Deutschland ist nicht Stalingrad, die CSU ist nicht die Wehrmacht, und die Einwanderer sind nicht die Rote Armee. Dieter Janecek

Wie die Rechten die Wahrheit verbiegen

Die Theologin Margot Käßmann hat beim Kirchtentag die AfD kritisiert. Deren Politiker drehten ihr die Worte im Mund um: Alle Deutschen sind Nazis, soll Käßmann angeblich gesagt haben. Das will die Ex-Bischöfin nicht auf sich sitzen lassen.

Der 36. Evangelische Kirchentag stand am Wochenende in Teilen im Zeichen des Rechtspopulismus. „Darf ein Christ in der AfD sein?“ war zum Beispiel eine Frage, die bei dem Treffen der deutschen Protestanten diskutiert wurde. Für die Theologin Margot Käßmann scheint die Antwort auf diese Frage klar zu sein: Mit deutlichen Worten kritisierte sie am Donnerstag die rechtspopulistische Partei.

Käßmann: „Da weiß man, woher der braune Wind wirklich weht“

Vor allem mit der Familienpolitik der AfD ging sie hart ins Gericht. Diese habe ein Ziel, sagte Käßmann: „Frauen sollen Kinder bekommen, wenn sie ‚biodeutsch’ sind.“ Als Beleg zitierte die Theologin aus dem AfD-Grundsatzprogramm, in dem „eine höhere Geburtenrate der einheimischen Bevölkerung“ gefordert wird.

„Das ist eine neue rechte Definition von ‚einheimisch’ gemäß dem so genannten kleinen Arierparagraphen der Nationalsozialisten“, sagte Käßmann, „zwei deutsche Eltern, vier deutsche Großeltern. Da weiß man, woher der braune Wind wirklich weht.“

AfD-Politiker treten „Shit Storm“ los

Die Aussage sorgte wenig später für eine Welle der Empörung im Internet. Bereitwillig griffen Anhänger und Funktionäre der AfD die Worte der ehemaligen Bischöfin auf – allerdings verfremdeten sie das Zitat, rissen es aus dem Zusammenhang und ließen Teile davon kurzerhand unter den Tisch fallen. Stehen blieb ein Vorwurf, den Käßmann im Nachhinein „lächerlich und absurd“ nannte: die Theologin habe angeblich alle Deutschen als Nazis abgestempelt, lautete die Beschwerde aus den Reihen der Rechtspopulisten. Ein klassischer Fall von „Fake News“ – eine Falschmeldung.

AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen, der als Professor die korrekte Wiedergabe eines Zitats eigentlich beherrschen müsste, schrieb auf Twitter: „Bischöfin Käßmann beleidigt Millionen Deutsche als Nazis“. Die AfD-Europapolitikerin Beatrix von Storch legte Käßmann auf Twitter die folgenden Worte in den Mund: „wer ‚2 deutsche Eltern u 4 deutsche Großeltern hat ist Nazi.’“ Die ehemalige CDU-Politikerin Erika Steinbach stimmte ein in den Chor der empörten Bürger und veröffentlichte auf Twitter ein Bild mit der Überschrift „Frau Käßmanns linksfaschistische Ergüsse im Namen der Kirche…“

Die rechte Presse mischt mit

Auch neurechte Webseiten wie die „Achse des Guten“ beteiligten sich an der Online-Kampagne gegen Margot Käßmann. Der Publizist Henryk M. Broder bescheinigte der ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) „Rassismus pur“. Käßmann habe die Behauptung „Man wird als Nazi geboren“ aufgestellt, schrieb er – offenbar ohne die Äußerungen der Theologin zu überprüfen. Auch die Webseite „Epoch Times“ habe sich an der Kampagne beteiligt und damit rund 14.000 Interaktionen auf Facebook und Twitter eingesammelt, berichtet der Branchendienst „Meedia“. Der entsprechende Artikel ist jedoch später „wegen Ungenauigkeit überarbeitet“ worden, wie die Redaktion von „Epoch Times“ auf ihrer Seite erklärt. Vielleicht liegt das an der Ankündigung Margot Käßmanns, rechtlich gegen die Verbreitung des falschen Zitats vorzugehen. AfD-Chefin Frauke Petry sprach daraufhin auf Twitter sogleich von „Zensur“.

Dass Margot Käßmann weder der Zensur das Wort redet noch alle Deutschen als Nazis bezeichnet hat, scheint für die Rechtspopulisten der AfD keine Rolle zu spielen. Selbst sehen sie sich hingegen gerne als Opfer der „Lügenpresse“, deren Aussagen vom medialen Mainstream dauernd verfälscht würden. Diesen Vorwurf, das zeigt der Umgang mit Margot Käßmann nun, müssen sich die Rechtspopulisten jedoch selbst gefallen lassen. Selbst die AfD-Spitze scheint nicht viel von ihrem eigenen Leitspruch zu halten – der lautet: „Mut zur Wahrheit“.

Quelle: vorwärts

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Paul Sailer-Wlasits, Eva-Maria Dempf, Dietmar Bartsch.

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