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Die Würde des Menschen ist ungeklärt

Man kann das Pferd nicht von hinten aufzäumen: Wer nicht grundlegend klärt, was die Menschenwürde ausmacht, der kann sich in der aktuellen PID-Debatte nicht auf sie berufen und weitreichende Entscheidungen treffen.

„Zieht ein Bienenschwarm aus, so wird er herrenlos, wenn nicht der Eigentümer ihn unverzüglich verfolgt oder wenn der Eigentümer die Verfolgung aufgibt.“ (BGB, § 961). Gut, dass das geklärt ist. Weit wichtigere Dinge sind im deutschen Rechtsstaat noch immer ungeklärt. Die deutsche Rechtssprechung erstickt in Paragrafen und Definitionen, doch sie teilt uns immer noch nicht mit, was der Begriff „Menschwürde“ überhaupt bedeuten soll. Und die aktuelle Debatte um die PID benötigt genau das: eine exakte Definition der Menschenwürde. Denn in den Medien und im Bundestag fliegt einem dieser Begriff im Sekundentakt um die Ohren – und jeder verwendet das Wort, wie es ihm gefällt. Zur Debatte steht die PID. Bevor die Volksvertreter in dieser bedeutenden Frage eine Entscheidung fällen, sollten sie die fundamentale Bedeutung von Artikel 1 des Grundgesetzes festlegen – in einem ergänzenden und verbindlichen Gesetzestext. Ansonsten versucht man ein Kartenhaus zu bauen, indem man zuerst die Spitze statt das Fundament errichtet.

Was meint Würde?

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Worauf zielt dieser Satz ab? Der Philosoph Immanuel Kant übte zweifelsohne den größten Einfluss auf unseren modernen Würde-Begriff aus. Kant unterscheidet zwischen Dingen, die einen Preis und einen Wert haben. Ein Kugelschreiber oder ein Autoreifen sind austauschbar: Sie haben nichts sonderlich individuelles an sich, ihr Wert lässt sich in Euro oder Dollar angeben und sie lassen sich für unsere Ziele instrumentalisieren. Ein Mensch aber hat keinen Preis, sondern einen Wert: Seine Existenz lässt sich durch nichts in der Welt ersetzen und deshalb hat ein Mensch ein gegen nichts abzuwägendes Recht als Individuum zu existieren. Ein Mensch ist also kein austauschbares Gut, sondern einmalig – und deshalb hat er eine Würde. Im englischen Wort für Würde („dignity“), das vom lateinischen dignitas („Wert“) stammt, ist die ursprüngliche Bedeutung noch zu erkennen.

Der Würde-Begriff geht noch einen Schritt weiter. In Kants etwas angestaubten Worten: „Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ Im Alltag bedeutet das: Wir verletzten die Würde eines Menschen, wenn wir ihn für unsere eigenen Ziele instrumentalisieren. Natürlich machen wir das tagtäglich, wenn wir die Dienste eines Taxifahrers oder Rechtsanwalts in Anspruch nehmen. Der springende Punkt ist das „niemals bloß“. Wir müssen unseren Mitmenschen mit Respekt begegnen, ihre Entscheidungsfreiheit tolerieren und ihr Lebensrecht würdigen.

Wann ist ein Mensch ein Mensch?

„Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie“, wie der Psychologe Kurt Lewin treffend feststellte. Zuerst sollten die Volksvertreter den Würde-Begriff dahingehend klären, dass sie die Einmaligkeit, die Unverletzlichkeit und den Wert des Lebens festschreiben. Erst dann kann man über die PID und ihre Anwendung diskutieren. Und erst dann kann man sich präzise mit einer weiteren entscheidenden Frage beschäftigen: Wann ist ein Mensch ein Mensch? Als potentieller Mensch in der Eizelle und im Spermium? Als befruchtete Eizelle? Nach 14 Wochen Schwangerschaft? Oder erst mit der Geburt? Mögen die Gesetzgeber hier den gleichen Elan an den Tag legen wie bei den Bienenschwärmen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Birgit Kelle, Carola Reimann, Michael Schmidt-Salomon.

Leserbriefe

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