Lautes Getöse wäre zu einfach gewesen. Blixa Bargeld

Im Zerrspiegel der Realität

Nachrichten und Realität sind zwei Paar Schuhe. Wer das vergisst, der hat ein verzerrtes Bild von der Welt.

Fürchten Sie, dass Nachrichten Ihren Sinn für die Wirklichkeit beeinflussen? Keine Frage, das tun sie. Nachrichten spiegeln nicht die Realität wider – daher erzeugen sie verzerrte Bilder der Welt.

Unser Verständnis von der Welt beruht auf persönlichen Erfahrungen, kulturellen Normen und der medialen Realität. In der großen, weiten Welt kennen wir uns hingegen kaum aus: Wahrscheinlich haben wir noch nie mit Politikern diskutiert, geschweige denn Kriegsschauplätze besucht. So sind viele unserer Stereotype über Menschen in anderen Ländern genau das: ein Resultat kultureller Mythen.

Beispielsweise haben wir jahrhundertealte Bilder von Menschen in anderen Ländern – gute wie schlechte. In der Europäischen Union behindert diese Tatsache zum Beispiel das Finden von Lösungen für die Probleme aller Bürger – die Menschen sind geprägt von Enttäuschungen aus Kriegen und gebrochenen Versprechen. Kann sich die EU also für die Entstehung einer supranationalen europäischen Kultur einsetzen?

Reporter haben andere Prioritäten

Sowohl kulturelle Prägungen als auch persönliche Erfahrungen sind Teil unserer sozialen Identitäten. Beide bilden jedoch bloß den Hintergrund, vor dem sich unser tägliches Leben abspielt. Ein Großteil unserer sozialen Realitäten wird hingegen von medial vermittelten Informationen beeinflusst, die sich von den persönlichen Erfahrungen unterscheiden.

Ein Beispiel: Wir schauen uns ein Fußballspiel zunächst im Stadion an und sehen uns anschließend die Sportnachrichten an. Das Spiel, das wir gesehen haben, unterscheidet sich in wesentlichen Punkten von dem Spiel in den Nachrichten. Unsere Prioritäten sind zum Beispiel andere als die des Reporters – die aus unserer Sicht wichtigsten Spielzüge fehlen also in seinem Bericht. Und weil die Kameras Details des Spiels erfassen, verpassen sie viele Eindrücke aus dem Stadion.

Eigentlich ist das logisch. Wer nach links schaut, sieht nicht, was rechts passiert. Unsere Augen nehmen immer nur einen Teil der Wirklichkeit wahr. Jahrzehntelange Studien haben gezeigt, dass Menschen, die einer Veranstaltung persönlich beiwohnen, andere Eindrücke sammeln als diejenigen, die das Geschehen mithilfe von Fernsehen oder Zeitung verfolgen. Auch wer alle Details des Spiels im Internet verfolgt, hat eine andere soziale Realität als der Fernsehzuschauer und der Zeitungsleser.

Journalisten sind Halbgötter

Fast all unser Wissen stammt aus den Medien. Es braucht also keine Fantasie: An den Milliarden Ereignissen, die tagtäglich auf der Welt passieren, können wir unmöglich teilnehmen. Darum verlassen uns auf das, was uns die Medien mitteilen, sei es in unserem Land oder an weit entfernten Orten wie Brasilien, Vietnam und Libyen.

Die beeindruckende und komplexe Technik der Medien lässt die Nachrichten fast metaphysisch erschienen. Sie hat Halbgötter hervorgebracht, die Informationen sammeln, verarbeiten und wieder aussenden. Berühmte Moderatoren können Kritik oder Lob sowohl mit Worten als auch Gesten ausdrücken. Viele Menschen glauben, die Medienmacher würden ihnen die Welt so zeigen, wie sie wirklich ist. Das sagt mehr über die Gutgläubigkeit der Menschen aus als über kritisches Denkvermögen.

Egal wie glaubwürdig die Nachrichten erscheinen, die Medien haben nicht unser Wohlergehen im Sinne – denn sie übertragen alles, das Gewinn verspricht. (Nichtkommerzielle Medien sind auf Spenden wohlhabender Menschen oder Unternehmen angewiesen.) Aufgrund von ökonomischen und sonstigen Einflüssen können Medieninhalte also gar nicht die Realität abbilden.

Viele Menschen glauben, die Medien seien voreingenommen – was wohl in einigen Fällen auch zutrifft. Zu unterscheiden ist jedoch zwischen Verfälschung und Voreingenommenheit. Denn Letztere geht mit der Absicht einher, jemanden zu bevorzugen oder zu benachteiligen. Fraglos ist manche mediale Berichterstattung von Einseitigkeit und Parteinahme gekennzeichnet, doch meistens versammelt sie bloß Schnappschüsse eines Ereignisses – und nur diese Schnappschüsse unterscheiden sich.

Nachrichten enthalten nicht viel Realität. Denn kein objektiver Betrachter kann bestimmen, was real ist und was nicht. Zwar können wir Medieninhalte mit geltenden Standards – wie etwa organisationsinternen Verhaltenscodes – abgleichen. Das hieße jedoch, den Bock zum Gärtner zu machen.

Woher wissen wir, dass alles real ist? Neurophysiologen sagen, Realität existiert nur in unserem Gehirn. Äußere Reize wie elektromagnetische Strahlung und Luftdruck liefern unserem Gehirn interpretierbare Informationen. Aus solchen äußeren Einflüssen konstruiert jedes Gehirn seine eigene Umwelt. Beispielsweise wird ein unvorhergesehenes Ereignis von der Amygdala – dem sogenannten Mandelkern im Gehirn – wahrgenommen, wo Überraschendes und Angsterzeugendes zuerst ankommt.

Die Realität ist nur so real, wie wir glauben

Noch bevor die möglicherweise bedrohlichen Informationen in den Kontext gesetzt werden, hat die Amygdala schon verschiedene Hormone ausgesandt. Darunter diejenigen, die Atmung und Blutdruck regulieren. Danach erst entscheidet der Kortex, die Hirnrinde, ob die Bedrohung ernst ist.

Unser Gehirn sagt uns, was real ist, und greift dabei regelmäßig auf widersprüchliche Informationen aus Medien zurück. Die Abendnachrichten melden, es sei gesund, Heidelbeeren zu essen. Am nächsten Tag hören wir, dass Heidelbeeren schädlich sind. Welche Realität ist nun real? Die, in der Heidelbeeren gut sind – oder die, in der sie schlecht sind? Wir leben in einer medialisierten Welt voller Ansichten, die wir mit anderen Menschen teilen. Und so sind wir alle der Meinung, dass ein roter Apfel rot ist – ganz gleich, ob wir ihn in der Hand halten oder auf einem Bildschirm sehen.

Diese kollektiven Annahmen erlauben uns einen selbstverständlichen Umgang mit vielen Dingen. Um unsere Kinder anzurufen oder die aktuellen Nachrichten zu sehen, brauchen wir nur ein paar Symbole auf unserem Smartphone zu berühren. Nachrichten und Gefühle werden medial vermittelt. Wir leben in einer medialisierten Welt – und die ist nur so real, wie wir es glauben.

Übersetzung aus dem Englischen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Johannes Musial, Hans Mathias Kepplinger.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Medien, Nachrichten, Realitaet

Debatte

Wolfram Weimer erhält Mittelstand Media Award

Medium_f61360f33f

Mittelstands-Verbände küren Medienmann des Jahres

Wolfram Weimer erhält Mittelstand Media Award 2017. Bundesverband mittelständische Wirtschaft zeichnet Münchner Verleger aus. Renommierter Journalist und erfolgreicher Unternehmer zugleich weiterlesen

Medium_f9574af085
von The European Redaktion
27.12.2017

Kolumne

Medium_3b0c51c55f
von Rainer Zitelmann
11.12.2017

Debatte

Alice Weidel kritisiert die Medien

Medium_371470a133

Eine ehrliche Berichterstattung gibt es nicht mehr

Wer als Bürger noch vollumfassend darüber informiert werden will, was hier im Lande los ist, muss auf eigene Faust Pressemitteilungen der Polizei und Regionalzeitungen nach Hinweisen durchforsten.... weiterlesen

Medium_0156d00e54
von Alice Weidel
30.11.2017
meistgelesen / meistkommentiert