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„Als die Mauer fiel, hatte ich einen Kloß im Bauch“

Seit beinahe zwei Jahrzehnten gehört der deutsche DJ Paul van Dyk zu den erfolgreichsten Techno-Interpreten der Welt. Im Interview mit The European spricht er über seine Mauerfallhymne “We are One”, seinen Ärger über die Linkspartei und die Jugenderfahrungen mit der Wiedervereinigung. Das Gespräch führte Constantin Magnis.

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The European: Herr van Dyk, zur Feier des Mauerfalljubiläums haben Sie am Brandenburger Tor der Welt ihre Wiedervereinigungshymne “We are One” vorgespielt. Zum Publikum gehörten auch Angela Merkel, Medwedew, Hillary Clinton und diverse Nobelpreisträger. Hat man es als DJ geschafft, wenn man die Kanzlerin zum rhythmischen Kopfnicken bewegt?
van Dyk: Na ja, das würde ich mal nicht überbewerten. Ganz ehrlich: Mir ging es da wirklich weniger um die anwesende Prominenz und mehr um den Moment. Denn der hatte für mich als Kind der DDR schon eine andere Bedeutung als für irgendeinen Europäer, der das vor dem Fernseher verfolgt hat.

The European: In “We are One” ist von der “one sun” die Rede, die uns alle bescheint, davon, Brücken mit Liebe zu bauen, und von einem “glorious thought”. Viele Menschen empfinden die Wiedervereinigung weniger sonnig und erhebend.
van Dyk: Also der Text bezieht sich eigentlich auf mehr als nur die Wiedervereinigung. Die steht ja auch symbolisch für die Liberalisierung des kompletten osteuropäischen Kontinents. Und durch die viele Herumreiserei ist mir klar geworden: Besser als die Demokratie wird’s nicht. Insofern ja, das Ganze ist ein “glorios thought”. Aber natürlich können und müssen wir vieles besser machen. Und ich würde mir von der Politik wünschen, dass sie die Probleme, die durch die Wiedervereinigung entstanden sind, mehr anpackt. Man darf das Feld nicht unsäglichen Polemikern wie Gysi oder Lafontaine überlassen.

The European: Verraten Sie uns, was Sie gewählt haben?
van Dyk: Die SPD.

“Wäre die Mauer eine Woche früher gefallen, hätten wir nicht alles verloren”

The European: Sie haben den Mauerfall als Jugendlicher miterlebt. Können Sie sich noch erinnern, was Sie gemacht haben, als die Nachricht kam?
van Dyk: Klar, ganz genau. Ich war in Hamburg, weil wir genau eine Woche vor dem Mauerfall aus der DDR ausgereist sind. Wir haben Fernsehen geguckt, und auf einmal lief unten so ein Newsticker durch, dass die Mauer jetzt offen war. Für uns war damit klar, dass die DDR sich auflösen würde …

The European: Und Sie haben gejubelt oder gegrübelt oder was?
van Dyk: Also, als dann auf einmal im Minutentakt Freunde anriefen, hat uns dann irgendwann auch die Euphorie gepackt. Aber am Anfang? Nachdem wir erst eine Woche vorher ausgereist waren, hatten wir alle schon auch kurz einen Kloß im Bauch. Wäre das Ganze eine Woche eher passiert, hätten wir nicht alles verloren. Dann hätten wir zumindest noch eine Wohnung, ein Zuhause gehabt. Stattdessen durften wir jeder nur einen Koffer und den Hund mitnehmen, mehr besaßen wir nicht.

“Für meinen kleinen Hund habe ich wirklich gekämpft”

The European: Was haben Sie in den einen Koffer gepackt, den Sie damals in den Westen mitnehmen durften?
van Dyk: In solchen Momenten ist man überraschenderweise ziemlich pragmatisch. Damals stand der Winter vor der Tür, also habe ich nicht meine Lieblingscomicheft-Sammlung mitgenommen oder ein Fotoalbum, sondern Klamotten für die kalten Temperaturen. Ich habe deswegen auch relativ wenige Sachen aus den ersten 17 Jahren meines Lebens. Das Persönlichste, was ich mitnehmen durfte, war mein kleiner Hund, eine Mischung aus Terrier und Schnauzer. Für den habe ich wirklich gekämpft. Alles andere musste ich dalassen.

The European: Heute legen Sie überall auf der Welt Platten auf. Es gibt eine Statistik, laut der Sie allein im Jahr 2006 insgesamt 792 Stunden im Flugzeug verbracht haben und 16-mal um die Welt geflogen sind. Ist die Berufswahl als Jetsetter ein Produkt der freiheitlichen Schlüsselerfahrung nach der Maueröffnung?
van Dyk: Nee, ich bin da ja eher durch Zufall in den Job als internationaler DJ reingerutscht. Eine große Zigarettenmarke hat eine deutsche Nacht auf einer New Yorker Musikmesse veranstaltet, der DJ fiel kurz vorher aus, und ich war der Ersatzspieler. Nach dem Set kamen auf einmal lauter New Yorker Szene-Größen und wollten mich zu ihren DJ-Agenturen schleppen. Und auf einmal war ich einer der regelmäßigen Gast-DJs im berühmten “Disco 2000” in New York, bevor ich überhaupt in Berlin Fuß gefasst habe.

“David Bowies verfreakter Kram hat mich fasziniert”

The European: Als Sie in Berlin anfingen aufzulegen, war die Stadt noch die Wiege des elektronischen Undergrounds. Gibt es heute noch eine Stadt, in der auf dem Gebiet wirklich aufregende, neue Sachen passieren?
van Dyk: Also, eines muss man ja grundsätzlich mal feststellen: Aus dieser Undergroundkultur, die Techno früher einmal war, ist heute die größte Jugendbewegung der Welt geworden. Sie können hinfahren, wo sie wollen, überall gibt es Massen, die Techno lieben. Spätestens seitdem das Internet als Kommunikationstool innerhalb der Szene eingesetzt wird, gibt es deshalb auch diesen einen Ort, der als kreative Keimzelle die ganze Szene füttert, nicht mehr.

The European: Heute sind Sie, sagt man, der erfolgreichste Discjockey der Welt, das DJ Magazine hat Sie zum zweiten Mal zum “World’s No. 1 DJ” gewählt. Hat man aus der Position heraus noch Vorbilder?
van Dyk: Irgendwie hatte ich die nie so richtig, vielleicht weil ich im Osten ohne Magazine, Zeitschriften oder MTV groß geworden bin. Dadurch ging es mir immer eher um die Musik als die Interpreten. Und natürlich gab es Leute, die mich fasziniert haben, David Bowie zum Beispiel, weil er es geschafft hat, seichtesten Pop genauso authentisch rüberzubringen wie völlig verfreakten Kram. Aber das hat ihn für mich nie zum Vorbild gemacht. Wenn ich ins Studio gehe, dann habe ich eine Idee, und die will ich umsetzen. Wenn ich am Ende das höre, was ich davor im Kopf hatte, dann bin ich zufrieden.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Brigitte Sändig: „Man kann Camus nicht einfach konsumieren“

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