Die Sehnsucht nach Freiheit hat die Angst der Menschen schrittweise besiegt. Joachim Gauck

„Auch Männer dürfen weinen“

Vor drei Jahren wurde Paul Potts in einer Castingshow über Nacht weltberühmt. Seitdem hält der Erfolg an, gerade erschien seine neue Platte “Cinema Paradiso”. Mit Nina Klotz sprach er über die versteckten Schönheiten Deutschlands und die Faszination klassischer Musik.

The European: Herr Potts, auf Ihrer aktuellen Platte singen Sie – wieder einmal – auch auf Deutsch. Warum? Macht Deutsch Spaß?
Potts: Ich habe früh angefangen, deutsche Musik zu hören und zu singen. Deutsche Musik spielt eine große Rolle. Denken Sie doch etwa an Händel, der seinerzeit die Musikszene in London beeinflusst hat wie kaum ein anderer. Es ist immer eine große Herausforderung für mich, auf Deutsch zu singen. Manchmal passiert es mir, dass sich Wörter einschleichen, die gar nicht zum Text gehören. Oder in “Dein ist mein ganzes Herz” aus der Operette “Land des Lächelns” singe ich immer “Blüme” statt “Blume”. Deswegen habe ich schon unzählige E-Mails und Twitternachrichten von deutschen Fans bekommen, die meckern: “Es heißt Blume, nicht Blüme!” – aber für mich hört sich das völlig gleich an.

The European: Deutsch ist ja auch eine recht komplizierte Sprache.
Potts: Ja, und das obwohl ich in der Schule fünf Jahre lang Deutsch gelernt habe. Ich hätte sogar einmal die Möglichkeit gehabt, für einen Schüleraustausch nach Koblenz zu gehen, aber meinen Eltern fehlte das nötige Geld und mein Vater war zu stolz, das Stipendium, das mir die Schule bewilligt hätte, anzunehmen. Mein allererster Deutschlandbesuch fand deshalb erst 2007 statt, da kam ich nach Hamburg. Bis dahin kannte ich Deutschland nur aus Büchern, und wie Sie sich vorstellen können, war das nicht das echte Deutschland.

“Es gibt in Deutschland so viel versteckte Schönheit”

The European: Wie ist denn das “echte” Deutschland in Ihren Augen?
Potts: Am meisten staune ich wohl immer noch, wie vielfältig und unterschiedlich die einzelnen Teile Deutschlands sind. Mittlerweile war ich an Orten, von denen ich nie zuvor gehört habe. Und es sind wahrhafte Juwelen darunter gewesen: Weimar zum Beispiel finde ich eine wunderschöne Stadt. Oder Gotha. Und Regensburg. Hinreißend! Einer der schönsten Orte der Welt, würde ich sagen. Ich erinnere mich noch, wie wir über Nacht von Bremen den ganzen Weg im Bus nach Regensburg gefahren sind. Wir kamen so um halb sieben an, und es war ein herrlicher Morgen. Wie die Donau sich da entlangschob und die Häuser am Ufer … – mir ist fast der Atem stehen geblieben. Das sah aus wie im Märchen. Ich finde, es gibt viele solche versteckten Schönheiten in Deutschland, vor allem wohl im Osten, wo einfach kaum Touristen hinkamen, bevor die Mauer fiel. Auch die Deutschen haben viele Ortschaften dort noch nicht entdeckt, glaube ich.

The European: Und was ist mit den Deutschen selbst? Auch eine positive Überraschung für einen Engländer?
Potts: Ich empfinde Deutsche stets als überaus höflich. Dagegen sind wir Briten glaube ich viel direkter. Und ich möchte ein großes Lob auf die Esskultur der Deutschen aussprechen. Ich liebe zum Beispiel Ente und ich finde, nirgendwo auf der Welt kann man so gut Ente essen wie in Deutschland. Man bekommt das hier auch überall, in jedem Restaurant ist mindestens ein Entengericht auf der Karte. Fantastisch! Außerdem gibt es ja unglaublich viele vorzügliche Wurstsorten – Bratwurst ist längst nicht alles! Die hervorragenden Biersorten sollte ich wohl auch noch erwähnen. Das Berliner Bier zum Beispiel finde ich sehr mild, es ist nicht so stark wie andere Sorten und hat eine süße Note, die mir sehr gefällt.

The European: Vor drei Jahren wurden Sie mit Ihrem Auftritt bei “Britain’s Got Talent” über Nacht berühmt. Ihr Erfolg hält sich konstant, was, wenn man ehrlich ist, bei den wenigsten Castingshowentdeckungen der Fall ist. Inzwischen haben Sie auch einmal die Seiten gewechselt und sind als Coach in einer Castingshow aufgetreten. Was haben Sie den Teilnehmerinnen mit auf den Weg gegeben?
Potts: Man muss so viel wie möglich aus der Sendung mitnehmen. Auch wenn die Show nicht unmittelbar zum Erfolg führt, kann man auf dem Weg dorthin viel lernen. Ich weiß, das klingt ein wenig ausgelutscht. Aber selbst wenn man feststellt, dass man nicht für die Bühne gemacht ist, kann man Dinge lernen, die einem in anderen Bereichen des Lebens weiterhelfen. Und: Der größte Fehler, den du als Castingshowkandidat machen kannst, ist, an den Hype um dich zu glauben und gar anzunehmen, dass das so bleibt. Du kannst dich niemals auf deinen Erfolg verlassen. Im einen Augenblick bist du noch der heißeste Star überhaupt und im nächsten langweilen sich die Leute und haben genug von dir.

“Man darf nicht an den Hype glauben”

The European: Wieso ist das gerade bei den Castingstars so, wieso sind die zum großen Teil so schnell wieder vergessen?
Potts: Seine Karriere in einer Castingshow anzufangen ist der schnellste Weg nach oben, den man wählen kann. Man muss sich dabei aber im Klaren sein, dass man in diesen Sendungen nicht danach beurteilt wird, wie gut man als Musiker ist, sondern danach, wie gut man beim Publikum ankommt. Und das kann man schlecht kontrollieren. Es geht einfach nur um die Verbindung vom Künstler zum Publikum. Es geht darum, dass die Leute sich mit dir identifizieren können. Genau deshalb ist es ja auch so wichtig, nicht an den Hype zu glauben. Denn sobald du das tust, fängst du unbewusst an zu denken, dass du besser bist als die anderen, dass du etwas hast, was sie nicht haben. Das kann dich schnell unglaublich arrogant wirken lassen.

The European: Aber wie gesagt: Ihr Erfolg dauert seit mehr als drei Jahren an. Wie machen Sie das, was ist der Trick dabei?
Potts: Mir sagen Journalisten oft, es läge an meinem Genre: “Du musst dir keine Sorgen machen, deine Art von Musik werden die Menschen immer mögen.” Aber ich glaube das nicht. Niemals! Ich weiß nicht, was es ist. Ich habe einfach Freude daran, zu singen, und vielleicht merkt man mir das an. Aber so richtig sagen kann man wohl nicht, woran es liegt, dass die Leute mich weiter mögen. Und ich glaube, wenn man verstehen und genau aufdröseln könnte, wie die emotionale Bindung zwischen mir und dem Publikum entsteht, würde es nicht mehr funktionieren. Wenn man wüsste, was dieser “X-Factor” ist, der einen Künstler erfolgreich macht, wäre er wertlos. Es ist eben so etwas Unbestimmtes. Klar ist nur, dass man es nicht erzwingen oder erarbeiten kann, es muss von ganz alleine kommen.

The European: Vielleicht ist es ja die Tatsache, dass Sie die Menschen ins Herz treffen mit Ihrer Musik und so viele zum Weinen bringen, wenn Sie singen?
Potts: Ganz ehrlich weiß ich ja selbst nicht einmal, warum Musik einen so anrühren kann, dass man weinen muss. Denn wenn man mal ganz ehrlich ist, sind es doch nur 13 Noten. Und diese 13 Noten können Grenzen überwinden. Das ist doch unfassbar. Sieben weiße und fünf schwarze Tasten, das ist alles. Ich habe eine DVD von “La Bohème”. Die habe ich schon tausendmal gesehen und neulich habe ich sie geschaut, als ich mit meiner Frau im Zug von Wales nach London saß. Sie saß mir gegenüber und plötzlich sah sie, wie mir die Tränen herunterliefen. Sie also: “Du schaust schon wieder ‘La Bohème’ in der Öffentlichkeit. Tu das nicht! Das ist echt peinlich!” (Er lacht.) Es passiert jedes Mal, wenn ich diese Musik höre. Ich kann nicht sagen, warum, vermutlich bin ich einfach nur ein sehr emotionaler Mensch.

The European: Dürfen Männer denn nicht weinen?
Potts: Doch, ich finde Männer dürfen weinen. Sollten sie vielleicht sogar. Männer neigen dazu, zu viel in sich hineinzufressen. Das macht sie bisweilen aggressiv. Demnach denke ich, wäre es sehr gesund, zu weinen und Gefühle offen zu zeigen. Ich finde, dass macht einen Mann noch viel mehr zum Mann.

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