Nur Kinder, Narren und sehr alte Leute können es sich leisten, immer die Wahrheit zu sagen. Winston Churchill

Lasst die Kirche im Himmel

Wir leben in einer klerikalen Demokratie. Die Kirche verputzt zig Extrawürstchen und verbietet uns den Mund, wenn’s ums Lästern geht. Zeit, die Kirche auf Diät zu setzen.

In der Bundesrepublik gibt es einen exklusiven Club, dem niemand an den Karren fahren will. Dieser Club genießt den Luxus, von der Umsatz- und Erwerbsteuer befreit zu sein, außerdem zahlt er auf sein gigantisches Vermögen und dessen ebenso gigantische Zinsen keine Kapitalertragsteuer, und für seine läppischen 800.000 Hektar Landbesitz auch keine Grundsteuer. „Will ich auch!“, denken Sie sich jetzt vielleicht. Pech gehabt. Denn der Club heißt Kirche, während Sie und ich zum Staat gehören und blechen müssen.

Hört auf Benedikt XVI.!

Die Aufklärung ist zum Teufel. Wir leben in einer klerikalen Demokratie. Die Trennung von Kirche und Staat ist nichts anderes als ein Ammenmärchen – das aber schleunigst Wirklichkeit werden sollte. Es ist schlichtweg nicht hinnehmbar, dass eine Institution derlei kaiserliche Privilegien genießt. In Zahlen: Steuererleichterungen von bescheidenen 10 Milliarden Euro jährlich. Hinzu kommen sogenannte „Staatsleistungen“ an die Kirche in Höhe von knapp einer halben Milliarde Euro pro Jahr. Und als sei die Kirche pleite (und die BRD nicht), finanziert der deutsche Steuerzahler obendrein den nicht gerade mickrigen Unterhalt von Bischöfen, Priesterseminaren und zahlreichen Lehrstühlen. Und wer jetzt die sozialen Einrichtungen der Kirchen preist, sei erstens daran erinnert, dass diese häufig nur getauften Clubmitgliedern offenstehen und zweitens, dass man all das auch ohne Gottes Segen aus dem Steuertopf finanzieren kann – angezapft werden genau dieselben.

Die Trennung von Kirche und Staat ist hier und da immer mal wieder Thema, doch wirklich zu trennen traut sich niemand. Das Ganze kam auch 2011 beim Papstbesuch auf den Tisch, als das Oberhaupt der Katholiken im Bundestag sprach. Er sprach aber auch in Freiburg und forderte dort eine „entweltlichte Kirche“, denn „die von materiellen und politischen Lasten und Privilegien befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden“. So Gott will: Warum passiert dann nichts, wenn sogar der Stellvertreter Gottes es wünscht? Und als Sahnehäubchen erinnert sich der konservative Religionsphilosoph Robert Spaemann an ein Gespräch mit Joseph Ratzinger: „Als Erzbischof von München hat er mir einmal auf einem Spaziergang gesagt: ,Wissen Sie, was das größte Problem der Kirche in Deutschland ist?‘ Antwort: ,Sie hat zu viel Geld.‘“

Es ist an der Zeit, dass die hiesigen Kirchen – nicht nur die katholische wohlbemerkt – ihren vorsintflutlichen Sonderstatus verlieren. Es ist an der Zeit, dass aus sämtlichen öffentlichen Einrichtungen das Kruzifix und andere religiöse Symbole verschwinden – der Staat darf sich schlichtweg zu keiner Weltanschauung bekennen, das dürfen allein seine Bürger aufgrund der (durchaus wichtigen) Religionsfreiheit. Es ist an der Zeit, dass Mitarbeiter der Kirche – die in Kindergärten, Verbänden und ähnlichen Einrichtungen häufig erbärmliche Löhne erhalten – endlich streiken dürfen und das sogenannte „Arbeitsrecht der Kirche“ in der Versenkung landet. Es ist an der Zeit, dass in der Präambel des Grundgesetzes der Bezug zu Gott wegfällt. Es ist an der Zeit, dass erst Religionsmündige getauft werden dürfen – eine Praxis, der immerhin die Baptisten nachgehen –, denn nur im Vollbesitz der Urteilskraft kann man sich für oder gegen eine mentale Beschneidung entscheiden. Es ist an der Zeit, dass allerorten das Schulfach Ethik als gleichwertiger Ersatz für den Religionsunterricht anerkannt und angeboten wird. Kurzum: Es ist an der Zeit, dass Kirche und Staat wirklich getrennt werden und keine „gemeinsamen Angelegenheiten“ (res mixta) darstellen: Religion ist nicht Staats-, sondern Privatsache, nicht mehr und nicht weniger.

Schützt das Fliegende Spaghettimonster

Ist all das Blasphemie? Oha, welch Reizwort – und noch so ein fossiles Relikt: der „Gotteslästerungsparagraf“
(§ 166, StGB), der es unter Strafe stellt, gegen die Institution Kirche zu stänkern, wenn man dabei den „öffentlichen Frieden“ stört. Wir dürfen unbehelligt Politiker, Fußballvereine und Promis durch den Kakao ziehen, doch bei der Kirche und ihren Symbolen haben wir schnell den „mittelalterlichen Diktaturparagrafen“ am Hals, wie Kurt Tucholsky das Un-Gesetz treffend nannte. Medien und Künstler werden von der Kirche verklagt, wenn sie ihre Meinungsfreiheit ausüben. Mittelalter nennt man so was. Und mittelalterlich ist auch das, was jüngst der Büchner-Preisträger Martin Mosebach in die Welt posaunte: „Es wird das soziale Klima fördern, wenn Blasphemie wieder gefährlich wird“, um dann hinzuzufügen, dass konfessionsfreie und nichtreligiöse Menschen in der BRD „reduzierte Existenzen“ seien. Herr, lass Hirn vom Himmel hageln. Und dass die Institution Kirche tagtäglich Lesben und Schwule diskriminiert, kümmert Vater Staat ebenfalls herzlich wenig. Wir leben nicht in der absoluten Monarchie des Vatikans (die auf europäischen Boden ein Problemfall für sich ist), sondern in einer Demokratie, die nicht klerikal, sondern säkular sein sollte.

Am Ende aller Tage basiert die einzige Legitimation der Kirche auf Gott – einer metaphysischen Idee, die wir weder beweisen noch widerlegen können. Wenn die Kirche in Gottes Namen massiven Einfluss auf das öffentliche Leben nimmt, kann man auch gleich das Fliegende Spaghettimonster strafrechtlich schützen und begünstigen. Egal, ob man im Privaten nun gläubig oder atheistisch ist: Im öffentlichen Leben sollten wir die Kirche weder im Dorf noch im Staat lassen, sondern dort, wo sie hingehört: im Himmel.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Steve Kennedy Henkel, Hermann Gröhe, Bernhard Felmberg.

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