Ziel der Bayerischen Staatsoper, dieses Bild aufzuweichen und Leute mit etwas komplett Neuem zu konfrontieren.

The European: Was macht die klassische Musik so einzigartig?
Van Dyk: Die gesamte Soundstruktur. Wenn man nur vom Produktionsfaktor ausgeht, versuchen wir, die quietschigen Frequenzbilder der oberen Mitten wegzulassen. Das klassische Orchester hat diese Volumen aber, da steckt eine ganz andere Klangkultur dahinter. Wenn man mal als Musiker das Glück hatte, mit einem Orchester zusammenzuarbeiten, merkt man, was für eine Wucht dahintersteckt. Das sind dann Gänsehaut-Momente. Wobei ich sagen würde, dass elektronische Musik diese Momente auch hat. Ich zumindest habe genau so einen mehr als einmal die Woche.

The European: Sie stammen aus Berlin, wo damals die Musik-Revolution begann, die sich „Techno“ nannte. Wie sieht es heute aus: Ist Berlin noch kreativ? Gibt es hier noch Inspiration?
Van Dyk: Mittlerweile ist es egal, ob man aus Berlin, London oder New York kommt. Die Musikkultur ist global geworden. Oft weiß ich gar nicht, woher die Musik kommt, die ich gerade höre. Berlin ist aber durchaus eine sehr kreative Stadt. Wenn ich durch die Stadt radle, bin ich immer wieder fasziniert und entdecke neue Dinge, obwohl ich hier seit 35 Jahren lebe. Es ist der quirlige Vibe, der Berlin so besonders macht. Und in dieser Spannung liegt eine große Inspirationsquelle – egal ob für Musik, Theater oder Kunst.

The European: Haben Sie den Eindruck, dass die Menschen heute überhaupt noch in einen Club gehen, um ihren Star-DJ zu sehen?
Van Dyk: Es gibt sicherlich Veranstaltungen, zu der die Leute gehen, weil ein bestimmter Künstler oder DJ dort spielt. Doch mit dem steigenden Tourismus in der Stadt geht einher, dass viele Leute einfach im Berghain landen, weil es das Berghain ist – ohne zu wissen, wer dort spielt.

The European: Ist es so schlimm?
Van Dyk: Nein. Trotzdem haben wir natürlich eine sehr vitale Musikkultur, die davon lebt, dass Fans explizit ihren Künstler aufsuchen und hören wollen.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 4/2013 des „The European“ enthalten

Darin finden Sie u.a. warum das Geheimnis bedroht ist – mit Folgen für Politik, Gesellschaft und jeden Einzelnen. Was uns in einer Welt absoluter Transparenz blüht, debattieren u.a. Sir David Omand (ehem. Direktor des britischen Nachrichtendienstes) und Internet-Legende John Perry Barlow. Weitere Debatten: die Sonderrolle Bayerns, Schlager-Republik Deutschland und der Stellenwert politischer Freundschaft. Dazu Gespräche mit Neelie Kroes, Edmund Stoiber, Matthias Schweighöfer und Florian Silbereisen.

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