Die Bürger halten es schon aus, wenn man ihnen reinen Wein einschenkt. Wolfgang Schäuble

Fromms statt fromm

Warum ereifern wir uns über den päpstlichen Nebensatz zu Kondomen? Im entscheidenden Moment wird sich kaum jemand auf kirchliche Verbote berufen. Und auch die HIV-Problematik ist jetzt nicht vom Tisch gewischt. So allmächtig ist dann selbst der Papst nicht.

papst-benedikt-xvi praeventionsmaßnahmen

Dass Kondome eine eklige Angelegenheit sind, sowohl in erotischer, ästhetischer, taktiler, kulinarischer oder welcher Hinsicht auch immer, muss hier nicht vertieft werden. Das weiß jeder Mann und jede Frau. Dazu muss man nicht einmal auf einer dieser gefüllten Scheußlichkeiten ausgerutscht sein. Dass zweitens das Überstreifen eines “Parisers” über einen erigierten Penis mitten im Liebesakt – und zwar allen falschen Werbe- oder Heilsversprechen zum Trotz (wie “gefühlsecht”, “Himbeergeschmack”, “geschützter Verkehr” et cetera et cetera) ein existenzieller Schritt human-kreatürlicher Entfremdung ist, auch darüber soll hier kein weiteres Wort verloren werden.

Ohne ist immer schöner

Besser und schöner ist der Geschlechtsverkehr jedenfalls immer ohne dieses Scheißgummi, am besten und “sichersten” mit dem eigenen Ehemann und der eigenen Ehefrau – sofern die beiden treu sind. Dies ist in etwa, wenn ich da nichts falsch verstanden habe, grosso modo das, was auch die katholische Kirche lehrt und worauf die Päpste seit Jahrzehnten mit bewundernswerter Sturheit gegen alle wechselnden Wellen des Zeitgeists beharren – und inzwischen auch gegen eine immer übermächtigere Lobby der Kondompolizei, die schon einen internationalen Haftbefehl gegen Benedikt XVI. ausstellen wollte, weil er im März 2009 auf seinem Flug nach Kamerun gewagt hatte zu sagen, “dass man das Aidsproblem nicht allein mit Werbeslogans oder mit der Verteilung von Präservativen bewältigen” könne.

Volkshygienisch ist diese Auffassung sinnvoll, wie die Statistiken des afrikanischen Beispiels zeigen, wo es etwa in Swasiland (mit 5 Prozent Katholiken in der Bevölkerung) 43 % Aidsinfizierte gibt und in Uganda (mit 36 % Katholiken) nur 4 %. – In Washington D.C., wo Kondome umsonst verteilt werden, ist die Ansteckungsrate inzwischen höher als in Westafrika. Dies vorab. Als kaum realistisch darf danach die Vorstellung von einem Katholiken oder einer Katholikin verstanden werden, der oder die gerade einmal die Ehe bricht und/oder ein Bordell aufsucht und dabei im entscheidenden Moment plötzlich sagt: “Nein, kein Kondom bitte. Ich bin doch katholisch.” Oder welchem Afrikaner auf dem schwarzen Kontinent mag es wohl im entscheidenden Moment in den Sinn kommen zu sagen: “Was, ein Kondom? Um Himmels willen, nein! Der Papst hat es doch verboten.”

Kein Papst kann Kondome verbieten

Diese Vorstellung ist einfach nur irrsinnig. Kondome benutzt jeder und jede, der und die es will. Kein Papst kann das verbieten. Daran kann auch die geballte Wehrkraft ihrer Schweizer Garde nichts ändern. An nichts anderes hat nun auch Papst Benedikt XVI. wieder erinnert, als er in seinem Interviewbuch mit Peter Seewald – auf S. 146. – auf die Selbstverständlichkeit zu sprechen kam. Mit eingeübt gefühlsechtem Entsetzen oder Entzücken hat sich aber dennoch die gesamte Medienwelt wieder zunächst auf diese Beiläufigkeit gestürzt, seit sie am Samstag publik wurde. Bei der Pressekonferenz, in der das aufregende Dialogbuch am Dienstag der Weltöffentlichkeit vorgestellt wurde, herrschte ein Andrang wie seit dem Tod Johannes Paul II. nicht mehr. In großer Mehrzahl konzentrierten sich alle Fragen aber dennoch immer nur auf das kleine Gummi, bis endlich Peter Seewald selbst das Wort dazu ergriff. Stimmt, sagte er, die katholische Kirche stecke in einer großen Krise. Das wisse nun jeder. Auch die Gesellschaft stecke in einer Krise. Wer wisse das nicht? Nun müsse aber auch endlich einmal von der Krise des Journalismus gesprochen werden, wenn die Welt am Abgrund stehe, der Papst wie nie zuvor dazu Auskunft gebe – und seine Kollegen ihn dennoch immer nur neu danach fragten, wie er es mit dem Kondom halte. Dem ist nur noch das Buch selbst hinzuzufügen. Es heißt “Licht der Welt” und wird in jeder Buchhandlung vorrätig sein. Am besten sollte es auch in Apotheken vorrätig sein.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ludwig Ring-Eifel, Kerstin Porzner, Ludwig Ring-Eifel.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Papst-benedikt-xvi, Praeventionsmaßnahmen

Debatte

Der Staat wird gezielt geschwächt

Medium_442bd25b61

Schwacher Staat mit Ansage

Das Lamento vom bevormundenden Nannystaat ist falsch. Viele Regelungen sind sinnvoll – und wo der Staat schwach ist, ist seine Schwäche gewollt. weiterlesen

Medium_9bd25817d5
von Diana Golze
23.10.2014

Debatte

Maßnahmen zum Schutz vor der Flut

Medium_5d20874d51

Wenn der Pegel steigt

Dresdens Altstadt wird in den kommenden Jahren sicherlich nicht auf einen Hügel umgepflanzt. Dennoch müssen Maßnahmen eingeleitet werden, die in Relation zum Wert des Schutzgutes stehen. Passiert d... weiterlesen

Medium_c02cc18be6
von Arnold Vaatz
27.06.2013

Debatte

Beteiligung an Kosten für Komatrinker

Medium_8eae5c00a6

Wohl bekomm’s

Der CDU-Politiker Jens Spahn fordert, Eltern von Komatrinkern an den Behandlungskosten zu beteiligen. Richtig so, denn Veränderungen im Verhalten setzen erst ein, wenn man die Folgen spürt. weiterlesen

Medium_be68c34575
von Albert Wunsch
19.02.2013
meistgelesen / meistkommentiert