Ideen brauchen keine Waffen, wenn sie die großen Massen überzeugen können. Fidel Castro

Der Ring des Gyges

Wikileaks ist wieder da – und sollte bleiben. Die Zeit der edlen Lügen ist endgültig vorbei.

„Diplomatie soll immer aufrichtig und vor aller Welt getrieben werden.“ Von Julian Assange? Falsch. Von Woodrow Wilson, Friedensnobelpreisträger und Verfasser des berühmten 14-Punkte-Programms. Aus dieser Schrift von 1918 stammt der Satz. Das Programm gilt als gedanklicher Vorreiter für die Gründung der Vereinten Nationen – doch die Kernaussage gilt vielen Staaten als Schnee von gestern.

Seit September 2011 ist die zentrale Homepage von Wikileaks wieder auf der Bildfläche – und im gleichen Atemzug fordern reaktionäre Politiker, dass Wikileaks sogleich im digitalen Nirwana verschwinde. Bei politischen Philosophen wie Leo Strauss finden die Hardliner den erhofften Beistand: Die Staatsgeschäfte sollten von den Eliten gelenkt werden, und nicht vom unwissenden Pöbel. Und: Es sei völlig legitim, wenn diese Eliten das Volk an der Nase herumführen, wenn es denn nur im Interesse des Allgemeinwohls sei. Im Anschluss an Platon und Machiavelli spricht Strauss von der „edlen Lüge“. Das trägt schon antidemokratische Züge.

Volksvertreter – nicht Herrscher

Natürlich lassen sich nicht alle politischen Belange durch Volksentscheide regeln. Die Bürger können sich schließlich nicht tagein, tagaus mit ellenlangen Gesetzesentwürfen herumschlagen. Deshalb gab es bereits im antiken Griechenland „Volksvertreter“. Aber: Echte Demokratie, also eine „Herrschaft des Volkes“, gibt es nur, wenn wir unseren Repräsentanten jederzeit auf die Finger und in die Karten schauen können.

Wohin führen „edle Lügen“ und ein Verbot von Wikileaks? Der Antidemokrat Platon hätte es eigentlich wissen müssen, denn in dessen Politeia lesen wir vom „Ring des Gyges“: Der einfache Hirte Gyges erhielt einen magischen Ring, mit dessen Hilfe er sich unsichtbar machen konnte. Was tat Gyges? Er tötete König Kandaulus und bestieg dessen Thron. Die Moral von der Geschicht war Platon durchaus klar: Der Ring des Gyges ist ein Prüfstein für moralisches Handeln. Die Macht der Unsichtbarkeit lässt alle Bedenken, Konventionen und Normen herabpurzeln – und wer träumt da nicht von einem Spaziergang im Banktresor?

Gelegenheit macht Verbrecher

Wenn Regierungen den Ring des Gyges tragen und nicht den Atem der Öffentlichkeit im Nacken spüren, verraten sie schnell ihre eigenen Ideale. Paradebeispiel USA: Die selbst ernannte Weltpolizei macht allerlei krumme Geschäfte mit Schurkenstaaten und verstößt in Afghanistan, im Irak und auf Guantanamo gegen allerlei Menschenrechte. Was jeder vermutet hat, kann man bei Wikileaks schwarz auf weiß nachlesen.

Wir werden so lange „edle Lügen“ erleben (oder eben nicht), bis Enthüllungsplattformen wie Wikileaks vollkommen legitimiert und anerkannt sind. Es kann nicht angehen, dass diverse Regierungen die Gelder von Wikileaks einfrieren, die Homepage sperren oder Informanten bloßstellen und somit in Lebensgefahr bringen – Letzteres gilt natürlich auch für Wikileaks selbst! All das sind massive Einschnitte in die Pressefreiheit. Man stelle sich vor, die US-Regierung entzieht anderen Kontrollinstanzen wie der „New York Times“ das Wort.

Kein Zweifel: Der Ring des Gyges führt uns in Versuchung. Doch in Zeiten von Bits und Bytes ist der Kaiser jederzeit nackt. Die Rede vom Informationszeitalter ist keine Worthülse, sie ist Realität. Wikileaks zu verbieten ist daher nicht nur falsch, sondern utopisch. Deshalb sollten sich Politiker zukünftig stets so verhalten, als bewegten sie sich in einem gläsernen Haus. Dann klappt’s auch mit dem Volk.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sahar el-Nadi, Christoph Bieber, Marian Adolf.

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